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Kunst & Kultur

Lesetipp für den Sommer

Von agasparDo. 07. Mai 2020Aktualisiert:Fr. 21. Oktober 2022Lesedauer: 9 Minuten

„Leiser Tod in Lissabon“ ist Catrin George Poncianos erster Roman. Ein psychologisch fein gesponnener Krimi, der die Leser tief in die Verstrickungen zwischen der früheren Geheimpolizei und den heutigen politischen Machthabern von Lissabon führt. Trotz Covid-19 hält der Verlag am geplanten Erscheinungstermin am 21. Mai fest. Den ESA-Lesern verrät die Autorin was ihr als Inspiration diente

Dein erster Roman. Ein Traum, der in Erfüllung geht?
Jedes Buch ist ein Traum. Bücher erzählen Geschichten, in denen abertausende Träume niedergeschrieben stehen und bei Lesern etwas zum Schwingen bringen. Vor zehn Jahren wollte ich bereits einen Roman schreiben, einen Kriminalroman, aber daraus ist nie etwas Konkretes entstanden. Die Journalistik und das Verfassen von Reiseführern haben mich indessen gut beschäftigt – und rundum ausgefüllt – und beschäftigen mich weiterhin. Ich schreibe über Portugal und lerne bei jedem Artikel, für jedes Buch, etwas Neues über meine Wahlheimat und damit über die Geschichte Europas und der Welt. Eine nicht enden wollende Gedankenreise. Eine Liebes-beziehung im literarischen Sinne. So bleibt Portugal mein Metier. Der Roman rückte während dieser Dekade unterwegs ins Abseits, ohne Groll. Und plötzlich, im August 2018 flammte der Wunsch einen Roman zu schreiben wieder auf.

Was diente dir als Inspiration?
Seit Jahren veröffentliche ich in Andenken an die Nelkenrevolution in Portugal am 25. April 1974 Artikel und Gastbeiträge in diversen Print-Medien. Meine stille Bewunderung für all die Aktivisten in jener Zeit vor 1974 in Portugal wächst mit jeder Recherche. Schon länger trug ich den Wunsch in mir, etwas Umfangreicheres darüber zu publizieren und suchte nach einem Kernthema. Nach einer Initialzündung. „Wie hoch muss die Flamme der Herabsetzung der Menschenwürde brennen, um das eigene Leben für den Freiheitskampf aufs Spiel zu setzen“, fragte ich mich, und gestand mir die bedrückende Antwort ein, dass ich es nicht weiß. Bis ich einen Zeitzeugen traf, der mir sein Vertrauen geschenkt und von „damals“ erzählt hat. Was ihn zum Kampf getrieben hatte. Nämlich die herrschende Ungerechtigkeit. Erst trat er in eine regimekritische Studentenschaft ein, wechselte später in den Untergrund, und ging letztendlich zum bewaffneten Militär. Welche Repressalien er als Student und Aktivist, sogar als Soldat, davongetragen hat, und dass ihn genau der Zorn darüber dazu bewogen hat, dem Untergrund abzuschwören und in den Militärpolizeidienst einzutreten. Er berichtete davon, wie es gewesen ist, die Revolution in der Nacht des 24. auf den 25. April 1974 mitanzuzetteln, die PIDE-Miliz zu jagen, die Agenten, die ihn Jahre zuvor gequält hatten, zu stellen, sie hinter Gitter zu bringen – und wie verlockend es gewesen sei, sie zu lynchen. Er beichtete mir seine Tränen, als er und seine Einheit die letzten Häftlinge der PIDE-Miliz befreit hatten und die Angst des Volkes besiegt war. Er ließ mich teilhaben an seinem Freudentaumel über die Revolution. Die gewonnene Freiheit. Aber dann kam der heiße Sommer in Lissabon, das politische Tauziehen, der Militärputsch am 25. November 1975. Und plötzlich stand die Freiheit erneut im Fadenkreuz politisch sich wiedersprechenden Interessen. „Ich wusste nicht mehr, an was, oder an wen ich noch glauben sollte“, sagte er zu mir.
In dem Moment macht es klick in meinem Kopf. Da war sie! Die Zündung! „Trotz“ aller Schmerzen, Enttäuschung und Zweifel, hat er weitergekämpft und nicht aufgegeben. Das war das schicksalhafte Zerwürfnis, nach dem ich jahrelang gesucht habe, um eine glaubwürdige Geschichte zu konstruieren. Ich musste diesen Roman schreiben.

