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You are at:Home»Land & Leute»Geschichte»Portugals Symbolfigur: Der Hahn von Barcelos
Geschichte

Portugals Symbolfigur: Der Hahn von Barcelos

By agasparDi. 08. August 2023Updated:Fr. 20. Juni 20258 Mins Read

Wie kam es, dass ein bunter Hahn zu einem Portugalsymbol wurde, und was hat es mit der Legende auf sich? Wir berichten über die Entwicklung der Figur, wie das faschistische Salazar-Regime sie in die weite Welt hinaustrug und sie zum heutigen Designobjekt mutierte

Barcelos hat eine lange Töpfertradition. Dort wurde vor allem Geschirr hergestellt. Irgendwann begannen die Töpfer kleine Tonfiguren herzustellen, die Alltagsgegenstände und Tiere darstellten. Zu diesen Figuren gehörten kleine Hähne, die als Pfeifen fungierten. 1900 veröffentlichte der Ethnograf Rocha Peixoto in der Zeitschrift Portugália eine Studie über die Töpfereien rund um Barcelos. In dieser schreibt er: „Der Hahn übertrifft an Zahl und Vielfalt alle anderen produzierten Tierarten. Er weist eine edle Haltung, eine große Detailgenauigkeit und Raffinesse der Modellierung auf (…) Seine Stilisierung ist völlig unerwartet für ein Objekt der Volkskunst“. Die Fotos von damals zeigen, dass die Form des Hahns, obwohl er nur 12 cm hoch war, schon im 19. Jh. sehr ähnlich mit der heutigen war. Ein weiterer Beweis dafür ist das Gemälde „Jouets Portugais“ der ukrainisch-französischen Malerin Sonia Delaunay, die zwischen 1915 und 1917 in Portugal Zuflucht suchte, auf dem ein Hahn mit einem Schwanz zu sehen ist, der dem des heutigen ähnelt. Zur gleichen Zeit ­malte Eduardo Viana „Bonecos de Barcelos“, in dem er ­einen Hahn mit einem Kamm darstellt, der sich nach hinten erstreckt. Der nächste bekannte Nachweis eines Hahns aus Barcelos ist ein Foto des portugiesischen Messestands auf der Pariser Weltausstellung 1937, auf dem zwei 45 cm große Tonfiguren zu sehen sind, die, obwohl sie einen kleinen Kamm und noch keine eigenständigen Flügel haben, als „Ursprung“ des echten Barcelos-Hahns gelten. Auch in der Ausstellung der Portugiesischen Welt, die 1940 in Lissabon stattfand, wurden im Pavillon der Volkskunst drei etwa 50 cm große Hähne ausgestellt, die reich mit Reliefblumen verziert waren sowie kleinere Hähne, ebenfalls mit attraktiven Dekorationsschemen.

Nach der Ausstellung hätte der Hahn in Vergessenheit geraten können, aber Fotos aus dieser Zeit zeigen, dass er regelmäßig in Ausstellungen sowie in Fremdenverkehrsbüros zu sehen war, wo er als regionales Kunsthandwerk verkauft wurde. Die Verkaufszahlen müssen hoch gewesen sein, was andere Töpfer dazu ermutigte, ihre eigenen Versionen herzustellen.

Das typische Dekor mit Minho-Motiven, d. h. mit roten Herzen auf schwarzem Grund, erschien Mitte der 1950er Jahre. Zu dieser Zeit wurden auch Änderungen an der Form vorgenommen, von denen jedoch nicht genau bekannt ist, worin sie bestanden. In der Zeitung von Barcelos hieß es im November 1957: „Vor einiger Zeit begann Gonçalves Torres unseren Hahn zu verschönern. Aus seinen Händen stammt der moderne Barcelos-Hahn (…) Er ist nicht mehr einfältig, sondern ein eleganter Hahn, aber er ist immer noch typisch regional. Keiner der früheren Typen hat an Umsatz verloren, (…) aber die modernen werden am meisten verkauft (…) Wir wissen sehr wohl, dass dies die meisten Anhänger unserer Tradi­tion ­schockiert (…) Wo ist der Schaden, wenn weiterhin jeder auf dem Markt Hähne aus allen Epochen finden kann?“ Die Änderungen wurden offensichtlich nicht gut aufgenommen, aber die Wahrheit ist, dass sie sich durchsetzten.

