Der Rundwanderweg PR6 Percurso de Marmelete führt durch Wälder mit monumentalen Korkeichen und Eukalyptusplantagen zu einem Aussichtspunkt, dessen Panoramablick genauso atemberaubend ist, wie der von Fóia, dem höchsten Gipfel der Algarve.
Aufgrund der für diese Jahreszeit ungewöhnlich hohen Temperaturen, beschlossen wir eine Entdeckungstour im Monchique-Gebirge zu unternehmen. Dort ist es meistens nicht nur etwas kühler als an der Küste, sondern auch windiger. Zudem verläuft der Großteil der ausgewählten Route im Schatten von Korkeichen- und Eukalyptuswäldern.
Wir verraten hier schon, dass wir absolut begeistert waren! Zwar hat diese circa 10 km lange Wanderung einiges von uns abverlangt, aber sie bietet reichlich Abwechslung, die Landschaft ist unglaublich schön und der Ausblick vom 565 m hohen Picos-Gipfel atemberaubend. Hinzu kommt, dass die Route nicht nur abseits der touristisch erschlossenen Gebieten verläuft, sondern auch relativ neu und daher weitgehend unbekannt ist. Die Route ist allerdings für Menschen mit Gehbehinderungen nicht geeignet. Selbst mit dem geländegängigen Rollstuhl, den Almargem nun zur Verfügung stellt (s. S. 42), kommt man an einigen Stellen, wie beispielsweise am Aussichtspunkt Miradouro dos Picos nicht voran.
Die Route beginnt nahe der Kirche im Dorfkern von Marmelete. Wir werfen einen kurzen Blick auf dieses im 17. Jh. errichtete Gotteshaus, bevor wir zu dem Platz kurz vor der Kirche gehen. Dort stehen vier Wegweiser, drei für die Fernwanderroute GR13 und der für die PR6 MCQ Percurso de Marmelete. Wir folgen der rot-gelben Markierung der PR6 der Rua Francisco Furtado entlang und biegen am Ende der Gasse rechts ab. Hier, am Fonte dos Namorados, dem ältesten Trinkbrunnen im Dorf, trafen sich früher die Verliebten nach dem Gottesdienst, daher der Name. Danach folgen wir rechts vom Brunnen der Rua da Escola bis zur Hauptstraße, überqueren diese und nehmen den schmalen gepflasterten Weg, der uns an einem Gemüsegarten entlangführt. Ein kleiner Umweg, der eigentlich nicht viel zu bieten hat. Man kann an der Straße auch gleich den breiten Schotterweg nehmen. Kurz darauf erreichen wir die dem Heiligen Antonius gewidmete Wallfahrtskapelle. Sie soll Ende des 18. Jh. an der Stelle errichtet worden sein, an der der Heilige einem Hirten erschien und dessen Herde vor Wölfen schützte. Am dritten Wochenende im Juli findet jährlich eine Prozession im Dorf statt, bei der die Figur des Heiligen von der Kapelle durch das Dorf getragen wird. Leider kann die Kapelle nicht besichtigt werden. Nun folgen wir dem Weg links von ihr. Am Wegesrand strecken sich imposante Korkeichen gen Himmel, am Hang stehen Eukalyptusbäume. Wir entdecken blühende Rote Fingerhüte und Thapsia villosa (Achtung, beide sind giftig!), Krause Zistrosen, Rosmarin, Stechginster und Milchfleckdisteln. Etwa 1 km nach der Kapelle geht es rechts ab. Kurz darauf wird die Vegetation immer dichter. Zwischen den Korkeichen wachsen Erdbeerbäume und der ein oder andere Kastanienbaum, der in der Algarve nur im Monchique-Gebirge vorkommt. Im Schatten der Korkeichen ist es so angenehm kühl, dass überall der Farn in sattem Grün strahlt. Die üppige Vegetation ist dem Barranco do Passil zu verdanken. Sehen tun wir den Bach allerdings nicht, auch Wasserplätschern ist nicht zu vernehmen, dafür Vogelgezwitscher.
Sanft führt der Pfad uns durch ein Reich von monumentalen Korkeichen ins Tal hinab. Nur wenige Lichtstrahlen schaffen es durch die Äste. In Covão wundern wir uns Anwohner zu treffen. In einem Haus wohnt angesichts der zum Trocknen aufgehängten bunten Wäsche an der Leine wohl eine junge Familie mit Kleinkind. An einem anderen Haus treffen wir eine ältere Dame, die ihre Kleidung per Hand am Waschtank wäscht. Ein mittlerweile seltenes Bild. Danach passieren wir eine Schweinezucht, die uns zuerst verlassen erscheint, doch die Schweine sind deutlich zu hören. Die Anlage entspricht sicher nicht den europäischen Hygienevorschriften… Kurz darauf begrüßt uns freundlich ein älterer Herr, der sich sichtlich über die Begegnung freut. Das kurze Gespräch mit uns ist sicher eine Abwechslung zum sonst eher einsamen Dasein inmitten der Korkeichen. Allerdings dürfte es hier manchmal auch recht turbulent zugehen. Reste von rot-weißen Plastikbändern an einigen Baumstämmen sowie Hinweisschilder wecken den Eindruck, dass hier Mountainbike- und Motocross-Rennen stattfinden. An einer dieser Stellen ist es nötig, ein wenig zu klettern, was den Wanderern aber durch ein am Stein angebrachtes Eisen erleichtert wird. Danach ist es wie im Urwald. Der schmale Pfad führt uns durch das Dickicht. Davon dass hier nicht viele Menschen unterwegs sind, zeugt der an vielen Stellen mit Vegetation verwachsene Weg.
