Heimat tropischer Vielfalt und sportlicher Extraklasse. Startpunkt der europäischen Kolonisation und Opfer derselben. Seit acht Jahren World’s Leading Island Destination. Gesegnet mit natürlichen Sehenswürdigkeiten und liebenswerten Menschen. Madeira, die Vulkaninsel im Atlantischen Ozean ist eine natürliche Idylle, der gerade ihre Schönheit zum Verhängnis wird
Text & Fotos: Wilfried Nass
in ESA 03/2024
Von alledem wusste ich wenig, als ich mich im Herbst des letzten Jahres zusammen mit meiner Freundin auf den Weg zur grünen Insel machte. Lediglich von immergrünen Bergen und angenehmen Temperaturen hatte ich in Dokumentationen und online gelesen; von leichten Regenschauern, Levada-Wanderungen und traumhaften Ausblicken. Nach Monaten in Portugals Süden schien uns Madeira daher wie eine erfrischende Abwechslung von der ewig sonnigen Küste der Algarve. Wir beschlossen die Insel zu besuchen. Nicht um Ronaldos Museum zu sehen oder um Funchals enge Gassen zu erkunden, sondern um die ausgedorrte Erde des südlichen Festlandes hinter uns zu lassen, um die Natur zu spüren und um dem Leben wieder beim Blühen zusehen zu können.
Doch schon kurz nach der Ankunft bemerkten wir, dass Madeira nicht unbedingt das ursprüngliche Eiland war, welches wir uns ausgemalt hatten. Mit dem Shuttle Bus fuhren wir die südliche Küste entlang vom Flughafen bis Funchal und noch weiter. In einer wolkenlosen Nacht sahen wir ein Licht neben dem anderen, die gesamte Küste war mal dichter und mal spärlicher beleuchtet, aber immer von menschlichen Siedlungen durchzogen.
Auf der beinahe leeren Straße erzählte unser Fahrer von den Widersprüchen der Insel, von den hochmodernen Autobahnen, deren Zölle nur von Touristen bezahlt werden können, von dem weltgrößten Feuerwerk, das an Sylvester 2006 auf der abgelegenen Insel stattgefunden hatte, und von jungen Leuten wie ihm selbst, die der Insel wegen schlechter Bezahlung und mangelnder Arbeit scharenweise den Rücken kehrten.
Doch er war darüber nicht verbittert, im Gegenteil, er erzählte alles mit solcher Offenheit, dass man das Negative in seinen Sätzen beinahe ausblenden konnte. Ich war im Alentejo, in der Algarve und im Minho unterwegs gewesen, doch das Wesen der madeirenses übertrifft die berühmte Gastfreundlichkeit der Festland-Portugiesen. Auch wenn ihre Insel an dem Tourismus und der Bebauung zugrunde gehen sollte und selbst gegenüber den Verantwortlichen dieses Unglücks, die Bewohner Madeiras behalten ihre Herzlichkeit.
Diese Eigenschaft ist schwer zu begreifen. Auf der Insel gibt es Urwälder und Plantagen, zugebaute Küsten und ein unbewohntes Hochland; Kreuzfahrtschiffe und bewohnte Ruinen. Wohin auch immer wir kamen, immer gab es Schatten und Licht auf Madeira.
Wir wohnten in Canhas, in der Estrada da Quebrada, der zerbrochenen Straße, und so wie der Name klingt, so baufällig war auch die Infrastruktur in der Region, aber nur damit die Welt abseits der Straße umso heiler sein konnte. Unser kleines Haus schmiegte sich wie ein Vogelnest in den Felsen und bot uns einen traumhaften Ausblick auf den Ozean. Morgens brachte uns die Vermieterin frische Eier und süßes Brot vom Bäcker. Es hätte ein zeitloser Ort sein können, wenn sich nicht in derselben Straße ein osteuropäischer Milliardär ein betoniertes Ferienhaus mit eingebautem Luftschutzbunker erbaut hätte.
