Aus der tiefen Bewunderung für die Ozeane und dem Wunsch, zu deren Erhalt beizutragen, gründete André Dias das Unternehmen Wildwatch Algarve. Bei den von ihm organisierten Bootsausflügen geht es nicht nur darum, Wale zu beobachten, sondern auch um zum Schutz der Ozeane aufzurufen
Geboren und aufgewachsen in einer Fischerfamilie, verbrachte André Dias seine Kindheit und Jugend an Bord des Fischerbootes seines Vaters. Stundenlang beobachtete er begeistert das Meer und seine Bewohner und verpasste keinen Dokumentarfilm von Jacques Cousteau. Er fühlt sich als privilegiert, diese Erfahrung an Bord des Trawlers seines Vaters gemacht zu haben, obwohl nicht alles reines Vergnügen war (siehe Kasten). Diese Erfahrung führte ihn dazu, Meeresbiologie an der Universität der Algarve zu studieren und Wildwatch Algarve ins Leben zu rufen, ein Unternehmen, das von Meeresbiologen geleitete Beobachtungstouren mit Schwerpunkt auf Wale anbietet. Sein Ziel, und das des gesamten Teams, ist es, den Kunden durch differenzierte Touren die Komplexität und den Reichtum des marinen Ökosystems zu zeigen, um in ihnen den Wunsch zu wecken, die-Ozeane zu schützen.
Wir treffen uns im Büro des Unternehmens in Ferragudo. Dorinda Gordon heißt uns willkommen – auf Portugiesisch, Englisch oder Schwäbisch – und reicht uns die Schwimmwesten und Jacken, die uns einige Seemeilen vor der Küste warmhalten – vor allem, wenn das halbstarre Schlauchboot Geschwindigkeit aufnimmt. Wir gehen am wenige Meter vom Büro entfernten Kai an Bord und folgen dem Arade-Fluss bis zum Atlantik. Nach einer kurzen Tour entlang der Küste, bei der wir einige Grotten erkunden, fahren wir hinaus.
Acht Seemeilen (14,4 km) vor der Küste sehen wir zwei Boote, die relativ dicht beieinanderliegen. Eines ist ein Fischerboot, das andere ein Freizeitboot für Delfinbeobachtungen. Dazwischen eine Gruppe Großer Tümmler(Tursiops truncatus), die dem Fischerboot folgt. „Große Tümmler sind opportunistische Tiere, die in den Fischernetzen eine einfache Mahlzeit entdeckt haben“, sagt André lächelnd. „Was natürlich für die Fischer sehr ärgerlich ist.“ Die Einstellung der Fischer gegenüber den Delfinen hat sich in den letzten 15 Jahren jedoch stark zum Besseren verändert. Normalerweise informieren die Freizeitanbieter, wenn eine Delfingruppe entdeckt wird, die anderen Boote über deren Standort. Daher befinden sich oft mehrere Boote um die Delfine herum. Dies stellt jedoch einen enormen Stress für die Tiere dar. Deshalb hält André nur kurz an, bevor wir noch einige Meilenweiter Richtung Süden fahren. „Wenn wir hierbleiben und diese Gruppe weiter beobachten, zusammen mit zwei oder drei anderen Booten, ist das wie in einem Tierpark und für die Delfine sehr stressvoll. Das ist nicht die Wildlife-Explorer-Erfahrung, die wir bieten wollen“, erklärt André. „Ich möchte die Wildnis erkunden. An Land ist das kaum noch möglich. Aber im Meer sind die Tiere noch wild. Und das ist meine Berufung: auf dem Meer zu sein und dieses Ökosystem anderen zu zeigen. “Um eine Delfinschule zu finden, ist der Trick nach Basstölpeln und Gelbschnabel-Sturmtauchern Ausschau zuhalten, denn wenn die Gemeinen Delfine(Delphinus delphis) jagen, treiben sie Fischschwärme an die Wasseroberfläche. Ein wahres Festmahl für diese Wasservögel.