Nach etwa 3 km durch den Korkeichenwald verläuft der Pfad einige Meter durch eine Lichtung, bevor wir in den Eukalyptuswald eindringen. Diese Bäume sind recht unbeliebt. Sie wurden nicht nur in Monchique, sondern in ganz Portugal für die Zellulose-Produktion eingeführt, entziehen dem Boden das gesamte Wasser, verdrängen einheimische Waldbestände und haben sich landesweit zu einer Plage entwickelt, die sich jedes Jahr wieder in unzähligen Waldbränden akkumuliert. Außerdem vertreiben Eukalyptusplantagen durch den starken Mentholgeruch die Tiere – generell bieten Monokulturen der Tierwelt keinen oder nur geringen Lebensraum – und führen zum Aussterben von Amphibien, die sich einst im wasserreichen Monchique wohl fühlten. Wir wundern uns also nicht, dass wir hier kein Vogelgezwitscher vernehmen. Die einzigen Tiere, die wir erblicken, sind kleine Eidechsen, die schnell an uns vorbeihuschen. Ästhetisch und beeindruckend ist so ein Eukalyptuswald trotzdem.
Der Weg ist gut ausgeschildert, aber an manchen Stellen muss man aufpassen, um die Markierungen nicht zu übersehen, die durch Pflanzen verdeckt sein können. Obwohl wir achtsam sind, verlaufen wir uns und nehmen einen schmalen Pfad durch den Eukalyptuswald, der definitiv als Mountainbike-Strecke angelegt wurde. Erst als wir wieder an einem breiteren Weg ankommen und die Markierungen sehen, merken wir, dass wir von rechts hätten kommen sollen. Ob wir eine Abkürzung oder einen Umweg genommen haben, wissen wir nicht. Wir gehen links weiter und kommen nach wenigen Schritten zu einem enormen Felsen inmitten der Eukalyptusbäume und kurz darauf zu einer Gabelung mit einem kuriosen Wegweiser, der u. a. die Richtung zu Goofy, Genetta, Powerline und Jungle angibt. Hier biegen wir links ab und stehen einige Meter weiter vor dem verschlossenen Tor der Funkstation. Nicht verzweifeln. Der Weg zum Miradouro dos Picos führt – schmal und holprig – rechts entlang der Mauer. Und dann? Ich wiederhole mich ungern, aber dann wird man – wie so oft – für die Anstrengung mit einem atemberaubenden Panoramablick belohnt. Allerdings muss man ein bisschen klettern, um den Ausblick ohne den hässlichen, verrosteten Zaun davor genießen zu können. Vom durch ein Türmchen markierten geodätischen Referenzpunkt blickt man über die Hügellandschaft bis zur Küste und dem Atlantik.
Wer meint, dass es ab hier entspannt zurück nach Marmelete geht, irrt sich. Es folgt ein Abstieg über die Steine am Südhang, der uns zur größten Kletteraktion des Ausfluges zwingt. Dieser Abschnitt ist definitiv nicht für Jedermann geeignet. Alternativ kann man zurück zum Tor der Funkstation und zur Straße laufen und dort der rot-weißen Markierung der GR13 nach links folgen, was übrigens auch eine Abkürzung ist. Wer weiter der PR6 folgt ist kurz nach der Kletterei von jungen Eukalyptusbäumen umgeben, deren Duft noch intensiver ist. An der schmalen Straße angekommen, folgen wir dem Wegweiser nach rechts und kurz darauf führt unsere Route sowie die der GR13 nach links. 400 m weiter erreichen wir eine Gabelung, an der lediglich die rot-weißen Markierungen der GR13 vorhanden sind. Ein Blick auf die Wanderkarte zeigt, dass beide Routen hier weiterhin zusammen verlaufen. Wir nehmen den Weg links, um den Eukalyptuswald herum und biegen nach knapp 700 m rechts ab, um einem Weg parallel zur Hauptstraße zu folgen. Erst 250 m weiter treffen wir links auf die Hauptstraße und kurz darauf sind wir wieder im Ortskern. Laut unserer Trainings-App sind wir in drei Stunden und 40 Minuten knapp 10 km gelaufen, laut Wanderkarte hätten es 8,40 km in maximal drei Stunden sein sollen… Nun ja, wir sind nicht zielstrebig durch den Wald gelaufen, sondern haben uns Zeit genommen und vielleicht kleine Umwege gemacht, um die Natur zu genießen.
Text: Anabela Gaspar
in ESA 06/23