Von unserer Bleibe, welche wie ein Nest aussah und auch so beworben wurde, erkundeten wir die Insel: Wir besuchten die kleinen Hafenstädte an der Küste und wanderten auf das 1.500 Meter hochliegende Paúl da Serra Plateau. Ein Hund aus der Nachbarschaft begleitete uns, ohne dass wir ihn dazu animiert hatten. Die madeirenses mögen gastfreundlich sein, gegenüber der Natur und den Tieren sind sie aber weniger rücksichtsvoll. Denn wie uns unsere Vermieterin erzählte, ist es auf der Insel nach guter, alter, biblischer Tradition üblich, Hunde, wie alle anderen Lebewesen, als seelenlosen Besitz des Menschen zu behandeln. Regelmäßige Schläge und Misshandlungen gelten als normal. Wir tauften den Hund Tuk Tuk und machten ihn zu unserem Freund. Zu dritt durchstreiften wir die Siedlungen, die weitläufigen Bananen- und Eukalyptusplantagen, bis wir endlich im letzten abgelegenen Tal die Natur und die Idylle fanden. Am Ribeira da Janela und im Fanal-Wald gab es noch einen Rest von jenem mystischen Urwald, der uns in den Dokumentationen verzaubert hatte. Stundenlang wanderten wir in diesem Paradies unter Stinklorbeerblättern, auf Wanderwegen entlang der levadas (Bewässerungskanäle) oder um vulkanische Kraterseen, stets verwöhnt von fantastischen Ausblicken.

Die Natur dort ist wunderbar, sie ist so schön, dass wir die Zeit um uns vergaßen. Als sich die Sonne langsam dem fernen Ozean näherte und die Schatten im Urwald länger wurden, waren wir noch immer ausgesetzt in jenem abgelegenen Bergwald. Ein Taxi in dieser Einöde zu finden ist so gut wie unmöglich und zum Laufen fehlte uns die Zeit. Wir gingen also zurück zur einzigen Straße in der Region und streckten den Daumen in die Luft. Und tatsächlich, es dauerte nicht allzu lange, bis ein stotternder Truck an unserer Seite hielt. Ein einheimischer Jäger mit Zigarette im Mund fragte uns, wo wir zu so später Stunde noch hinwollten und nahm uns sogleich mit. Mit Tuk Tuk im Gepäck und einem Haufen abgeschossener Hasen auf der Ladefläche, fuhr uns der rauchende Jäger bis vor die Haustür, obwohl diese sicher nicht auf seinem Heimweg gelegen hatte.
Die Gastfreundschaft Madeiras ist außergewöhnlich, das bemerkte ich im Shuttle Bus, im „Nest“ und bei der Fahrt mit dem Jäger, am stärksten jedoch an einem unserer letzten Tage auf Madeira. Nach einem Ausflug in Jardim do Mar und einem Bad im Atlantik, entdeckten wir auf unserem Rückweg eine Bäuerin, die gerade Kartons voll frischer Bananen auf ihren Van lud. Neugierig, wie Madeiras Lieblingsprodukt wohl direkt nach dem Pflücken schmeckt, wollten wir der Frau einige Bananen abkaufen. Schon als wir uns näherten, lächelte uns die Frau an und schenkte uns eine große Staude grüner Bananen. Auf dem Heimweg trafen wir auf einen Mann, der mit Freunden, seiner Frau und zahllosen kleinen Katzen vor seinem unverputzten kleinen Haus saß und irgendwelches Geäst in seinem Garten verbrannte. Er sah uns vorbeilaufen, bemerkte unsere Bananen, lachte und drückte uns seine eigenen, viel kleineren Bananen in die Hand. Einfach so beschenkte uns dieser Mann mit seinen Früchten und versprach uns einen noch viel besseren Geschmack.
Als wir schließlich nach Hause zurückkehrten, waren wir nicht nur mit Bananen, sondern auch mit einer Fülle von Freundlichkeiten beschenkt worden. Wir probierten die gelben Früchte. Mein Fazit: Madeiras Bananen sind wirklich unvergleichlich, so süß im Geschmack und so fest in der Konsistenz, dass sich mein Mund beim Schreiben dieser Zeilen noch immer nach dieser Köstlichkeit sehnt.
Nach gut zwei Wochen verließen wir Madeira. In Erinnerung bleibt mir für immer die wunderschöne Natur und die Herzlichkeit der Bewohner. Die Inselfrüchte, all die Mangos, Feigen und Bananen, die dort wachsen, sind ein süßer Traum. Bitter aber bleibt der Geschmack, den die Überbevölkerung und der Massentourismus hinterlassen. Viele madeirenses verlassen ihre Insel notgedrungen, während rings um sie Luxusvillen aus dem Boden gestampft werden. Die Wälder werden abgeholzt und machen immer neuen Eukalyptusplantagen und der Zellulose-Industrie Platz. Madeira mag die Insel des Holzes sein, doch wenn es so weitergeht, wird dieser Name eines Tages nur noch blanker Hohn sein. Wer auf Madeira Urlaub macht, sollte das im Hinterkopf behalten. Denn schön ist die Insel allemal, man sollte sie nur nicht zerstören!