Wer den „ersten“ Galo de Barcelos herstellte ist nicht bekannt. Oft werden die Töpfer Domingos Côto, dessen Familie bis heute noch produziert, und Emídio do Parral zusammen mit Francisco do ­Monte genannt. Der eine erschuf die Figur an der Töpferscheibe, der andere bemalte sie. Andererseits gibt es Stimmen, die argumentieren, dass man nicht von einem „Vater“ sprechen kann, da es sich um volkstüm­liche Kunst handelt, die von vielen Töpfern hergestellt wurde. Allgemein wird angenommen, dass die Änderungen der Form eine Reaktion der Töpfer auf die Bedürfnisse waren. Nämlich größere und hohle Figuren herzustellen, die im Ofen nicht „platzen“ und weil sich größere und auffälligere besser verkaufen ließen als die kleinen Pfeifen-Hähne.

Eine unbestrittene Schlüsselrolle beim Aufstieg und der Verbreitung des Hahns spielte António Ferro, der in den 1940er das Sekretariat für Nationale Propaganda leitete, ein Vorgänger der heutigen Tourismusbehörde.

Bereits während der ersten Republik (1910-1926), führte die Faszination für die Volkskunst zu einer Bestandsaufnahme der wichtigsten Produktionskerne. Mit dem faschistischen Estado Novo Regime begann ab 1926 die „Institutionalisierung des Portugiesischen“. Diese Kampagne zielte auf eine Rückkehr zu Portugals Ursprüngen ab und verherrlichte die volkstümlichen Bräuche und Sitten. Das Sekretariat für Nationale Propaganda – später das Nationale Sekretariat für Kulturelle Volksinformation und Tourismus – war die Einrichtung, die dafür zuständig war. Unter anderem wurde die volkstümliche Kunst auf nationalen und internationalen Ausstellungen präsentiert. Es war António Ferro, der im Rahmen dieser Messen dem Galo de Barcelos eine nationale und internationale Dimension verlieh und ihn zum Symbol Portugals werden ließ, indem er den Hahn für touristische Werbekampagnen nutzte und ihn auf zahlreichen Plakaten – auch über die Grenzen hinaus – verbreitete. 1966, während der Fußballweltmeisterschaft in England, war der Hahn sogar das Symbol der Nationalmannschaft. Diese Werbemaßnahmen machten den Hahn zu einem international anerkannten „Logo“ und trugen den Namen Barcelos in die ganze Welt.

Die Nutzung für touristische Zwecke war auch der Grund, weshalb der Hahn mit der Legende in Verbindung gebracht wurde, die fälschlicherweise Lenda do Galo de Barcelos genannt wird. Laut Überlieferung waren die Bürger des Ortes beunruhigt, weil ein Verbrechen begangen wurde und der Schuldige nicht gefunden werden konnte. Eines Tages tauchte ein Galicier auf, der sich verdächtig machte, und die Obrigkeiten beschlossen, ihn festzunehmen. Obwohl er seine Unschuld beteuerte, glaubte niemand seiner Behauptung, als Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela zu sein, um dort ein Gelübde abzulegen. Der zum Tod durch den Strang Verurteilte bat darum, dem Richter vorgeführt zu werden, der gerade mit einigen Freunden bei einem Festschmaus saß, und wiederholte seine Unschuldsbekundungen. Als niemand ihm glauben wollte, deutete der Galicier auf einen gebratenen Hahn auf dem Tisch und sagte: „So wahr ich unschuldig bin, so wahr wird dieser Hahn bei meiner Hinrichtung krähen.” Und das, was niemand für möglich gehalten hatte, geschah! Als man dem Pilger die Schlinge um den Hals legte, erhob sich der Hahn vom Tisch und krähte. Der Richter rannte zum Galgen, und als er sah, dass ein Knoten im Seil den Tod der Verurteilten verhindert hatte, ließ er ihn augenblicklich befreien und in Frieden seines Weges ziehen. Einige Jahre später kehrte der Pilger nach Barcelos zurück und ließ ein Denkmal zu Ehren des Heiligen Jakob und der Jungfrau Maria errichten.

