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Tomar

Von agasparMi. 02. Januar 2019Aktualisiert:Fr. 21. Oktober 2022Lesedauer: 6 Minuten

Die Route zu den Weltkulturerbestätten im Herzen Portugals

Der Templerorden spielte bei der Geburt Portugals eine essentielle Rolle und half der Nation ihre Identität zu formen. In Tomar errichtete der Orden eine Bastion mit Klosterkirche, die seit 1983 als Insigne Portugals zum Weltkulturerbe zählt

Zu seiner Hochzeit mit der kastilischen Prinzessin Teresa bekam der Graf Heinrich von Burgund eine großzügige Mitgift. Die Grafschaft Portucalia mit Porto im heutigen Norden Portugals. Der Vater der Braut, König Alfonso VI. von Kastilien verlangte von seinem Schwiegersohn Hilfe im Kampf gegen die maurische Herrschaft im Süden. Im Gegensatz zu seiner ambitionierten Gattin, erlag Graf Heinrich aber nicht der Versuchung, Portucalia aus dem kastilischen Einfluss zu lösen, dafür war ihr Sohn Afonso Henriques umso empfänglicher für das Machtstreben der Mutter. Kaum verwitwet, trieb Teresa ihre Vision eines von Kastilien losgelöst eigenständigen Hoheitsgebietes weiter an. Ihrem Sprössling Afonso Henriques gelang es, für seinen Plan die Mauren aus dem Süden „seines“ Gebietes zu vertreiben und sich von Kastilien zu lösen, Verbündete zu erwärmen.

Der erste europäische Nationalstaat gebar mit der Hilfe des französischen Abtes der Zisterzienser, und Verfechter der Kreuzzugidee, Bernhard von Clairvaux. Dank seiner Fürsprache wurde Portugal erstmalig durch die römische Kurie als eigenständig anerkannt. Der 29-jährige Afonso Henriques inthronisierte sich 1140 in Guimarães zum 1. König von Portugal und wies seine Kämpfe gegen die maurischen Besetzer als Kreuzzüge aus. Ein überaus geschickter Schachzug. Denn damit gewann König D. Afonso Henriques die volle Legitimation für ein von Rom anerkanntes christliches Königreich, konnte gen Süden in den Krieg gegen die Mauren ziehen und behielt gleichzeitig den Rücken frei an der Grenze zu Kastilien, da das benachbarte Königreich dieselbe Mission erfüllte.

An der Seite des ersten Königs kämpften militärisch geprägte Ordensritter, die das Land formten und prägten. Die Ritterschaft begriff sich für das werdende Königreich als Schutzschild, Escudo genannt. Allen voran die Ritter des Templerordens.

Die einstigen Wächter im Salomonischen Tempel in Jerusalem, genannt Templer, avancierten zur Bruderschaft zum Schutze der Bundeslade. Von diesem Moment an galt der mystifizierte Schrein als Templerschatz. Das Siegel des neu gegründeten religiös-militärischen Ordens, zeigt ein Pferd mit zwei Reitern, das rote Kreuz auf der Standarte symbolisiert ihren Auftrag, als Miliz Christi und Kreuzritter die Christenheit und den Tempel in Jerusalem zu verteidigen.

Nach Portugal gelangten die ersten Tempelritter 1126. Befehligt von Heinrich von Burgund kämpften sie gegen die in die Grafschaft Portucalia einfallenden Sarazenen. Ihre Belohnung war die Liegenschaft Soure im südlichen Distrikt von Coimbra, wo sich der erste Ableger der Templer niederließ.

Für König D. Afonso Henriques eroberten Ritter des Templerordens 1147 Santarém und Lissabon, drangen weiter gen Süden nach Évora und bis an die Algarve vor. Für diese siegreichen Rückeroberungsschlachten übertrug der erste König von Portugal dem Templerorden die Liegenschaft Tomar am Fluss Nabão nördlich von Santarém im heutigen Verwaltungsbezirk Leiria.

Der vierte Großmeister der Templer in Portugal, D. Gualdim Pais, legte in Tomar am 1. März 1160 den Grundstein für den Hauptsitz des Ordens. Er ließ ein Burgwehr, eine Kirche und eine Klosterabtei auf dem Hügel der späteren, gleichnamigen Stadt erbauen. Als Hommage an den Salomonischen Tempel und die einstigen Tempelwächter in Jerusalem, ließ der Grã-Mestre die Klosterkirche achteckig, von sechzehn Säulen getragen, konstruieren, die kreisförmig angeordnet den runden Altarraum stützen. Die Charola. Sie allegorisiert den Tempel der Seele, in Anlehnung an die Grablegestelle von Jesus Christus in Jerusalem und den Glauben an die Unsterblichkeit des Geistes.

