Nach der Tour mit dem Drahtesel in der letzten Ausgabe wollen wir nun die Algarve zu Pferd erkunden. Da wir uns aber nicht in den Sattel trauen, entscheiden wir uns für eine gemütliche Kutschfahrt an der Costa Vicentina
Die Algarve bietet tatsächlich eine beeindruckende Palette an Freizeitaktivitäten. Dazu gehört auch das große Angebot der Reitausflügen an der Küste und im Inland. Einen Ausflug in einer Pferdekutsche findet man hingegen seltener.
Wir sind fündig geworden! Horses in the Sun, das Familienunternehmen von Manny und Milton, bietet Kutschenausflüge rund um die Serra Espinhaço do Cão an.
Um dorthin zu gelangen, fahren wir auf der A22 in westliche Richtung und folgen am Ende der Autobahn der N120 in Richtung Aljezur. Nach etwa 8,4 km biegen wir kurz vor der Abzweigung nach Alfambras und Monte Ruivo links auf einen Schotterweg. Hier folgen wir den Wegweisern von Horses in the Sun und nach etwa 2 km erreichen wir eine kleine Oase inmitten von grünen Hügeln. Manny und sein Schwager Milton winken uns freundlich zu. Die Kutsche steht bereit. Madalena und Mourena, zwei Cruzado Português-Stuten, eine Einkreuzung mit Lusitanern, sind eingespannt. Wir nehmen uns die Zeit, um einander Hallo zu sagen und da wir Leckerlies dabei haben, schließen wir auch gleich Freundschaft mit den Pferden.
Manny übernimmt die Zügel, wir nehmen unsere Plätze ein und los geht die Fahrt. Wir folgen breiten Schotterwegen durch die nahezu unberührte Natur. Keine Stadt ist in Sicht und das einzige Geräusch, das wir hören, ist das Klappern der Pferdehufe. Überall um uns herum sprießt das satte Grün aus der Erde. Manny erklärt uns, dass wir in Richtung Bordeira unterwegs sind. Wir passieren Pinienwälder, einzelne Korkeichen und Erdbeersträucher, deren Früchte bereits reif sind und rot leuchten. Am Himmel ziehen dicke Wolken vorbei und ein frischer Wind weht uns entgegen. Gelegentlich bricht die Sonne durch die Wolken und es wird angenehm warm. Wir sehen auch Windräder, deren Rotorblätter sich trotz Wind nicht drehen. Der Grund: Zu dieser Jahreszeit sind hier Tausende Zugvögel unterwegs. Die Windkraftanlagen sind mit Radar ausgestattet, sodass sie sich automatisch abschalten, wenn Vögel, wie die in der Ferne kreisenden Geier, sich nähern. Wir halten an, um die majestätischen Greifvögel zu beobachten, doch schnell werden Madalena und Mourena unruhig. Offensichtlich genießen sie den Ausflug und möchten weiter.
Unser heutiger Ausflug dauert nur knapp eine Stunde und führt uns durch Täler und Hügel. Manny bietet jedoch auch längere Ausflüge an, die Dörfer wie Bordeira, Bensafrim oder Barão de São João miteinbeziehen und ein Picknick oder ein Mittagessen in einer typisch portugiesischen Tasca beinhalten.
Während wir die Aussicht und die frische Luft genießen, erzählt uns Manny, dass er und seine Schwester Ossie in Ferragudo aufgewachsen sind – was sein perfektes Portugiesisch erklärt. Ihre Eltern betrieben dort eine touristische Unterkunft und boten bereits damals Reit- und Kutschenausflüge an. Vor etwa 20 Jahren beschlossen sie, Ferragudo den Rücken zu kehren und sich inmitten der Hügel des Naturparks der Costa Vicentina niederzulassen. „Wir wollten naturnäher leben und verstärkt auf die Pferdeausflüge setzen. Wir kauften uns hier das Grundstück und bauten von Grund auf neu“, fasst Manny die Renovierung der ehemaligen Ruine, die heute das Zuhause seiner Eltern ist, den Bau der Ställe, des Reitplatzes und der Scheunen zusammen. Hinzu kommen zwei Pferdekoppeln und weitläufige Weiden. Doch nicht nur die zehn Pferde sind auf dem Reiterhof von Horses in the Sun zu Hause. Auch drei Katzen, ein Hund, zwei sehr stolze Hähne und viele Hühner leben dort friedlich miteinander. Nur die Meerschweinchen sind in einem separaten Gehege untergebracht.
Nach unserer Rückkehr spannt Manny sofort die beiden Stuten aus und spritzt sie mit Wasser ab. „Das tut den Muskeln nach der Anstrengung gut”, erklärt er lächelnd. Natürlich auch, um den Staub zu entfernen, doch sofort nach der Dusche wälzen sich die Stuten ausgiebig im Schlamm auf dem Reitplatz. Manny und Milton schauen ihnen dabei schmunzelnd zu.
Dann nähert sich uns Milton, begleitet von der braunen Stute Sinoca – gesattelt. „Wollt ihr es nicht doch ausprobieren?“, fragt er augenzwinkernd. Miranda, die in ihrer Kindheit und Jugend regelmäßig geritten ist, lässt sich schnell überreden. Sinoca ist genau die richtige Partnerin – geduldig und ruhig gibt sie auch unsicheren Reitern Vertrauen. Zuerst führt Miranda sie eine Runde an der Pferdeleine, dann steigt sie auf. Nach einigen Schritten kommen Erinnerungen auf. Mirandas Gesicht entspannt sich und bald strahlt sie vor Freude. Dennoch traut sie sich nicht in den Galopp.
Auch Anfängern und Kindern bieten Manny und Milton Schnupperkurse und Ausritte durch die Täler und Hügel der Westküste an. Dabei geht es auch auf schmalen Pfaden durch dichte Wälder. Vor dem Ausritt in die Natur erfolgt jedoch ein 30-minütiges Training auf dem Reitplatz, um Vertrauen zwischen Reiter und Pferd aufzubauen. Bei Ausritten mit Kindern verwenden Manny und Milton ein Führungsseil. „Da die Pferde in der Herde leben, folgen sie einander, aber das Seil bietet zusätzliche Sicherheit“, erklärt Milton. Auf dem Programm stehen auch Reittouren entlang der Klippen und am Bordeira-Strand. Diese sind allerdings fortgeschrittenen beziehungsweise erfahrenen Reitern vorbehalten, denn „am Strand wollen die Pferde sich austoben und auf dem Sand galoppieren“, erklärt Manny. Das nehmen wir uns für das nächste Jahr vor!
Text Anabela Gaspar in ESA 12/23

