Alberto Patruccos Fischskulpturen aus recyceltem Material sind echte Blickfänger, die bei näherer Betrachtung noch beeindruckender sind
Text & Fotos: Anabela Gaspar
in ESA 06/2024
Früher war Alberto Schmied, heute ist er ein „Fisvendisto“ – das bedeutet Fischhändler auf Esperanto, der von Ludwig Zamenhof im Jahr 1887 geschaffenen internationalen Plansprache. Doch Alberto verkauft keine gewöhnlichen Fische, sondern Skulpturen, die aus recyceltem Altmetall und anderen Gegenständen bestehen. Den Markennamen Fisvendisto wählte er, weil Esperanto eine Mischung verschiedener Sprachen ist, so wie seine Skulpturen eine Mischung verschiedener Gegenstände sind.
Es war ein langer Weg von seiner Ausbildung zum Schmied in Turin, Italien, bis zu seinem heutigen Künstlerdasein in der Algarve. Nachdem er zehn Jahre lang eine Schmiedewerkstatt in Italien betrieben hatte, beschloss er, mit seinem Wohnwagen nach Portugal auszuwandern. „Ich lebte in den kalten Bergen und träumte davon, in der Sonne und am Meer zu leben“, fasst er seine Entscheidung zusammen. In der Algarve arbeitete er als Koch, verkaufte handgefertigte Gürtel und Taschen aus alten Reifen, arbeitete bei einer Umzugsfirma und hatte einen Food Truck. Dann kam die Pandemie. „Um mir die Zeit zu vertreiben, aber auch auf der Suche nach einer neuen Einkommensquelle, widmete ich mich wieder dem Upcycling und wurde zum Fischhändler“, erzählt er lächelnd. Erfreulich war natürlich, dass seine Skulpturen auf großes Interesse seitens Kunsthandwerksgeschäften und Galerien stießen. Auch uns fielen seine bunten Fische im Internet auf, erst recht, als wir sahen, woraus sie bestehen.

Beim genaueren Betrachten von Albertos Fischen bemerkt man, dass sie aus Küchenutensilien, Türgriffen, Waschbeckenabflüssen und sogar Motorventilen oder Schallplatten bestehen. Um sie zu kreieren, verbringt Alberto einen Großteil seiner Zeit damit, nach alten Metallgegenständen und Holz zu suchen – bei Schrotthändlern, auf Flohmärkten, Baustellen, Werkstätten, in Mülltonnen und bei Spaziergängen an den Stränden der Westküste nach Sturmfluten. Für den Laien wirkt der Raum, in dem Alberto seine „Schätze“ aufbewahrt, wie ein riesiges Durcheinander. Es ist, als würde man das Haus eines Messies betreten. Aber der Schein trügt. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass alle Materialien nach Metalltyp oder Herkunft sortiert sind. Es gibt Kisten mit Küchenutensilien, andere mit aufgeschnittenen Getränke- und Konservendosen, mit Türklinken, Fahrrad- und Motorteilen oder mit Lampen. Ich entdecke Offenbrenner, Waschbeckenabflüsse, Schubladengriffe, Lampenfassungen, Angelspulen, Wasserhähne, Sägen und Mikrofone. In einer anderen Ecke liegen Holz und Fahrradschläuche.
Das Holz dient als Grundlage, es ist der Körper des Fisches, normalerweise bestehend aus zwei Teilen, zwischen denen sich ein Fahrradschlauch befindet, der eine schmale schwarze Trennung bildet. Das Holz wird dann bemalt oder mit farbigen Papierausschnitten in Kombination mit speziellen Farbeffekten, Blattgold und anderen Elementen dekoriert. Der Kopf ist oft mit Metall von Getränkedosen bedeckt, das Alberto mit Hammer und Punzen bearbeitet, um Linien und reliefartige Formen zu schaffen. Anschließend folgt die Anbringung der Metallteile. Und genau diese Kombination von Teilen macht seine Fische noch spezieller. Plötzlich wird ein Wasserhahn zu einer Brustflosse, ein Waschbeckenabfluss zu einem Auge, ein Schubladengriff zu einem Augenlid, eine Schallplatte zu einer beeindruckenden Rückenflosse oder ein Korkenzieher zu einer Schwanzflosse. Alte Teile erhalten neuen Glanz und lassen Albertos Fische lebendig wirken. Einige scheinen gelangweilt, andere aggressiv oder gut gelaunt. Das liegt daran, dass Alberto der Ansicht ist, dass Fische Charakter haben, nicht nur seine, sondern diejenigen, die man in Ozeanen, Meeren und Flüssen findet. Und genau das hat ihn dazu gebracht, Fische zu kreieren. Aber nicht alle seine Fische sind naturgetreu, einige sind das Produkt seiner Fantasie.
Laut Alberto bestehen die Fische zu 98 % aus recyceltem Material. Die restlichen zwei Prozent beziehen sich auf Nägel und Schrauben, die er zum Verbinden der Teile verwendet, Farben und Klebstoff. Selbst das Papier, das er für die Découpage verwendet, ist recycelt und stammt aus Büchern, die er auf Flohmärkten kauft. Zweifellos sind seine Fische eine ganz besondere Art des Upcyclings. Und Alberto ist glücklich. „Ich verbringe viele Stunden damit, im Müll anderer Leute zu wühlen, aber ich tue das, weil es mich glücklich macht“, sagt er strahlend.
Fisvendisto
Alberto Patrucco
albopatrucco@gmail.com
Instagram: fisvendisto

