Unterwegs in der Mata Nacional do Barão de São João sind wir nicht nur Rad gefahren, sondern auch geflogen – und zwar kopfüber über das Lenkrad! Der Pinienwald kann jedoch auch zu Fuß erkundet werden und bietet Routen unterschiedlicher Länge.
Vom 3. – 5. November findet in und um den Pinienwald von Barão de São João bei Lagos erneut das vom Naturschutzverein Almargem organisierte Walk & Art Fest statt. Eine Gelegenheit, diesen Wald zu Fuß in Gesellschaft anderer Naturfreunde zu erkunden, Ausstellungen lokaler Künstler zu besuchen oder an verschiedenen thematischen Workshops teilzunehmen. Wir machen uns vorab auf den Weg – nicht zu Fuß, sondern auf dem Mountainbike, da der Wald seit April 2019 das „Zuhause“ des Centro Cyclin’Lagos, des ersten Cyclin’Portugal-Zentrums in der Algarve ist. Dies ist eine Zusammenarbeit der Câmara Municipal de Lagos, des Centro de BTT de Lagos und des portugiesischen Radsportvereins. Neun Radrouten mit insgesamt 300 km Länge und vier Schwierigkeitsgraden sind ausgeschildert. Die kürzeste Route ist 10,5 km lang und hat einen Gesamthöhenunterschied von 200 m, während die längste 65,6 km lang ist und einen Höhenunterschied von 1.014 m aufweist. Alle Routen starten und enden am Kulturzentrum von Barão de São João, wo auch der Radsportverein seinen Sitz und eine Self-Service-Fahrradstation hat. Nachdem wir den Luftdruck der Reifen unserer Mountainbikes in der Station überprüft haben, schwingen wir uns elegant auf die Sättel und folgen dem Wegweiser nach rechts.
Wir, die höchstens drei Mal im Jahr Radfahren, haben uns natürlich für Route 1 entschieden, die kürzeste, und wollen nur gemütlich im Schatten der Pinien radeln und die frische Luft genießen. Dass es nicht so gemütlich wie erwartet wird – vor allem gehofft – stellen wir kurz nach dem Start fest, denn bereits auf den ersten Metern müssen wir kräftig in die Pedale treten, um einen kleinen Hang zu meistern. Auch stellen wir sofort fest, dass die Wege nur für Mountainbikes geeignet sind. Schlaglöcher, Steine und aus dem Boden ragende Wurzeln zwingen uns den Blick aufmerksam auf den Weg zu richten, um rechtzeitig ausweichen zu können und lassen uns jetzt schon bereuen die Räder nicht mit Gelsätteln ausgestattet zu haben.
Die ersten paar Kilometer verlaufen am Rande des Pinienwaldes. Links von uns reicht der Blick bis zu den grünen Hügeln an der Küste und hier und da können wir den Atlantik erspähen. Dann dringen wir tiefer in den Wald ein. Die Pinien spenden nicht nur wohltuenden Schatten, sondern auch einen angenehmen Duft. Entspannen können wir uns allerdings nicht zu sehr. Wir müssen aufpassen, nicht zu schnell in die Kurven oder durch Schlaglöcher zu fahren. In meinem Fall sind es zwei große Steine. Ich kann nicht mehr ausweichen, bremse und spüre sofort, dass das Vorderrad blockiert, das Hinterrad in die Luft geht und dadurch mein Körper über das Lenkrad in Richtung Boden fliegt. Allerdings beobachte ich das Geschehen nicht nur, sondern aktiviere dabei auch meine Gehirnzellen und schaffe es noch, mich mit den Händen abzustützen. Nun liege ich bäuchlings auf dem Boden, den Rucksack auf meinem Kopf und die Beine irgendwie im Rad verfangen. Ich rappele mich hoch. Es ist halb so schlimm. Ich bin mit einer kleinen Schürfwunde auf der Handfläche und zwei Kratzern am Ellbogen davongekommen. Ich schwinge mich wieder aufs Rad – nicht mehr so elegant und selbstbewusst wie zu Beginn, aber immerhin.
Kurz darauf entdecken wir am Wegesrand die ersten Steinskulpturen des 2012 von den lokalen Künstlern Deodato Santos und Francisco Roxo erschaffenen „Passeio dos Poetas“ (Weg der Dichter). Dieser besteht aus Steinen, in denen Fischköpfe und Gesichter oder Blumen gemeißelt wurden. Andere wurden mit kurzen Gedichten versehen, die dem Pinienwald gewidmet sind oder mit Versen über die fahlen Sonnenstrahlen, die es durch die Baumkronen und Äste hindurch schaffen.
Noch ein paar Tritte in die Pedale und wir erreichen bei Kilometer 8,6 den Picknickplatz mit einem alten Brunnen, überdachten Grillplätzen, Holzbänken und -tischen sowie einem kleinen Spielplatz. WCs befinden sich etwas oberhalb am Parkplatz der Anlage sowie ein Trimm-dich-Pfad. Wir legen eine kleine Rast ein und ich nutze die Gelegenheit, um meine Kratzer zu reinigen.
Auf den letzten zwei Kilometern erwarten uns noch einige Überraschungen, sowohl künstlerischer als auch sportlicher Natur. Nahe des Picknickplatzes entdecken wir die Installation „Cemitério dos Piromaníacos“ (Friedhof der Brandstifter) von Fernando Carlos Ianú, die aus Riesenstreichhölzern inmitten verbrannter Äste besteht – ein Mahnmal des Feuers, das im Sommer 2020 hier in der Nähe wütete – und kurz nachdem wir die breite Schotterstraße überqueren, drei lustige Hexen um einen Kessel herum. Es stellt sich aber heraus, dass es „Wächter des Pfades“ von Francisco Roxo sind. Beide Installationen wurden im Rahmen des Walk & Art Fest aufgestellt. Man kann zwar auch den breiten Schotterweg zurück zum Startpunkt nehmen, aber dann trifft man nicht auf die Wächter.
Wurzeln und Schlaglöcher gibt es auf dieser Strecke nicht mehr, dafür tückische Kieselsteine, die dazu führen, dass mein Hinterrad ab und zu wegrutscht. Wenige Meter später gibt der Wegweiser an, rechts abzubiegen. Von Absteigen steht nichts am Pfahl, doch angesichts der Neigung und der Beschaffenheit des Weges, beschließe ich mein Rad zu schieben. Ein zweites Mal will ich heute nicht „fliegen“. An der nächsten Gabelung steige ich wieder auf den Sattel und fahre die letzten Meter, mit dem Wind in meinem Haar, hinab. Kindheitserinnerungen kommen auf.
Diese Route kann natürlich auch zu Fuß zurückgelegt werden, allerdings gibt es innerhalb des Pinienwaldes auch eigens ausgeschilderte Wanderrouten, wie die ca. 6 km lange Pedra do Galo-Route, auf denen die Chancen, rasenden Radfahrern zu begegnen, geringer sind. Wir trafen zwei Reiterinnen und einen Jogger. Wie man diesen einzigartigen Wald erkundet, entscheidet jeder für sich. An Möglichkeiten mangelt es nicht.
Text: Anabela Gaspar
In ESA 11/23

