Lagos Mais Verde – Vom Traum zur Bürgerbewegung
Auf einem seit Jahren brachliegenden Gelände mitten in Lagos könnte ein Ort entstehen, an dem Natur und Stadt zusammenkommen. Die Idee dazu hatte Joana Reis schon vor drei Jahren. Heute ist daraus eine Bürgerbewegung geworden. Doch bis aus ihrem „Baby“ ein echter Park wird, ist noch einiges zu tun
Im Jahr 2023 entstand in mir der Wunsch, von Lagos anders zu träumen.“ So beginnt die Geschichte von Joana Reis und ihrem Parque Verde de Lagos. Die Psychologin kannte das Gelände der ehemaligen Schule E.B. 2,3, im Volksmund Ciclo Velho, aus ihrer eigenen Kindheit. Seit mehr als zehn Jahren liegt das Grundstück weitgehend ungenutzt. Als sie daran vorbeikam, begann sie darüber nachzudenken, was aus diesem Ort werden könnte. „Ich hatte das Gefühl, dass unsere Stadt zu einem Betondschungel wird“, sagt sie. „Und dass Lagos einen Ort für die Natur, für die Bewohner und für die Zukunft braucht.“
Das Gelände schien ihr dafür ideal. Joana begann zu recherchieren, beschäftigte sich mit Renaturierung und ökologischer Stadtplanung und schrieb die erste Version des Projekts. Dann ging sie allein damit zur Câmara Municipal. „Damals führte es natürlich zu nichts“, erzählt sie lächelnd.
Aufgeben wollte sie nicht. Sie suchte Menschen, die ihre Idee unterstützen könnten, und fand unter anderem auf der Quinta Vale da Lama, einem Landgut für regenerative Landwirtschaft und Permakultur bei Odiáxere, Mitstreiter. Weitere kamen hinzu. Aus dem persönlichen Vorhaben entstand die Bürgerbewegung Lagos Mais Verde. „Heute ist es kein individuelles Projekt mehr, sondern ein kollektiver Traum“, sagt Joana begeistert. Das Konzept wurde weiterentwickelt und um Vorschläge aus der Bevölkerung ergänzt. Im Kernteam arbeiten Landschaftsarchitekten, Fachleute für Renaturierung und Miyawaki-Wälder sowie Designer.
Warum gerade Lagos einen Park braucht
Für Joana ist die Notwendigkeit eines solchen Parks offensichtlich. Lagos sei in den vergangenen Jahren stark gewachsen, während Grünflächen im Stadtbild immer knapper geworden seien. Sie verweist auf eine städtebauliche Orientierung, nach der jeder Mensch innerhalb von etwa 300 Metern Zugang zu einer Grünfläche haben sollte. In Lagos sei das nicht gegeben. Nach ihrer Berechnung verfügt Lagos lediglich über etwa 5,7 Prozent Grünflächen. Noch im Februar und März dieses Jahres seien im Zentrum von Lagos mehrere Bäume gefällt worden.
Das ehemalige Schulgelände hat für sie zugleich einen hohen Erinnerungswert. Viele Einwohner von Lagos haben dort selbst die Schule besucht. Zudem sei das Grundstück vom ursprünglichen Eigentümer gespendet worden, um der Gemeinschaft zugute zu kommen. „Eine neue Schule kann dort nicht gebaut werden, das würde zum Verkehrschaos führen“, sagt Joana. „Aber ein öffentlicher Park würde ebenfalls der gesamten Gemeinde dienen.“
Auch die Lage und die Beschaffenheit des Grundstücks sprechen aus ihrer Sicht dafür. Früher befand sich hier der Mündungsbereich der Ribeira de Bensafrim; der Boden ist entsprechend fruchtbar. Heute stehen auf dem Gelände noch ältere Bäume. Das Grundstück ist eingezäunt und damit bereits von der Straße getrennt. Für einen späteren öffentlichen Park könnte dies auch sicherheitstechnische Vorteile haben.