Über 30 Jahre lang führte der Templer-Großmeister D. Gualdim Pais die Geschicke des Templerordens in Portugal und festigte mit seiner Ritterschaft die Landesgrenze des neuen Königreiches während der Ägide von D. Afonso Henriques und seines Sohnes und Thronfolgers.

Dekade für Dekade rückten die christlichen Rückeroberer mit den Tempelrittern an der Spitze weiter vor nach Süden. Zusammengewürfelt aus mehreren Volksstämmen, mit unterschiedlichsten Kulturhintergründen, Sprachen und Religionen, formte sich zwischen 1139 und 1242 nicht bloß geografisch ein neues Land. Im Zuge der Christianisierung im Süden wuchs, im katholischen Glauben vereint, eine neue Nation heran.

Die einstige Templer-Trutzburg von Tomar, mit ihrer runden Kirche als Insigne für die Standhaftigkeit des christlichen Glaubens, ist somit ein Wahrzeichen für Portugals Geburt und Werdegang. Sämtliche historischen Entscheidungen waren primär darauf ausgerichtet, mit Hilfe der kirchlichen Ordensgemeinschaften das Volk politisch und wirtschaftlich unabhängig zu machen.

Während der Ägide des portugiesischen Königs D. Dinis wurde der Templerorden in Frankreich 1312 aufgelöst, die Ritterschaft der Häresie sowie der persönlichen Bereicherung beschuldigt und kirchengerichtlich verfolgt. König D. Dinis weigerte sich jedoch, die in Portugal ansässigen Tempelritter an Frankreich auszuliefern und gründete 1319, mit päpstlicher Bulle bestätigt, den portugiesischen Christusritterorden. Die Liegenschaften der Templer, allen voran die Bastion in Tomar, fielen zurück an das Königreich und wurden 1357 dem eigenen Orden übertragen. Seither heißt die frühere Templerburg in Tomar, Convento de Cristo.

Zu dem seit 1983 zum UNESCO Weltkulturerbe erhobenen kunsthistorischen Juwel, hat sich die ursprüngliche Festung aber erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte gemausert. Sämtliche Burgherren von Tomar haben sich in der imposanten Anlage, in ihrem architektonischen Verständnis, mit einer Bauerweiterung ein Denkmal gesetzt. Wie in einem Bilderbuch erzählt die Burg und seine in Europa einzigartige Charola von der spirituellen und von der, unter kunsthistorischen Aspekten betrachtet, ästhetischen Entwicklung des Landes. Im Ursprung gotisch-romanisch, weist die Bastion mit Klosteranlage chronologisch Stilelemente aus der Renaissance und deren Spielarten auf sowie die weltweit einzigartige, steinerne Manuelinik-Kunst. Das berühmteste Fenster Portugals ist für diese, nach König D. Manuel I. benannten Steinmetzkunst, ein artistisches Paradigma. Ein Erbe des Souveräns in Andenken an die Entdecker-Epoche, gekrönt vom Ordenskreuz der Christusritter. Bekränzt von einem in Stein modellierten Schiffstau, umschlungen mit dem Gürtel des Königs. Sämtliche nach und nach auf einer Gesamtfläche von über 50.000 Quadratmeter erbauten Kreuzgänge, Atriumhöfe, Terrassen, Schlafräume, Pilger-Herberge und Gärten des Convento de Cristo, laden den Besucher ein zu einer Erkundungstour durch Portugals Architekturgeschichte. Die zunächst völlig abgeschirmt von den großen historischen Ereignissen in Europa im auslaufenden Mittelalter, auf sich konzentrierte Nation, faltete sich mit Beginn der Entdecker-Epoche auf wie ein Pfau sein schmuckes Pfauenrad und Portugal betrat die Weltbühne. Das Convento de Cristo legt für diesen Wandel Zeugnis ab.

In Gedenken an die maßgebliche Rolle der Templer bei der Identitätsfindung Portugals sowie an die Grundsteinlegung für ihr Ordenszentrum vor 858 Jahren in Tomar, zelebriert die Stadt den 1. März als ihren Städtetag. Anfang Juli lässt Tomar das Ritterleben auf dem Mittelalterfest Festa Templária, und damit jedes Jahr den Geist der Wächter des Salomonischen Tempels im Convento de Cristo auferstehen.

Convento de Cristo
Öffnungszeiten:
Oktober – Mai 9 – 17.30 Uhr
Juni – September 9 – 18.30 Uhr
Eintritt: € 6
www.conventocristo.gov.pt

Online-Broschüre:
Tourist Guide to World Heritage Sites (englisch)
https://www.visitportugal.com/sites/default/files/BrochuraRTPM_NoCoracaoPortugal_EN.pdf

App Download:
https://jitt.travel/portugalworldheritage/pt/#anchor-templarios

Text und Fotos: Catrin George Ponciano in ESA 01/2019

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