Kurz darauf werden wir fündig. Eine Gruppe von etwa zehn Gemeinen Delfinen schwimmt um einen kleinen Fischschwarm. Sie scheinen bereits satt zu sein und eher mit dem Essen zu spielen, da die Jagd am frühen Morgen stattfindet. Daher schenken sie auch uns Aufmerksamkeit. Sie nähern sich dem Boot und schwimmen dabei etwas seitlich, als ob sie uns ebenfalls aus der Nähe beobachten wollen. Große Sprünge vollführen sie nicht, sondern tauchen nur leicht zum Atmen auf. An Bord sind alle begeistert, zücken ihre Handys und strecken die Hand ins Wasser in der Hoffnung, einen Delfinstreicheln zu können. André, der seine an einer Stange befestigte GoPro-Kamera ins Wasser getaucht hatte, ist von den Aufnahmen begeistert. „Das Wichtigste spielt sich unter Wasser ab. Wir aber sehen meist nur die Oberfläche, deswegen ist es so schwer, die Menschen für dieses wahrhaftig besondere Ökosystem zu begeistern“, bedauert er. Sein Ziel ist es, den Menschen das zu zeigen, was ihn am Ozean so begeistert. „Wildwatch Algarve ist mein persönliches Statement. Mit den Touren möchte ich einen Unterschied machen“, so der engagierte Meeresbiologe. Dann geht es mit voller Geschwindigkeit weiter zum Portimão Canyon. Obwohl dieser nicht so bekannt ist wieder von Nazaré, der für die Entstehung der Monsterwellen am gleichnamigen Küstenort verantwortlich ist, ist es ebenfalls ein sehr besonderer Ort.
In diesem Gebiet, 14 Meilen, also 25,2 km von der Küste entfernt, haben André und sein Team dieses Jahr bereits Gemeine Delfine und Große Tümmler, Unechte Karettschildkröten(Caretta caretta), einen Finnwal (Balaenoptera physalus), einen Buckelwal (Megaptera novaeangliae), einen Seiwal (Balaenopteraborealis) und einen Gewöhnlichen Schweinswal (Phocoena phocoena) beobachtet. Zwergwale (Balaenopteraacutorostrata), die die häufigste Art in dieser Region darstellen, konnten in dieser Saison noch nicht gesichtet werden, ebenso Schwertwale (Orcinus orca), die im Juni und im September, wenn sie den Thunfischen auf ihrer Migration ins Mittelmeer folgen, hier gesehen werden können. Seit der Gründung des Unternehmens vor zwölf Jahren verzeichnete das Team viele Sichtungen. Neben Gemeinen Delfinen und Großen Tümmlern wurden auch Rundkopfdelfine (Grampus griséus)gesichtet. Als Glückspilze können sich diejenigen bezeichnen, die Blau-Weiß Delfine (Stenellacoeruleoalba), auch Streifendelfin genannt, oder einen Buckelwal (Megaptera novaeangliae) entdecken konnten. Beide Arten sind eine Seltenheit vor der Algarve-Küste. Weitere seltene Gäste in diesen Gewässern sind die bis zu 25 Metergroßen und 70 Tonnen schwere Finnwale (Balaenoptera physalus): Erstmals wurden diese, nach dem Blauwal die zweitgrößte Walart, 2016 vor der Algarve beobachtet. Ein besonderes Erlebnis war auch die Sichtung von Grindwalen (Globicephala macrorhynchus), auch Pilotwale genannt, im Jahr 2017. Es war das erste Mal, dass das Wildwatch-Team diese Delfinart hier ausmachte. Uns gelingt es, zwei junge Unechte Karettschildkröten zu entdecken, die von den Strömungen aus dem Mittelmeer hierhergetragen wurden sowie eine weitere Gruppe Gemeiner Delfine. André zeigt uns ein Neu-geborenes. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass er eines sichtet. Es kann frustrierend sein, so viele Meilen zurückzulegen und manchmal keine Wale zu entdecken „Aber das hilft auch, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viele Tiere es hier tatsächlich gibt“, erklärt André.
Doch Wildwatch ist in seinem Unterfangen ziemlich erfolgreich. Im vergangenen Jahr konnten sie bei lediglich zwei Ausfahrten keine Meerestiere beobachten. Es ist diese Bemühung, diese extra Seemeilen hinauszufahren, mit dem Ziel, den Gästen ein besonderes Erlebnis bieten zu können, die Wildwatch von anderen Anbietern unterscheidet. Aber auch, dass die Gäste nachdem Bootsausflug im Büro mit Tee und Kaffee, Feigen und Keksen erwartet werden, um sich gemeinsam die Videoaufnahmen anzuschauen, die während der Fahrt gemacht wurden. Zudem erklärt Lúcia Gregório, verantwortlich für das Umweltausbildungsprogramm des Unternehmens, in welchen Gebieten wir unterwegs waren und welche Spezies gesichtet wurden. Sie berichtet über das Verhalten der Wale, den Einfluss des Klimawandels, den Eingriff der Menschen, beispielsweise durch Überfischung und Verschmutzung – vor allem durch Plastik – und welche Folgen dies hat. „Nachdem man die Wale in freier Wildbahn erlebt und mehr über ihr Verhalten, ihre Fortpflanzung, die Stillzeit oder ihre Ernährung erfahren hat, ist man eher für Umwelt- und Tierschutz sensibilisiert“, weiß Lúcia zu berichten. Am Ende der Tour werden die besten Aufnahmen zusammengeschnitten, mit Hintergrundmusik versehen und jedem Besucher per E-Mail zugeschickt. Ein schönes Andenken an ein einzigartiges Erlebnis, das viele sowieso nie vergessen werden.
