Zuhören, träumen, handeln – Wie die Bürgergruppe Mata Viva! den Wald von Barão de São João neu beleben möchte
Als am 21. September 2025 ein verheerender Waldbrand durch die Mata Nacional von Barão de São João im Westen der Algarve raste, schien für viele ein zentraler Teil ihrer Lebenswelt unwiederbringlich verloren. Innerhalb weniger Stunden wurden 129 ha Wald zerstört – rund 60 % des gesamten Waldgebietes. Der „grüne Lungenflügel“ der Gemeinde Lagos lag in Asche, zurück blieben geschockte Anwohner, Trauer, Wut und ein Gefühl tiefer Ohnmacht.
Doch aus diesem Moment der Lähmung entstand etwas Neues: eine Bürgerbewegung, die sich nicht mit Resignation zufriedengeben wollte. Mata Viva! – Movimento estratégico de regeneração da Mata Nacional de Barão de São João ist der Name der Initiative, die sich seither für eine langfristige, ökologische und gemeinschaftlich getragene Regeneration des Waldes einsetzt.
Vom kollektiven Schock zur kollektiven Verantwortung
„Der Brand nahm ein verheerendes Ausmaß an. Wir waren alle wie paralysiert“, erinnert sich Sofia Portela, Initiatorin von Mata Viva!. In den Tagen und Wochen nach dem Feuer wurde im Dorf viel gesprochen: Darüber, was verloren gegangen war – und darüber, ob man überhaupt etwas tun könne. Viele glaubten, dass allein die Behörden zuständig seien. Tatsächlich ist die Mata Nacional Eigentum der Stadt Lagos, verwaltet wird sie jedoch vom staatlichen Naturschutz- und Forstinstitut ICNF.
Sofia Portela hörte genau hin. Und sie kam zu einem anderen Schluss: Auch wenn formale Zuständigkeiten klar geregelt sind, müsse das Engagement der Bevölkerung nicht an der Grundstücksgrenze enden. „Ich dachte: Doch, wir können etwas tun. Zumindest zuhören, verstehen, unterstützen“, sagt sie.
Sie begann, Menschen zusammenzubringen: Anwohner, Naturliebhaber, Menschen mit praktischer Erfahrung in Waldregeneration – vereint durch ihre Verbundenheit mit diesem Ort. Ziel war von Anfang an nicht Konfrontation, sondern Zusammenarbeit.
Dialog statt Protest
Der erste Schritt der Gruppe war die Kontaktaufnahme mit dem ICNF. „Wir haben sie eingeladen, zu uns zu kommen und uns zu erklären, welche Pläne sie für die betroffene Fläche haben“, fasst Sofia zusammen. Die Reaktion war positiv. Vertreter des Instituts nahmen an einem ersten Treffen teil und stellten ihr Wiederaufforstungskonzept vor. Dieses sah unter anderem vor, überlebende Akazien – eine invasive Art – wachsen zu lassen, verbliebene Kiefern zu fällen und neue zu pflanzen. In Übergangszonen sollte die Ausbreitung der Akazien kontrolliert werden.
Für die Bürgergruppe war das ein wichtiger Moment. Sie erkannte die Notwendigkeit professioneller Forstplanung – sah aber auch Spielraum für neue Ansätze. Mata Viva! schlug vor, auf einer klar abgegrenzten Fläche von sieben Hektar einen alternativen Weg zu erproben: mit Fokus auf Bodenregeneration, autochthone Pflanzenarten und langfristige Resilienz gegenüber Feuer und Trockenheit.
Sieben Hektar als Experimentierfeld
Anfangs begegnete das ICNF dem Vorschlag mit Skepsis. Man verwies auf die schwierigen Bedingungen: steile Hänge, erosionsgefährdete Böden und die Vermutung, dass jahrzehntelange Kiefernmonokultur den Boden ausgelaugt habe. Doch die Offenheit der Gruppe, sich an den offiziellen Forstmanagementplan zu halten, überzeugte schließlich.
So erhielt Mata Viva! die Verantwortung für ein Gebiet, das nicht nur ökologisch, sondern auch sozial von Bedeutung ist. Durch diese Zone verlaufen stark frequentierte Wanderwege wie der Abschnitt der Via Algarviana, der Passeio do Poeta oder der Percurso da Pedra do Galo. Hier befinden sich auch das ehemalige Gebäude des Forstpersonals und die Picknickanlage – ein Ort, an dem sich Natur, Geschichte und Alltagsleben überschneiden.
Ein Netzwerk aus Erfahrung und Idealismus
Sofia holte gezielt Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund ins Boot. Einige verfügen über langjährige Erfahrung in der ökologischen Regeneration, andere bringen lokales Wissen oder Begeisterung für die Natur mit. Unterstützung kam auch von externen Fachleuten, etwa aus dem Bereich naturnaher Landschaftsgestaltung.
Früh sicherte sich Mata Viva! zudem die Unterstützung der Umweltorganisation Quercus, die Beratung und Setzlinge zur Verfügung stellt. Dennoch war der Gruppe klar: Sie wollte nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. „Wir wollen keine Bäume zur falschen Zeit pflanzen und dann zusehen, wie sie eingehen“, betont Sofia. Statt Aktionismus setzt Mata Viva! auf Geduld und fundierte Planung.
