Sie werden an die Kette gelegt, im Müll entsorgt oder zurückgelassen. Cadela Carlota nimmt die verlassenen und vernachlässigten Vierbeiner auf und gibt ihnen eine Chance auf ein besseres Leben. Wie eine verloren gegangene Hündin das Leben von hunderten Katzen und Hunden verändert
Text: Janek Subke
in ESA 11/2024
Fast 42.000 streunende Tiere wurden nach Daten des Instituts für Naturschutz und Wälder (ICNF) 2022 auf Portugals Straßen aufgegriffen und in Tierheimen abgegeben. Cadela Carlotas Tierheim begann im selben Jahr besonders aufzublühen. Konstanze Alex ist seit drei Jahren Schatzmeisterin des Vereins und erklärt. „Wir haben konkrete Zukunftspläne und viele Volontäre, die das Projekt unterstützen.“ Ohne die Kerngruppe von circa 25 Volontären ist das Tagesprogramm in den Tierheimen ohnehin nicht zu bewältigen, betont die gebürtige Hannoveranerin. Nicht nur Spaziergänge stehen auf der Agenda. Die Hunde und Katzen müssen sozialisiert, gefüttert und die Gehege gereinigt werden. In Lagos und Almádena betreibt Cadela Carlota außerdem zwei auf Freiwilligenarbeit basierende karitative Läden, in denen gespendete Produkte verkauft werden. Bei Vereinsevents wie Sammelaktionen von Futter und Zubehör in lokalen Supermärkten werden ebenso ständig helfende Hände benötigt.
Das Katzenheim im Zentrum von Lagos beherbergt circa 70 Katzen, die aber bald auf das Gelände des Hundeheims umziehen müssen. Das liegt nahe Odiáxere in ländlicher Umgebung und zählt über 80 Tiere. Dort angekommen, drückt mir der Brite Paul H. sofort Leckerlis in die Hand und fordert mich freundlich dazu auf, ihn auf seiner Runde entlang der großzügigen Zwinger zu begleiten. Er wohnt auf dem Gelände und kennt die tierischen Heimbewohner besonders gut. Der liebesbedürftige, aktive und zutrauliche Branquinho wurde beispielsweise von klein auf vernachlässigt und an die Kette gelegt. Einige Hunde wie Lindo und Simone sind hingegen noch sehr menschenscheu. Eine freiwillige Helferin hat einen besonderen Draht zu ihnen und besucht sie regelmäßig für einige Stunden. Lindo hätte beispielsweise noch Schwierigkeiten, an der Leine zu gehen, werde bei ihr aber allmählich zutraulicher, erklärt Paul den positiven Effekt.
Die Existenz des Tierheims ist Paula Cecília und ihrer Hündin Carlota zu verdanken. Nachdem Carlota zwei Tage lang nicht auffindbar war, erkundigte sich die Halterin im städtischen Tierheim. Tatsächlich war die Hündin dort abgegeben worden und es gab ein freudiges Wiedersehen. Da Paula die provisorischen Umstände dort missfielen, beschloss sie 2008, ein eigenes Tierheim in Vila do Bispo ins Leben zu rufen – Cadela (deutsch: Hündin) Carlota wurde geboren. Vier Jahre später verlagerten sie den Standort nach Odiáxere. Im Laufe der Jahre hat sich einiges auf dem Gelände verändert. Früher lebten alle Hunde zusammen in einem großen Zwinger. Mittlerweile sind sie getrennt, um besser auf die Bedürfnisse der einzelnen Tiere eingehen zu können. Dennoch wird viel Wert auf die Sozialisierung – vor allem mit Menschen – gelegt.