Ein Stadtwald nach japanischem Vorbild
Auf dem gut zwei Hektar großen Grundstück soll kein klassischer Stadtpark entstehen. Rasenflächen, einzelne Zierbäume und sauber angelegte Beete entsprechen nicht der Vorstellung von Lagos Mais Verde. Der Schwerpunkt liegt auf Renaturierung und einer möglichst naturnahen Gestaltung.
Herzstück ist ein rund 300 Quadratmeter großer Wald nach der Miyawaki-Methode. Dabei werden überwiegend heimische Pflanzen, die an die örtlichen klimatischen Bedingungen angepasst sind, dicht nebeneinander gesetzt. Auf kleiner Fläche soll so ein artenreicher, waldähnlicher Lebensraum entstehen. „Es ist ein Plan, der stark auf Renaturierung und Natur ausgerichtet ist.“ Die Grundidee des Miyawaki-Waldes soll sich deshalb durch den gesamten Park ziehen: Heimische Pflanzen, möglichst geringer Bewässerungsbedarf und eine Gestaltung, die Natur nicht nur dekoriert, sondern ihr Raum gibt. 80 Prozent der gesamten Fläche sollen grün bleiben.
Ein besonderer Ort innerhalb des Parks soll der „Geheime Garten der Ruhe“ werden. Joana denkt dabei an einen beinahe märchenhaften Bereich für Kinder mit geheimen Durchgängen. Gleichzeitig soll der Garten einen ruhigeren, meditativen Bereich für Erwachsene bieten. Hinzu kommen Picknickflächen und zwei Spielplätze mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Einer soll stärker auf gemeinsames Spielen und soziale Begegnung ausgerichtet sein, der andere auf sensorische Erfahrungen. Eine hundefreundliche Zone wurde auf Wunsch der Bevölkerung in das Konzept aufgenommen.
Mehr als ein Park
Natur soll in diesem Park nicht nur erlebt, sondern auch gelernt werden können. Ein eigener Bereich für Schulen soll Unterricht im Freien ermöglichen. Für Joana ist dieser Aspekt besonders wichtig. „Naturerfahrung ist nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern auch für die Gesundheit der Kinder von Bedeutung“, sagt die Psychologin. „Studien bringen Aufenthalte in der Natur unter anderem mit weniger Stress, besserem psychischen Wohlbefinden und mehr körperlicher Aktivität in Verbindung.“ Joana verweist zudem auf mögliche positive Effekte auf das Immunsystem und das soziale Miteinander sowie auf eine mögliche Verringerung von Angstzuständen und depressiven Symptomen.
Auch für Erwachsene sieht Joana gesundheitliche Vorteile im Aufenthalt im Wald. Sie verweist auf die von Bäumen produzierten Phytonzide und auf Untersuchungen zum japanischen Shinrin-yoku, dem sogenannten Waldbaden. Diese beschäftigen sich unter anderem mit möglichen Auswirkungen auf Stress, Blutdruck und bestimmte Parameter der Immunfunktion. „Ich finde das unglaublich. Bäume können tatsächlich unser Immunsystem beeinflussen“, schwärmt sie.
Der geplante Park soll deshalb mehr sein als eine zusätzliche Freizeitfläche. Bewegung, Schatten, Naturerfahrung, soziale Begegnungen und Rückzugsräume könnten gemeinsam zu einem gesünderen Stadtleben beitragen.
Grün trotz Dürre
Ein Park in der Algarve wirft allerdings eine offensichtliche Frage auf: Woher soll das Wasser kommen? Joana kennt den Einwand. „Es gab Personen, die gefragt haben, wie wir angesichts des Klimas der Algarve und der Dürre der vergangenen Jahre einen grünen Raum erhalten wollen.“ Die Antwort liegt in der Art der Bepflanzung. Geplant ist kein tropischer Garten mit Pflanzen, die ständig bewässert werden müssen, sondern ein Ökosystem aus heimischen und trockenheitsangepassten Arten. In den ersten zwei bis drei Jahren werde Bewässerung notwendig sein, räumt Joana ein. Danach sollen sich die Pflanzen zunehmend selbst regulieren.
