Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat im Fall der portugiesisch-brasilianischen Zwillinge Anklage gegen vier Personen erhoben. Den beiden Kindern war 2019 im Hospital de Santa Maria in Lissabon das Medikament Zolgensma zur Behandlung spinaler Muskelatrophie verabreicht worden.
Angeklagt sind der ehemalige Staatssekretär für Gesundheit, António Lacerda Sales, der frühere klinische Direktor des Krankenhauses, Luís Pinheiro, Nuno Rebelo de Sousa, Sohn des damaligen Staatspräsidenten Marcelo Rebelo de Sousa, sowie Daniela Martins, die Mutter der Kinder.
Lacerda Sales, Pinheiro und Rebelo de Sousa wird Amtsmissbrauch vorgeworfen. Gegen die Mutter wurde Anklage wegen schweren Betrugs erhoben.
Der Fall wurde im November 2023 durch einen Bericht des Fernsehsenders TVI öffentlich. Dabei wurden Fragen zu den Umständen aufgeworfen, unter denen die beiden in Brasilien lebenden Kinder Zugang zu der Behandlung im Hospital de Santa Maria erhielten. Die Therapie mit Zolgensma, die das Fortschreiten der spinalen Muskelatrophie bremsen soll, kostete rund zwei Millionen Euro pro Kind.
Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht insbesondere die Frage, wie die Zwillinge Zugang zum portugiesischen öffentlichen Gesundheitssystem erhielten und ob persönliche Kontakte dazu beitrugen, den Zugang zur Behandlung zu beschleunigen. Dabei geriet auch der damalige Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa in den Fokus. Er bestritt, beim Krankenhaus oder anderen Stellen zugunsten der Kinder interveniert zu haben.
Der ehemalige Staatschef bestätigte jedoch, von seinem Sohn Unterlagen zur Situation der Kinder erhalten zu haben. Nuno Rebelo de Sousa wurde später als Arguido (Person, die unter strafrechtlichem Verdacht steht, aber nicht angeklagt ist) in dem Verfahren geführt. Auch Lacerda Sales und Pinheiro hatten bereits diesen Status.
Eine interne Untersuchung des Hospital de Santa Maria kam im Dezember 2023 zu dem Ergebnis, dass die Terminvergabe für die erste Untersuchung der Kinder durch das Gesundheitsstaatssekretariat die einzige festgestellte Abweichung von den geltenden Regeln war. Der Termin fand am 5. Dezember 2019 statt. Im April 2024 kam die Generalinspektion für Gesundheitsaktivitäten (IGAS) zu dem Schluss, dass die Terminvergabe rechtswidrig gewesen war.
Lacerda Sales war zu diesem Zeitpunkt Staatssekretär für Gesundheit. Er bestritt, den Termin selbst vereinbart zu haben, bestätigte jedoch ein Treffen mit Nuno Rebelo de Sousa im November 2019, bei dem dieser ihm von der Situation der Kinder berichtet habe. Später erklärte Lacerda Sales, weder die Terminvergabe veranlasst noch das Hospital de Santa Maria formell kontaktiert zu haben.
Auch Luís Pinheiro, damals klinischer Direktor des Krankenhauses, bestritt, eine entsprechende Anweisung zur Terminvergabe erhalten zu haben. Er wies zudem zurück, dass Lacerda Sales in dieser Angelegenheit interveniert habe.
Marcelo Rebelo de Sousa wurde weder zum arguido gemacht noch angeklagt, obwohl er angeblich über die Vorgänge informiert war und sein Sohn nach den bisherigen Erkenntnissen nur deshalb Zugang zum Gesundheitsstaatssekretär erhielt, weil er der Sohn des Staatspräsidenten war.