Kam dir die Idee für den Plot sofort oder hast du lange daran feilen müssen?
Die erste Idee habe ich schnell wieder über den Haufen geworfen. Sie war viel zu klischeebehaftet und wäre der Geschichte in ihrer emotionalen Tiefe nicht gerecht geworden. Dass ich zwei Erzählstränge flechten wollte, war mir von Anfang an klar. Auch das Motiv für den Mord kannte ich, denn der Quell dafür war die tatsächliche Geschichte meines Augenzeugen. Doch was passierte dazwischen? Schließlich lege ich dem fiktiven Rahmen der Handlung, zeitgenössische politische Fakten zugrunde. Die Trennlinie zu finden, wo ich von den Tatsachen zur Erfindung der Figuren und Geschehnissen ableite, war die größte Herausforderung. Die zweitgrößte war es, die Abläufe logisch zusammenzufügen, damit die zwei von mir ausgelegten Fährten an bloß einem Mordfall wieder zusammenfinden, und alles, was dazwischen passiert, plausibel macht.
Die ersten einhundert Seiten waren rasch geschrieben, die nächsten fünfzig liefen weiterhin flott. Und dann kam der Absturz. Hilfe! Der amerikanische Autor Raymond Chandler sagt, „wenn Sie in Ihrem Krimi nicht mehr weiter wissen, lassen Sie einen Mann mit Pistole durch die Tür treten.“ So ein Joker fehlte mir tatsächlich. Ihn zu erfinden, passierte irgendwie von allein, aber wie passte „der Neue“ in meinen Plot? Nachdem ich diese Aufgabe nach mehreren Versuchen gelöst habe, war ich über das Tempo und die Auflösung des Falls selbst überrascht. Ich hatte zwei Motive für den einzigen Mord in meiner Geschichte geplant, und zwei glaubwürdige Tatverdächtige in Stellung gebracht. Die Krux? Sie haben nichts miteinander zu tun – und doch alles.

War es einfacher oder schwieriger einen Kriminalroman zu schreiben als die Reiseführer und Kochbücher, die du veröffentlicht hast?
Weder noch. Die Arbeit ist eine andere. Belletristisch schreiben fordert eine andere Verwendung von Sprache. Es entstehen Dialoge, Pointen, Gedankensöge, die den von mir erfundenen Protagonisten entsprechen. Sprache soll Charaktereigenschaften sichtbar machen, ohne sie zu beschreiben. In der Journalistik und beim Sachbuch gelingt das durch bildhaft formulierte Szenen, damit ich dem Leser Bilder schenke. Im Roman muss ein Bild das nächste ablösen, und trotzdem harmonisch zusammenpassen. Struktur ist deswegen, für mich, das allerwichtigste bei der Arbeit an einem Roman. Ein Roman fordert mich, meinen Lesern 280 Seiten lang Unterhaltung und Spannung zu bieten.
Für einen Reiseführer oder einen Artikel wähle ich eine Essenz für den Inhalt aus, und baue den Text drumherum auf. Das Aussuchen dieser Basis und die nötige Recherche darüber benötigen manchmal mehr Zeit als der eigentliche Schreibakt. In einem Roman multiplizieren sich die Essenzen um die Basisessenz herum. Verliere ich diese Basis aus den Augen, weil ich davongaloppiere und mich hinreißen lasse, verliere ich mich in meinem eigenen Gedankenlabyrinth und kann den Ariadnefaden wieder neu aufrollen.

Ist die Recherchearbeit ähnlich?
Recherche ist immer gut. Und immer notwendig. Prinzipiell tendiere ich zu Recherche auf Papier, will sagen, in Bibliotheken und im Archiv von Nachrichtenblättern, im Nationalarchiv, in Museen, je nach Thema. Über die Nelkenrevolution von Portugal existiert mehr Material, als man auswerten kann. Über den „politisch heißen Sommer in Lissabon 1975“ stößt man eher spartanisch auf glaubwürdige Quellen, die brisante Hintergründe tatsächlich benennen und aufdecken, sowie die Namen aller involvierten Personen. Dafür stand Portugal 1974/75 nicht genügend im Fokus der internationalen Presse. Interessant für Auslandskorrespondenten war damals das Mitverfolgen der Rückgabe der afrikanischen Kolonien, die ersten Neuwahlen, und die Neubildung eines Kabinetts in Portugal. Aber was in Lissabon zwischen März und November 1975 auf der Straße und in der Militärpolizei passiert ist, fand relativ wenig Beachtung.

Hast du dich für die Figuren deines Romans aus deinem Leben inspirieren lassen oder sind sie zu 100 % erfunden? Hat deine Protagonistin, die Ermittlerin Inspetora-Chefe Dora Monteiro Eigenschaften von dir?
Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben. Somit leben Figuren in Büchern von der Inspiration durch das Wahrnehmen wahrhaftiger Menschen. Einmal aufgestanden in meinem Kopf, fangen die Protagonisten an zu laufen, und todsicher nicht dorthin, wohin ich sie schicken möchte. So wie im wirklichen Leben. Meine Figuren laufen zu lassen und sie dabei zu beobachten, was sie tun, wie sie agieren und reagieren, was sie traurig, glücklich, wütend macht, lässt sie für den Leser erst wirklich werden. Dora Monteiro, meine Protagonistin und Inspetora-Chefe in der Mordkommission in Lissabon, zeigt Charakterzüge, die mir durchaus nicht fremd sind. Mir nicht – und allen anderen Frauen auch nicht. Dora vereint in sich Ängste, Zweifel, Sehnsüchte, die wir kennen. Es kommt allerdings auf den Moment an, wann Dora sie fühlt. Weil sie im Buch in den von mir erschaffenen Situationen gar nicht anders fühlen oder reagieren könnte. Sonst wäre ihre Figur flach, ihre Persönlichkeit schemenhaft, und Dora als Protagonistin nicht präsent. Für meine Geschichte brauche ich aber eine absolut präsente Protagonistin, die sich von nichts und niemandem aufhalten lässt, nicht einmal von ihrer eigenen Angst.