Andrés Geschichte
Manch Schlechtes bringt Positives mit sich.
An Bord des Trawlers seines Vaters gab es Momente, die André schockierten und empörten. Zum Beispiel, wenn Delfine in den Fischernetzen gefangen waren und die Fischer Andrés Bitte, sie zu befreien, ignorierten. „Beim Einholen zieht sich das Netz zu, die Fische werden zusammengedrückt und der Delfin kann nicht mehr nach oben entweichen, um Luft zu holen“, erklärt er. „Ich bat darum, die Arbeit zu unterbrechen, um das Tier zu retten. Aber sie waren nur darauf bedacht, die Fische an Land zu bringen. Wenn der Delfin am Ende noch lebte, wurde er ins Wasser zurückgeworfen, wenn nicht, hatte er Pech gehabt. Damals sahen die Fischer in den Delfinen einen Feind und machten sie für die geringen Fänge verantwortlich“, erinnert sich André. Oft kam es daher zu heftigen Streitereien zwischen ihm und seinem Vater. Der Wendepunkt kam an dem Tag, an dem ein Delfinweibchen mit ihrem Jungen im Netz gefangen wurde. „Die Mutter kämpfte mit aller Kraft damit ihr Baby atmen konnte. Ich bat darum, das Netz nicht einzuholen. Es wäre eine Sache von wenigen Minuten gewesen, die Tiere zu befreien.“ Aber die Erwachsenen hörten nicht auf ihn. Das Weibchen schaffte es zwar, das Junge zu retten, starb aber selbst. „Ich war außer mir vor Wut. Das Weibchen hatte sich für ihr Junges geopfert, aber sie waren nicht dazu bereit ihre Arbeit zu unterbrechen, um ein Tier zu retten? Dieses Verhalten war primitiv, sie waren die eigentlichen Tiere. Und natürlich würde das Junge ohne seine Mutter sterben. Dieser Moment war für mich der Wendepunkt“, erinnert er sich.
Aber es war auch der Wendepunkt für alle anderen an Bord des Trawlers. Von einer Sterblichkeitsrate von 80 % der in den Netzen gefangenen Tiere, gingen sie dazu über praktisch 100 % zu retten. Sie arbeiteten sogar gemeinsam an der Entwicklung von Systemen wie Tonsignale, die Delfine von den Netzen fernhalten sollten. Das funktionierte jedoch nicht, da die Delfine das Signal schnell mit den im Netz gefangenen Futter in Verbindung brachten, was die Situation verschlimmerte. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen entwickelten sie eine Planke, die es zumindest ermöglichte, die Delfine mit minimalen Verletzungen zurück ins Meer zu befördern. Die Planke wird heute auf vielen Fischerbooten mitgeführt und André ist weiterhin bemüht, den Fischern einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen zu vermitteln. Zudem arbeitet der Meeresbiologe mit dem Zentrum für Meereswissenschaften CCMAR der Universität Algarve zusammen und führt genaue Aufzeichnungen der gesichteten Tiere, um sie dem Naturschutzinstitut ICNF weiterzuleiten. Außerdem arbeitet er mit dem Walmuseum von Madeira und Dr. Rute Esteban zusammen, die die Interaktionen von Schwertwalen mit Segelbooten an der portugiesischen Küste untersucht. André Dias war und ist stark im Prozess zur Schaffung des Meeresschutzgebietes rund um das Riff von Armação de Pêrainvolviert. Das Riff erstreckt sich von der Marina von Albufeira bis zum Leuchtturm von Alfanzina bei Carvoeiround ist Portugals größtes natürliche Riff. Das Rathaus von Lagoa engagierte André, um der Kommune Beratung in maritimen Angelegenheiten zu gewährleisten.
In ESA 07/24 Text: Anabela Gaspar
Wildwatch Algarve
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Tel.: 282422373 Mob.: 914256887
wildwatch.pt
Instagram/Facebook: Wildwatch Algarve