Drei Phasen für einen lebendigen Wald
Das Projekt folgt einem klaren Dreiphasenmodell, das zugleich den Namen des Programms prägt: Escutar (Zuhören), Sonhar (Träumen) und Viver (Leben).
In der ersten Phase geht es darum, den Wald und seine Geschichte zu verstehen. Die Gruppe sammelt Erinnerungen der Bevölkerung: Wie wurde der Wald früher genutzt? Welche Feste, Wege, Tätigkeiten waren mit ihm verbunden? Auch das Erleben des Brandes selbst ist Teil dieses kollektiven Gedächtnisses. Am 24. Mai findet eine Veranstaltung statt, bei der Geschichten, Fotos und Dokumente zusammengetragen und ausgestellt werden. Besucher können dort auch eigene Ideen für die Zukunft des Waldes einbringen.
„Wir wollen nicht nach vorne stürmen, ohne die Vergangenheit zu kennen“, erklärt Sofia. „Diese Erinnerungen sind eine Grundlage für alles Weitere.“
Vom Zuhören zum Visionieren
Die zweite Phase, Sonhar, ist bewusst visionär angelegt. Hier wird die Frage gestellt, wie der Wald in Zukunft aussehen soll. Welche Baumarten sind besser an Trockenheit angepasst? Welche Pflanzen können den Boden bedecken und Feuchtigkeit speichern? Wie lässt sich Biodiversität fördern, ohne neue Risiken zu schaffen?
Ana Carla Cabrita, Naturführerin und aktives Mitglied von Mata Viva!, beschreibt den Prozess als ungewöhnlich konstruktiv: „Schon beim ersten Treffen hat das ICNF gemerkt, dass wir nicht einfach nur kritisieren wollen“, sagt sie. „Es gab einen großen Prozess des Zuhörens – auf beiden Seiten. Sie haben gesehen, dass wir den Wald gut kennen und bereit sind, uns die Hände schmutzig zu machen.“
Handeln mit Weitblick
Die dritte Phase, Viver, beginnt im Herbst. Dann wird umgesetzt, was zuvor gemeinsam „geträumt“ wurde. Ein Schwerpunkt liegt auf den Wasserläufen, die als Schlüsselzonen für die Regeneration gelten. Geplant sind Strukturen zur Rückhaltung von Wasser und Sedimenten, errichtet aus vorhandenen Materialien wie Steinen und verbrannten Baumstämmen.
Größere bauliche Maßnahmen werden über Projekte des ICNF realisiert, das sich um europäische Fördermittel bewirbt. Kleinere Strukturen können von Freiwilligen errichtet werden. Erst danach beginnt die eigentliche Wiederaufforstung – Schritt für Schritt.
Parallel dazu laufen bereits Maßnahmen des ICNF zur Stabilisierung der Böden. Verbrannte Baumstämme werden genutzt, um Erosion zu verhindern.
Langfristig denken: Monitoring und Beteiligung
Für die Gruppe endet das Projekt nicht mit dem Pflanzen der Bäume. Eine zentrale Rolle spielt die langfristige Beobachtung. Lokale Vereine, Pfadfindergruppen, BTT-Fahrer, Jäger oder regelmäßige Spaziergänger sollen helfen, den Zustand des Waldes im Blick zu behalten: Welche Pflanzen gedeihen? Wo braucht es Nachbesserungen? Wo fehlt Wasser?
Diese breite Einbindung ist Teil des Selbstverständnisses von Mata Viva!: Der Wald soll nicht nur regeneriert, sondern wieder als gemeinschaftlicher Lebensraum erfahren werden.
Persönliche Beweggründe
Für viele Beteiligte ist das Engagement auch persönlich motiviert. Petra Schoenke liebt den Wald, wünscht sich aber mehr Vielfalt und weniger schnell brennende Arten wie Eukalyptus und Akazien. „Der Wald sollte in sich selbst lebendig sein“, sagt sie, „mit Kommunikation zwischen den verschiedenen Arten.“
Obwohl sie keine Fachfrau ist, empfindet sie ihre Mitarbeit als sinnvoll: „Ohne die Natur kommen wir nicht weiter. Wir müssen zurück zur Natur – und Mata Viva! ist eine Möglichkeit, genau das zu tun.“
Von 19 auf 109 Mitglieder
Was mit einer kleinen Gruppe begann, ist inzwischen stark gewachsen. Aus den 19 anfänglichen Mitgliedern sind 109 geworden. Organisiert ist Mata Viva! in vier Arbeitsgruppen: ein technisches Team, eine Kommunikationsgruppe, ein Team für institutionelle Kontakte und eine große Freiwilligengruppe für praktische Einsätze.
Mata Viva! ist damit mehr als ein Wiederaufforstungsprojekt. Es ist ein Beispiel dafür, wie aus einer Katastrophe ein kollektiver Lernprozess entstehen kann – getragen von der Überzeugung, dass nachhaltige Waldregeneration nur gelingt, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, zuhören, träumen und handeln.
Wer mitmachen möchte kann sich unter mataviva2025@gmail.com anmelden
Text von Anabela Gaspar, in ESA 04/26

