Bloß nicht ins Wasser fallen – das ist bei Wakeboarding gar nicht so leicht. Der Wake Park Lagos bietet Anfängern die Möglichkeit, die Sportart ohne Wind und Wellen auszuprobieren und Profis neue Tricks zu üben
Um dem heißen Sommer zu entgehen, kann man sich bei Wassersportarten abkühlen und gleichzeitig die Fitness trainieren. Beim Wakeboarding, das in den 1950er Jahren aus dem Wasserski entstand, wird der Fahrer auf einem Snowboard ähnlichen Brett von einem Motorboot gezogen, um über das Wasser zu gleiten und Sprünge auszuführen. Es geht aber auch ohne Motorboot und Wellen. Der Wake Park Lagos, direkt neben dem Flugplatz kurz vor der Stadt, funktioniert mit einem System, bei dem hoch über einem kleinen See ein Kabel hängt, an dem die Leine befestigt ist, die Sportfans dann je nach Leistungsniveau schneller oder langsamer über das Wasser zieht. So können Anfänger an Schnupperkursen teilnehmen und erfahrene Wakeboarder neue Tricks ausprobieren.
Für mich geht es nicht um Tricks auf dem Brett, sondern vor allem um eine neue Erfahrung und Abkühlung. Große Erwartungen, dass ich mich als Naturtalent im Wakeboarding erweise, habe ich nicht. Mein Ziel: Ein paar Meter auf dem Brett stehen und vor allem Spaß haben.
Im Park angekommen, werden wir mit einem strahlenden Lächeln von Charlie aus Deutschland begrüßt und merken sofort, dass hier eine entspannte Atmosphäre herrscht. Kurz darauf gesellt sich der Manager Bence Hérincs zu uns. Aufgewachsen am ungarischen Plattensee, wo es keinen Wind und keine Wellen gibt, machte er seine ersten Erfahrungen mit dem Wakeboard in der Algarve. Nach vielen Jahren als Kite-Lehrer leitet er seit nun drei Jahren den Wake Park Lagos zusammen mit Daniel Loehe von Algarve Watersport, und hat in der Zeit die Anlage liebevoll renoviert und das Angebot in der Bar um gesunde Snacks erweitert.
Bence hat eine lockere Art, spricht fließend Englisch mit leichtem Akzent und ich merke direkt, dass er viel Erfahrung als Trainer hat.
Los geht es mit einem Briefing an Land. Bence zeigt uns die drei wesentlichen Schritte sorgfältig. Zuerst müssen wir im Sitzen die Beine anziehen, die Ellenbogen zwischen die Knie positionieren, den Oberkörper aufrecht halten und die Brust stolz nach vorne strecken. Er gibt uns an Land einen Griff in die Hand und zieht an der daran befestigten Leine. Im zweiten Schritt sollen wir unser Gewicht nach vorne verlagern und uns von der Leine hochziehen lassen. Dabei ist vor allem Körperspannung in den Beinen, im Po und im unteren Rücken notwendig, die über die gesamte Fahrt beibehalten werden muss. So werden beim Wakeboarding nicht nur die Arme und Schultern, sondern der ganze Körper trainiert. Im letzten Schritt wird der Körper in Fahrtrichtung ausgerichtet. Das war es auch schon – den Rest macht die Leine. Was sich recht einfach anhört, stellt sich schon an Land schwieriger heraus als gedacht. Ich verlagere mein Gewicht zu weit nach hinten, später wird das einen Fall ins Wasser bedeuten. Wichtig ist, dass das Körpergewicht gleichmäßig über dem Board und auf beiden Beinen verteilt ist – aber das ist gar nicht so leicht, wenn man von einer Leine nach vorne gezogen wird und nicht ins Wasser fallen will. Bence legt unser Ziel fest: An einem Stück auf die andere Seite des Sees fahren, kurz hinsetzen (ins Wasser) und dann wieder zurückfahren. Das ist für absolute Anfänger wie mich möglich und das will ich auch erreichen.