In Wirklichkeit handelt es sich um die Lenda do Senhor do Galo, die es auch in Spanien gibt. Rocha Peixoto, der 1899 eine umfassende Studie und Bestandsaufnahme der Hähne von Barcelos vornahm, erwähnt diese Legende kein einziges Mal. Die Verbindung soll laut einigen Ethnografen 1960 von Simplício de Sousa hergestellt worden sein, der treibenden Kraft hinter den ersten Handwerksmessen in Barcelos, der darin eine Möglichkeit sah, den lokalen Tourismus zu fördern und die Verkaufszahlen der Töpfer zu verbessern. Pires de Lima, der mit Simplício de Sousa gesprochen hatte, veröffentlichte 1963 das Buch „A Lenda do Senhor do Galo de Barcelos e o Milagre do Enforcado” und erwähnte darin ein mögliche Verbindung zwischen dem Keramikhahn und der Legende. Da es sich um einen renommierten Ethnografen handelte, stellte niemand seine Aussagen in Frage. Noch wichtiger dürfte sein, dass diese religiöse Verbindung der tief katholischen Bevölkerung und dem Salazar-­Regime gefiel. Sie setzte sich so stark durch, dass selbst Behörden bis heute fälschlicherweise von der Legende vom Hahn von Barcelos sprechen.

Mit der Nelkenrevolution fand die Blütezeit des Galo de Barcelos ein trauriges Ende. Alles, was mit dem Regime und dem Nationalismus zu tun hatte, wurde von Künstlern, Gelehrten und der Bevölkerung abgelehnt. Der Hahn geriet jedoch nicht völlig in Vergessenheit, er wurde weiterhin produziert und wurde im Laufe der Zeit sogar zu einer Ikone.

In den letzten Jahren haben junge ­Designer und Künstler das Bild des Hahns für die Herstellung zahlreicher Gegenstände verwendet. Er schmückt Postkarten, Schürzen, Untersetzer oder Geschirr und ist auch als Magnet oder Schlüsselanhänger erhältlich. Einige Künstler, wie Telmo Macedo (­telmomacedo.com), der inmitten der Töpferei der Eltern in Barcelos aufgewachsen ist, haben dem Hahn ein neues, gewagtes und humorvolles Image verliehen, andere behalten die traditionelle Form bei, bemalen die Figur aber nur einfarbig. Unter anderen bietet Casa Grade in Porches, direkt an der EN 125, Hähne in verschiedenen Größen und mit unterschiedlichen Bemalungen sowie Geschirr und Souvenirs mit dem Bild des Hahns an. Die international anerkannte Künstlerin Joana Vasconcelos präsentierte 2016 in Lissabon ihren PopGalo, eine 9 m hohe Skulptur, die mit 17.000 Fliesen und 15.000 LED-Lichtern versehen ist, die mittlerweile auch in Peking, Bilbau, Barcelos und Yorkshire ausgestellt wurde. Aber der Hahn ist schon längst weitergereist. 2007 schlossen sich das Rathaus von Barcelos und die Vereinigung für die regionale Entwicklung von Minho (Adere-Minho) zusammen, um die Zertifizierung der Tonfiguren von Barcelos zu erwirken, mit dem Ziel, sich so gegen die chinesischen Kopien des Hahns zu wehren, die den Markt überschwemmten und zu einem Umsatzrückgang von 60 % bei den Töpfern von Barcelos führten. In China ist der Hahn so beliebt, dass im Dezember 2019 eine Kinderserie (Der ­Panda und der Hahn) ausgestrahlt wurde, in der der Hahn von Barcelos der Held ist. Hierzulande genießt er einen ambivalenten Ruf. Einerseits wird er als Symbol Portugals anerkannt, andererseits gilt er als kitschiges Mitbringsel…

Text: Anabela Gaspar

In ESA 08/23

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