Entschädigungen für Betroffene sorgen für Empörung
Die katholische Kirche in Portugal will Opfer sexuellen Missbrauchs mit Entschädigungen zwischen 9.000 und 45.000 Euro entschädigen. Doch das Verfahren stößt auf scharfe Kritik von Betroffenenverbänden, die die Summen als „Affront“ bezeichnen. Auch die fehlende Möglichkeit, gegen Entscheidungen Einspruch einzulegen, sorgt für Unmut.
Wie alles begann
Auslöser der Aufarbeitung in Portugal war ein Bericht aus Frankreich, der Ende 2021 veröffentlicht wurde. Darin war von 216.000 Opfern sexuellen Missbrauchs durch Mitglieder der katholischen Kirche zwischen 1950 und 2020 die Rede. Die Erschütterung über das Ausmaß der Vorwürfe blieb auch in Portugal nicht ohne Folgen.
Daraufhin wurde in Portugal eine unabhängige Kommission eingesetzt, die die historischen Hintergründe sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen im Umfeld der katholischen Kirche untersuchen sollte. Die Kommission nahm im Januar 2022 ihre Arbeit auf und rief alle Betroffenen auf, auszusagen, die seit 1950 in katholischen Kreisen sexualisierte Gewalt erlebt hatten.
Im Abschlussbericht 2024 wurden schließlich 512 Zeugnisse von Opfern als glaubwürdig eingestuft. Danach begann ein neuer Abschnitt der Aufarbeitung: Die Kirche schuf mit dem Grupo Vita, diözesanen Kommissionen sowie Gremien zur Festlegung finanzieller Entschädigungen neue Strukturen, an die sich Betroffene wenden mussten.
Neues Verfahren, neue Hürden
Gerade dieser nächste Schritt wurde für viele Betroffene zur Belastung. Wer eine Entschädigung beantragen wollte, musste die erlebten Übergriffe erneut schildern – teils noch detaillierter als zuvor. Der Opferverband Coração Silenciado kritisiert, dass viele diesen Weg nicht mehr gehen wollten oder konnten.
„Ich beurteile nicht das Verbrechen des Täters – der Täter wurde nie dafür vorgeladen. Wir dagegen wurden zu einer Untersuchungskommission zitiert, als wären wir Angeklagte, Beschuldigte oder Verdächtige, nur um zu prüfen, ob unsere Schilderungen glaubhaft sind“, sagt António Grosso, Sprecher des Verbands.
Die Folgen zeigen sich deutlich in den Zahlen: Von den 512 durch die unabhängige Kommission anerkannten Fällen stellten am Ende nur 95 Betroffene überhaupt einen Antrag auf finanzielle Entschädigung. Davon wurden 78 Fälle zur abschließenden Prüfung zugelassen. Schließlich genehmigte die Kirche 57 Entschädigungsanträge. Elf weitere Anträge wurden als nicht entschädigungsfähig eingestuft und sollen archiviert werden.
Warum Anträge abgelehnt wurden
Nach Angaben der Portugiesischen Bischofskonferenz (CEP) wurden Anträge unter anderem dann abgelehnt, wenn die betroffene Person zum Zeitpunkt der Taten bereits volljährig war und nicht als besonders schutzbedürftiger Erwachsener eingestuft wurde. Weitere Ablehnungsgründe waren Fälle, in denen die beschuldigte Person nicht dem Klerus angehörte oder keine Funktion im kirchlichen Kontext ausübte, sowie Situationen, die nach Ansicht der Kirche keine sexualisierte Gewalt darstellten.
Die CEP betont, die Entschädigungssummen seien auf Grundlage einer Einzelfallprüfung festgelegt worden. Berücksichtigt worden seien insbesondere die Schwere des Missbrauchs, der erlittene Schaden sowie der Zusammenhang zwischen den Taten und deren Folgen für das spätere Leben der Betroffenen.
In einer Mitteilung erklärt die Kirche, Ziel sei gewesen, eine Entschädigung zu finden, die „so gerecht, verhältnismäßig und solidarisch wie möglich“ dem jeweiligen Leid entspreche.
Persönlicher Fall: António Grosso
Zu den Betroffenen, die einen Bescheid erhalten haben, gehört auch António Grosso. Er schilderte Missbrauchserfahrungen, die sich nach seinen Angaben zwischen seinem zehnten und dreizehnten Lebensjahr im Priesterseminar von Santarém sowie in einem Haus nahe Fátima, dem Refúgio da Mãe do Céu, ereignet haben sollen.
Sein Antrag wurde von der Kirche nur teilweise anerkannt. Zur Begründung hieß es, die für die Vorgänge in Fátima verantwortliche Person sei kein Ordensbruder, sondern lediglich Anwärter auf den Franziskanerorden gewesen.
Für Grosso und andere Betroffene ist genau diese Argumentation Teil des Problems: Verantwortung werde formal eingegrenzt, während das erlittene Leid für die Opfer dasselbe bleibe.
Kritik an Summen und fehlender Transparenz
Besonders scharf kritisiert der Opferverband die Höhe der Zahlungen. Entschädigungen von 9.000 bis 45.000 Euro seien angesichts lebenslanger Folgen sexueller Gewalt unangemessen. Zudem fordert der Verband Einsicht in die Kriterien, nach denen die Summen festgelegt wurden.
Hinzu kommt ein weiterer zentraler Vorwurf: Die Entscheidungen beruhen auf Gutachten, zu denen die Betroffenen keinen Zugang haben. Auch eine Berufungsmöglichkeit ist nach Angaben der Kirche nicht vorgesehen.
1,6 Millionen Euro – und ein Schlussstrich?
Insgesamt will die katholische Kirche in Portugal 1,6 Millionen Euro an Entschädigungen auszahlen. Ein weiterer Antrag wartet noch auf die Zustimmung des Vatikans, neun weitere Fälle befinden sich noch in Prüfung.
Die portugiesischen Bischöfe haben die Betroffenen erneut um Vergebung gebeten und versprochen, weiter an Maßnahmen zur Verhinderung neuer Missbrauchsfälle zu arbeiten. Zugleich betrachten sie das Verfahren zur finanziellen Entschädigung als abgeschlossen.
Für viele Opfer aber ist die Aufarbeitung damit noch lange nicht beendet.