Dann geht es auch schon los. Vor mir startet Alexander, der wie ich keine Erfahrung im Wakeboarding, dafür aber viel Surf- und Snowboarderfahrung hat. Schwimmweste an, Helm auf, Board an die Füße und ab in den kühlen salzigen See. Elegant schwingt er sich beim ersten Versuch direkt aufs Board und fährt die gesamte Strecke am Stück. Kurz ins Wasser, zurück – keine Schwierigkeiten, kein Fall. Also macht er direkt weiter: einhändig, fährt große und kleinere Schlangenlinien und schließlich eine Wendung, sodass richtige Runden zustande kommen. Bence und ich sind von Alex’ Künsten auf dem Wakeboard beeindruckt.
Dann bin ich an der Reihe. No pressure – von wegen! Nach so einer Glanzleistung werde ich mich bestimmt lächerlich machen. Meinen ersten Fehler mache ich schon, als ich in den See steige. Das Board schwebt nicht vor mir im Wasser, sondern versinkt, und ich stecke fest. Na toll! Mit ein bisschen Hilfestellung finde ich die richtige Anfangsposition und bekomme aufbauende Worte mit auf den Weg. „Vertraue dir, lass das Kabel seine Arbeit tun, entspann dich und genieße die Fahrt.” Ganz langsam baut sich Spannung an der Leine auf. Im Kopf wiederhole ich die Schritte, damit ich die richtige Position auf dem Board einnehme. Doch wenn beide Füße in den im Brett integrierten Stiefeln stecken, kann man sich wirklich nicht so gut bewegen. Die Spannung nimmt zu. Ich soll meinen Blick auf den Pfosten auf der anderen Seite des Sees richten, alles andere wird von allein geschehen. Ich spanne meinen Körper an – Ellenbogen zwischen die Knie und stolze Brust – und richte mich langsam auf, das Gewicht nach vorne verlagert. Es wackelt und schlingert wie verrückt, aber bereits beim ersten Versuch stehe ich aufrecht. Ich kann einige wenige Meter langsam über den See „schlingern“, bis die Leine bremst und ich mehr oder weniger sachte ins Wasser falle. Immerhin ist das Wasser angenehm kühl. Jetzt heißt es umdrehen und zurück – volle Konzentration. In mir breitet sich bereits eine große Freude aus, weil ich tatsächlich bei den ersten beiden Versuchen über mehrere Meter auf dem Board stehe. Zurück bei Bence bekomme ich einige Hinweise von ihm. Mein Gewicht liegt zu sehr auf dem hinteren Bein, sodass das Board vorne aus dem Wasser ragt und ich die Balance verliere. Ich soll mein Gewicht gleichmäßiger verteilen. Es ist wackelig – aber ich fahre. Und dann kommt bereits die Anweisung „Jetzt mit einer Hand!“ Meine Stellung auf dem Board ist noch zu verkrampft und meine Beine zu steif, um balanciert auf dem Brett zu stehen. Aber ich atme tief aus, fixiere den Pfosten auf der anderen Seite und lasse die linke Hand los. Etwas mehr in die Knie und die freie Hand ins Wasser tauchen – es funktioniert! Durch die neue Haltung bin ich auch nicht mehr so verkrampft und kann die Wellen besser mit den Beinen ausgleichen. Das macht Spaß!
Einige Fahrten fühlen sich richtig gut und ausbalanciert an. Sogar ein paar kleine leichte Schlangenlinien kann ich am Ende der 20 Minuten fahren. Bence freut sich für mich, was mich wirklich stolz macht. Ein bisschen erleichtert bin ich dann trotzdem, als die Zeit vorbei ist. Für mich war es ein Ganzkörperworkout. Wieder an Land zittern meine Beine leicht von der Anstrengung und meine Arme fühlen sich schwer an. Was für eine Erfahrung! Und für das erste Mal auf einem Board war es wohl ganz gut. Meine Erwartungen habe ich jedenfalls vollkommen übertroffen und das Ziel erreicht: Ich hatte eine Menge Spaß. Eine erfrischende Dusche, kurzes Dehnen und der Kaffee im Chillout-Bereich des Wake Parks sind die richtige Belohnung. Zufrieden schauen wir den anderen Wakeboardern beim Springen und Fahren zu und genießen die entspannte Stimmung auf der Terrasse am See. Schmunzelnd denke ich mir, dass ich doch ein Naturtalent auf dem Wakeboard bin.
Text: Jonna Hahn
In ESA 08/23