Wieso spielt dein Roman in Lissabon und nicht in der Algarve?
Lissabon bietet mir für meine Geschichte das gewünschte komplexe politische Umfeld. Lissabon ist die Hauptstadt Portugals, die Wiege der Nelkenrevolution, das politische Herz des Landes. Lissabon spiegelt ihre Vergangenheit wider – ich fange diese Spiegelungen ein. Denn ich entdecke in meiner Lieblingsstadt an jeder Straßenecke Zündstoff für Geschichten. Trotzdem begleiten meine Leser Dora zweimal bis in die Algarve nach Alvor. Mehr verrate ich an dieser Stelle nicht.

Ist dein Roman gleichzeitig auch ein bisschen ein Lissabon-Führer?
„Frau George, sparen Sie nicht mit Lokalkolorit“, hieß es aus dem Verlag. Das Dosieren war nicht einfach. Ich habe das Buntmalen der Umgebung aufgeteilt. Der Leser erfährt immer, wo sich Dora gerade in Lissabon aufhält, eventuell en passant einem spannenden Hingucker begegnet. Dabei streue ich narrativ Informationen ein, die Aufschluss über die Bedeutung eines Monuments geben. Oder was Fado bedeutet. Wie Landhenne mit Kichererbsen schmeckt. Warum Portugiesen abergläubisch sind. Was die „Feira da Ladra“ ist. Welche Rolle Religion heute in Lissabon spielt. Wie sich der Tourismus auf das Leben in Lissabons Altstadt Alfama auswirkt. Solche und weitere Buntmalereien sind ein fester Bestandteil des gesamten Romans und bescheren den Lesern gedanklich die Möglichkeit, meine Protagonistin während ihrer Verfolgungsjagd quer durch Lissabon zu begleiten.

Wird Dora weiter ermitteln? Gibt es bereits Ideen für weitere Romane?
Dora wird vielleicht weiter ermitteln. Eine Idee habe ich bereits. Zudem liegen derzeit zwei Buchverträge auf dem Tisch: „Das Lissabon des Fernando Pessoa“ – eine literarische Begegnung mit dem weltbekannten Dichter und seiner Heimatstadt für den Literaturverlag Edition A. B. Fischer, in Berlin, für die Verlagsreihe „wegmarken“. Das zweite Buch ist ein literarischer Reiseführer und führt meine Leser in das Herz des ehemaligen Lusitaniens, in den Alentejo. Beide Bücher werden im März 2021 publiziert und sofern uns Covid-19 weltweit nicht völlig in die Knie zwingt, auf der Leipziger Buchmesse von mir vorgestellt. Zwei Romanprojekte liegen außerdem auf dem Tisch. Beide haben Portugal als Schauplatz. Mehr möchte ich (noch) nicht verraten. In dieser Hinsicht bin ich abergläubisch.

In ESA 05/2020, Anabela Gaspar

Leiser Tod in Lissabon

von Catrin George Ponciano

Der Hitzesommer hat Portugals Hauptstadt fest im Griff, als ein Toter in der Kirche São Miguel im malerischen Altstadtviertel Alfama aufgefunden wird. Inspetora-Chefe Dora Monteiro erkennt auf den ersten Blick, dass der Mord nicht zufällig genau an dieser Stelle geschah. Ein vergilbtes Foto führt sie auf die Fährte eines mächtigen, aber seit Jahrzehnten tot geglaubten Mannes. Ist er der Mörder? Je tiefer Dora ermittelt, desto mehr gerät sie in ein gefährliches Netz aus alten Seilschaften, die weit in die Geschichte Lissabons zurückreichen …

Emons Verlag
Broschur, 265 Seiten, Euro 13,-
ISBN 978-3-7408-0783-2
Bestellungen bei: EMONS-Verlag und Autorenwelt
Mit Widmung von der Autorin: catringeorge@yahoo.de (zzgl. Portokosten)
Geplante Buchpräsentationen mit Lesung, Häppchen & Wein in der Algarve:
6.6. Lagoa, Convento de São José Lagoa, 19 Uhr
13.6. Aljezur, Biblioteca Aljezur/Rogil, 19 Uhr

Sollten diese Termine nicht stattfinden können, will die Autorin live online vorlesen.
Lesungen in Deutschland unter: www.catringeorge.com/termine


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