Auch deshalb arbeitet der Verein mit einer Hundetrainerin zusammen. Gail Skinner unterstützt die Volontäre des Tierheims mit Trainingskursen auf der sogenannten „Play Area“. Der weiträumig umzäunte Bereich mit Parkour werde zudem genutzt, damit sich die Hunde, die nicht regelmäßig ausgeführt werden, dort austoben können. Auch ob einzelne Tiere in einem Zwinger miteinander auskommen könnten, werde dort getestet. Denn die Persönlichkeiten sind vielfältig und auch denen der Menschen nicht unähnlich. „Hast du auch Freunde, die so ein bisschen verrückt sind? Also nicht wirklich verrückt, aber sehr energiegeladen?“, fragt Paul, lächelt und deutet auf die Hündin Andreia. „Sie ist eine davon.“
Die Hunde bellen aufgeregt. Sie freuen sich über die Leckerlis und den neuen Besucher. Auch Bono, der vom Volontär Andreas spazieren geführt wird, ist neugierig und schnüffelt an meiner Hand. Andreas geht seit einem Jahr drei Mal wöchentlich mit den Hunden spazieren. Sie gäben ihm mit ihrer Loyalität etwas zurück und inspirieren ihn täglich dazu, mehr im Hier und Jetzt zu leben. Nachdem der Deutsche Videos von geretteten Welpen gesehen hatte, beschloss er, sich auch für den Tierschutz zu engagieren. Viele Freiwillige kommen aus Deutschland, aber auch Portugiesen, US-Amerikaner, Engländer, Schweden und Niederländer engagieren sich tatkräftig.
Wir passieren ein altes Gebäude, das renoviert werden und bald als Kranken- und Quarantänestation dienen soll. Mindestens einmal jährlich breche der Parvovirus aus, der besonders für junge, ungeimpfte Welpen tödlich enden kann. Gerade für solche Situationen wäre eine sofortige Isolation vonnöten. Um weiteren Erkrankungen vorzubeugen, wurde außerdem eine Wasserfiltrationsanlage für das genutzte Brunnenwasser errichtet, die zusammen mit automatisch befüllbaren Wassernäpfen für sauberes Trinkwasser sorgt. Die Futter- und Wasserschalen werden drei Mal pro Woche gereinigt, die Zwinger müssen täglich gesäubert werden. Einmal im Monat kommt zudem ein Tierarzt, um Behandlungen wie Impfungen vorzunehmen.
Sashas und Sandis Beine schmücken Pflaster. Sie wurden erst kürzlich sterilisiert. Das gehöre auch zur Einlieferungsroutine: Die Hunde erfahren eine medizinische Untersuchung, Impfungen, Sterilisation, Futter sowie letztlich Schutz und Liebe.
Hinter der geplanten Kranken- und Quarantänestation wohnen Nina, Nura und Nury. Das Trio gehöre zu den 20 bis 25 Prozent, die vermutlich ihr ganzes Leben im Tierheim verbringen werden, erfahre ich von Konstanze. Sie seien schwer zu sozialisieren. Einige Gehege entfernt erobert die Hündin Stela mein Herz im Sturm. Sie ist schüchtern, nimmt mein Leckerli aber zaghaft auf. „Das ist ein echter Fortschritt“, staunt Paul, der die Interaktion erfreut verfolgt.
Das übergeordnete Ziel des Tierheims ist, so vielen Hunden wie möglich ein ewiges Zuhause zu vermitteln. Über 50 Hunde wurden in diesem Jahr bereits zur Adoption freigegeben. Um zu gewährleisten, dass ein Hund in gute Hände gelangt, wird mit einigen Fragen und einem Hausbesuch geprüft, ob das Zuhause für den Hund geeignet ist. Auch eine Adoption aus dem Ausland ist möglich. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, ein Tier als Pflegefamilie zeitweise aufzunehmen.
