Kunst zum Innehalten und Reflektieren. Timo Dillners Kunst ist ein vielschichtiger Ausdruck von Gedanken und Botschaften, die den Betrachter dazu ermutigen sollen, sich aktiv mit den dargestellten Themen auseinanderzusetzen
Text: Anabela Gaspar
In ESA 12/2023
Seit nunmehr 25 Jahren lebt Timo Dillner im Raum Lagos und seit einem Jahr besitzt er die portugiesische Staatsbürgerschaft. „Es war mir eine Herzenssache“, fasst er zusammen.
In Deutschland war er nach seinem Studium der Pädagogik, Kunst und Germanistik Museumsassistent in den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus. Erst in der Algarve widmete er sich ausschließlich der Schaffung von Kunstwerken. „Durch das Leben in Lagos und mit der Stadt Lagos bin ich zu dem geworden, was ich heute bin. Ich schulde Lagos viel“, so Timo.
Zu Beginn empfand Timo es als befremdend, wenn Besucher ihn bei seinen Ausstellungen als Künstler betitelten. „Ich bin immer ein bisschen zusammengezuckt und hatte das Gefühl, mich nicht mit Recht Künstler nennen zu dürfen, solange ich für mich nicht definieren kann, was Kunst ist. Inzwischen benenne ich mich selbstbewusst als Künstler“, berichtet Timo lächelnd. Durch seine Recherchen zur Frage „Was ist Kunst?“ kam er zu sechs „Elementen“, die, seines Erachtens, ein Kunstwerk unbedingt aufweisen muss: „Wahrnehmbarkeit, das heißt, Kunst muss zu sehen, zu hören, zu berühren oder sonst wie zu begreifen sein. Dann müssen dahinter Persönlichkeit und Handwerk sowie ein Experiment stecken, je origineller und einfallsreicher eine Arbeit dargestellt wird, umso wichtiger ist sie als Kunstwerk. Das Werk muss zudem eine Botschaft vermitteln und eine Therapie dahinterstecken, beziehungsweise eine Wirkung auf den Betrachter haben“, führt Timo aus und fügt hinzu, dass „es die Aufgabe des Künstlers ist, in einem Werk alle sechs Eigenschaften so qualitativ hochwertig wie möglich auszuarbeiten“.
Dieses Ziel verfolgt Timo sowohl mit seinen Gemälden als auch mit seinen Zeichnungen, Illustrationen, Skulpturen, Texten und Gedichten – die Vielseitigkeit seiner Kunst ist beeindruckend. Dabei gibt es keinen Bereich, den er bevorzugt, vielmehr hängen alle voneinander ab. „Ich könnte auf keinen Bereich verzichten, weil ich auch stets von dem einen für den anderen lerne“, so der Künstler.
Wer seine Arbeiten kennt, weiß, dass seine Gemälde stets ein „Dreieck“ mit Titel und Gedicht bilden. Dies ergibt sich aus der Vielschichtigkeit seiner Gedanken während des kreativen Prozesses. „Beim Malen sind die Gedanken frei und die Empfindungen strömen. Das lässt sich gut in Worte fassen“, so Timo, für den Kunst ein Mittel ist, um Botschaften und Gedanken auszudrücken, die oft zu komplex sind, um allein durch ein Medium vermittelt zu werden. „Ich glaube auch nicht, dass ich mich auf ein Medium beschränken muss. Goethe sagt ‚Bilde, Künstler, rede nicht!‘, dem stimme ich nicht zu, denn das Reden gehört unbedingt dazu, es ist ein Teil dieser Kunst und ich verpacke es in ein Gedicht.“
Die Gedichte, die Timos Gemälde begleiten, sind jedoch nicht dazu gedacht, dem Betrachter eine einfache Erklärung zu liefern. Stattdessen sollen sie den Betrachter herausfordern und ihn dazu anregen, das Kunstwerk intensiver zu betrachten und zu hinterfragen. Die Titel seiner Werke sind oft absichtlich mehrdeutig, um Raum für Interpretation zu lassen. Timo spricht von einem „Bermuda-Dreieck“, in dem „man sich verlieren und wiederfinden kann“. „Der Betrachter kann im Titel, im Gemälde und im Gedicht immer wieder Neues entdecken, aber innerhalb des Ganzen bleibt es doch eine relativ klare Botschaft.“
Eine zentrale Rolle spielt in seiner Kunst der Mensch. Dies liegt nicht nur an Timos Faszination für die Physiognomie und Ausdruckskraft des menschlichen Körpers, sondern auch an seiner Absicht, die Betrachter direkt auf soziale Themen anzusprechen. „Nicht nur als Betrachter und Genießer, sondern auch als Subjekt in einer Kommunikationsstruktur. Also als Fragender, als Antwortender oder als darüber Nachdenkender“, erklärt er.
Das Hauptziel von Timo Dillners Kunst ist es, die Menschen zum Nachdenken anzuregen. Er ist der Ansicht, dass die Gesellschaft heute zu wenig nachdenkt und dass Kunst eine Möglichkeit ist, Menschen zum Innehalten und Reflektieren zu bewegen. „Nichts setzt sich fest, alles ist sofort zu haben, ganz oberflächlich, kein Widerstand“, erklärt er. „Der Blick gleitet darüber weg. Welche Kunst bleibt einem wirklich im Gedächtnis? Deswegen möchte ich Widerstände und Reibungspunkte bieten. Das ist mir sehr wichtig, dass der Betrachter sich auch ein bisschen in meinen Werken verhakt und darüber nachdenkt.“
Timo Dillner
Mob.: 919 164 493
timodillner@sapo.pt
timodillner.com