Gleichzeitig soll Regenwasser gesammelt werden: Auf den Dächern geplante Solarpaneele sollen mit einem System zur Regenwassernutzung kombiniert werden. Das Wasser soll in einem unterirdischen Tank gespeichert und später zur Bewässerung oder für den geplanten Teich verwendet werden.
„Auch die Vegetation selbst kann zum Wassermanagement beitragen. Bäume und andere Pflanzen verbessern die Wasserrückhaltung im Boden, fördern die Versickerung und können zur Regulierung des lokalen Mikroklimas beitragen. Gleichzeitig entstehen Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Tiere“, erklärt Joana.
Unterstützung – aber noch keine Zusage
Dass es sich längst nicht mehr nur um Joanas persönliches „Baby“ handelt, zeigt für sie auch die Petition. 4.300 Menschen haben den Antrag online und auf Papier unterschrieben. Nur eine frühere Petition für den Bau eines neuen Krankenhauses habe mit etwas mehr als 5.000 Unterschriften noch mehr Unterstützung erhalten. „Das zeigt die große Beteiligung der Bevölkerung und dass die Menschen das wollen“, wertet Joana.
Auch politisch hat Lagos Mais Verde einen wichtigen Schritt erreicht. Ende April stimmte die Assembleia Municipal de Lagos einstimmig für die Schaffung eines Parque Verde Municipal auf Grundlage des von der Bürgerbewegung vorgelegten Projekts. „Damit hat das Gemeindeparlament ein klares politisches Signal gesetzt. Die Umsetzung liegt jedoch bei der Câmara Municipal. Und von dort gibt es bislang keine Zusage“, so Joana.
Das Rathaus verfolgt eigene Vorhaben zur Erweiterung des Anel Verde beziehungsweise des Parque da Cidade nahe der alten Stadtmauer. Ein eigenes Projekt der Stadt für einen Park auf dem Ciclo Velho-Gelände gibt es jedoch nicht.
Für Lagos Mais Verde geht es deshalb jetzt um den nächsten Schritt: Das Rathaus muss entscheiden, ob aus dem politischen Votum ein tatsächlich umsetzbares Projekt wird.
Gemeinsame Verwaltung
Die Bewegung möchte dabei nicht am Rand stehen. Sie schlägt vor, für den späteren Park eine eigene Vereinigung namens Parque Verde de Lagos zu gründen, deren Präsident der Bürgermeister sein könnte. Die Idee: Stadtverwaltung und Bürgerbewegung sollen gemeinsam für den Park verantwortlich sein – nicht nur bei der Gestaltung, sondern auch bei der finanziellen und organisatorischen Verwaltung.
Eine vollständige Kostenschätzung für den gesamten Park gibt es bislang nicht. Dafür wären zunächst technische Planungen erforderlich, die die ehrenamtlich arbeitende Bewegung nicht finanzieren kann. Für den Miyawaki-Wald existiert bereits eine Kalkulation: rund 20.000 Euro für die Anlage einschließlich Pflanzen, Pflege im ersten Jahr und Durchführung von Aktivitäten für die Bevölkerung.
Parallel sucht Lagos Mais Verde nach möglichen Fördermitteln und kann sich auch Partnerschaften und private Sponsoren vorstellen.
Für Joana bleibt das Projekt trotzdem zunächst das, was es schon 2023 war: eine Idee für einen anderen Umgang mit ihrer Stadt. Nur dass aus ihrem persönlichen Traum inzwischen ein gemeinsames Vorhaben geworden ist. Ihr „Baby“ ist gewachsen. Jetzt muss das Rathaus entscheiden, ob es ihm tatsächlich Raum gibt.
Lagos Mais Verde
lagosmaisverde@gmail.com
lagosmaisverde.org
Facebook: lagosmaisverde
Die Petition finden Sie hier