Konstanze vermittelt den Eindruck, dass ein Besuch auch ohne den Adoptionswunsch jederzeit willkommen ist, schiebt aber nach. „Am Wochenende sind die Kapazitäten am besten gedeckt. Unter der Woche wäre eine Anmeldung aus organisatorischer Sicht günstiger.“ Wochenends lasse sich außerdem eine schöne Symbiose zwischen Kindern und Hunden beobachten. Einige Volontäre arbeiten im Kinderheim CASLAS in Lagos und begannen vor drei Jahren, ihre Schützlinge zum Hundeheim mitzubringen. Die Kinder sind auf den Hundespaziergängen dabei und erhalten ein Freiwilligen-Zertifikat. Der Austausch entlockt den Kinderaugen ein Strahlen und lässt Hundeschwänze wedeln. „Sie sehnen sich alle nach Liebe und Zusammenhalt“, verdeutlicht Konstanze.
Am 4. Oktober, dem Welttiertag, besuchen die portugiesischen Freiwilligen mit den Hunden und Katzen die örtlichen Schulen und laden auch Schulklassen auf das Gelände ein, um sie für den richtigen Umgang mit Hunden und Katzen zu sensibilisieren.
Als Schatzmeisterin muss sich Konstanze aber primär anderen Aufgaben widmen. Denn nur die Hälfte seiner Ausgaben kann der Verein mit den regelmäßigen Unterstützungen vonseiten der Stadtverwaltungen von Lagos und Vila do Bispo sowie Nandi decken, einer in Lagos ansässigen Wohltätigkeitsorganisation mit dem Ziel, Geld für Sterilisationsprogramme, tierärztliche Behandlungen und Tierfutter zu sammeln. Somit ist Cadela Carlota auf vielfältige Unterstützung und Eigeninitiative angewiesen. Diese reicht vom jährlichen Mitgliedsbeitrag von 30 Euro, über Volontärarbeit bis zu Tierpatenschaften. Auch Geld- und Sachspenden seien jederzeit willkommen. Bei Letzteren könnte es sich um Näpfe, Leinen, Futter, gebrauchte Kleidung, die wiederum in den karitativen Geschäften verkauft werden kann, oder auch Möbel handeln. Sie deutet auf die Gehege: Lokale Baumärkte und Hotels unterstützen beispielsweise mit Hütten, aussortierten Liegen, Decken und Sonnensegeln.
Zudem sind Crowdfunding-Aktionen unabdingbar, um notwendige Projekte zu realisieren. Erst im vergangenen Jahr hatte die Non-Profit-Organisation mit Hilfe einer solchen Spendenkampagne, das Land, auf dem das Hundeheim steht, nach knapp zwölf Jahren Pacht gekauft, um die Zukunft der Tiere zu sichern. Auch das neue Katzenheim soll auf dem 1,8 ha großen Gelände entstehen. Die Stadt Lagos, die das Gebäude des derzeitigen Standorts zur Verfügung gestellt hatte, möchte die Räume anderweitig nutzen, weshalb der Umzug unabdingbar ist. Das Spendenziel wurde aber noch nicht erreicht. So hohe Summen seien für die Organisation nur schwer zu stemmen, gesteht Konstanze. Deshalb ist die Öffentlichkeitsarbeit des Tierheims von immenser Bedeutung. Vor allem in der Gemeinde Lagos sei Cadela Carlota aktiv und deshalb auch beim dortigen Wochenmarkt sowie bei vielen städtischen Veranstaltungen mit einem Stand vertreten.
„Die Volontäre und die Führung sind mit dem Herzen dabei und sorgen somit für ein herzliches und positives Ambiente“, so Konstanze. Langfristig will Cadela Carlota den Lebensstandard der Tiere weiter erhöhen und hofft auf noch mehr Patenschaften. „Diverse Meinungen zur Lösung von Problemen sehen wir als Vorteil, denn das Ziel ist allen gleich – das Wohl der Vierbeiner!“ Mängel werde es schließlich immer geben und die Arbeit somit nie getan sein.
Cadela Carlota & Companhia
Associação de Proteção de Animais
Estr. de Porto de Mós, Lote 3
8600-513 Lagos
Tel.: 917 448 583
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