Die Landschaft oberhalb der Klippen bei Carvoeiro bringt Wanderer immer wieder zum Staunen und die von Legenden umwobenen skurrilen Felsformationen Romantiker zum träumen
In den letzten Jahren unternahmen wir mehrere Ausflüge entlang der Küste bei Lagoa. Von Senhora da Rocha im Osten bis Ferragudo im Westen. Der erste Ausflug war der zwischen Praia da Marinha und Benagil, einen Monat später starteten wir erneut am Praia da Marinha, wanderten aber Richtung Osten bis Senhora da Rocha. Im August 2014 erkundeten wir den kurz zuvor eingeweihten Holzsteg zwischen Algar Seco und der Kapelle oberhalb des Strandes von Carvoeiro. Den Küstenabschnitt zwischen Praia do Vale de Centeanes und Benagil erkundeten wir im November 2015. Zuletzt wanderten wir vor genau zwei Jahren vom Praia Paraíso, einer kleinen Bucht die westlich vom Carvoeiro-Strand liegt und zu der eine Treppe hinabführt, bis Vale da Lapa kurz vor Ferragudo. Doch bei unseren Entdeckungsreisen ist uns ein kleiner Abschnitt entgangen: der zwischen -Algar Seco und Praia do Vale de Centeanes. Eine Strecke von etwa zwei Kilometern hin und zurück, die jedoch atemberaubende Ausblicke auf die Felsenküste gewährt und bei der man nicht so vielen Spaziergängern begegnet, wie auf dem Holzsteg. Zudem hält sie fit, denn am Hotel Tivoli geht es auf und ab.
Wir starten am Algar Seco, einem Wahrzeichen der ehemals kleinen Fischergemeinde, die mit dem Tourismusboom in den 1960er Jahren schnell zu einem der bekanntesten und bis heute beliebtesten Reisezielen der Region wurde. Dies ist, angesichts der sich an den Hang schmiegenden weißen Häusern, der auf den Felsen thronenden Kapelle, den Stränden und Buchten mit ihrem türkisblauen Wasser und den goldenen Felsformationen der Umgebung, leicht nachzuvollziehen. Bevor wir dem Trampelpfad Richtung Osten folgen, ist ein Abstecher zu Boneca (Puppe) und Algar Seco, einem von der Natur geschaffenes und von Felsen umgebenes Becken, ein absolutes Muss. Beide gehören zu den wohl bekanntesten und meist fotografierten Felsformationen der Algarve und um beide gibt es sagenhafte Geschichten und Legenden. Boneca soll ihren Namen lokalen Fischern verdanken, für die dieser Felsen vom Meer aus betrachtet wie ein Puppengesicht aussah. Ein schmaler Tunnel führt zu der romantisch anmutenden Höhle mit zwei „Fenstern zum Meer“. Während der Salazar-Diktatur sollen Boneca und Algar Seco sowie andere Grotten und Höhlen der Umgebung den Schmugglern als Versteck für Ware gedient haben, die sie aus Nordafrika und Spanien brachten, um sich etwas nebenbei zu verdienen. GPS gab es damals bekanntlich nicht und daher nutzten sie Boneca als Orientierungspunkt. Lange dachte die Polizei, dass mit Boneca die Frauen eines Bordells nahe dem Leuchtturm von Alfanzina gemeint waren. Bis eines Tages der Inhaber des Restaurants inmitten der Felsformationen von Algar Seco am Eingang der Höhle Boneca schrieb und somit der Polizei zeigte, was in Wirklichkeit dahinter steckte.
Romantischer ist die Legende von Algar Seco. Laut dieser lebte an Portugals Südküste der maurische König Benagil, der eine wunderschöne Tochter namens Alfanzina hatte. Die Prinzessin spazierte gerne entlang der Küste und traf dabei eines Tages den jungen Handwerker Carvoeiro. Natürlich verliebte sie sich Hals über Kopf in ihn. Doch der König verweigerte die Beziehung seiner adeligen Tochter mit dem gewöhnlichen Handwerker und so traf sich das verliebte Paar heimlich an den Klippen von Algar Seco. Als der König davon erfuhr, folgte er ihnen und in seinem Zorn ermordete er den unsittlichen Carvoeiro. Die Leiche fiel ins tobende Meer und wurde von den Wellen davongetragen. Fortan ging die Prinzessin jeden Tag zum Unglücksort zurück und trauerte ihrer Liebe nach. Es sollen ihre bittere Tränen gewesen sein, welche die bei Algar Seco tropfenartigen Löcher in den Felsen hinterließen und sich im darunter liegenden Naturbecken sammelten.
Zurück zum Start des Trampelpfades geht es entweder wieder über die Treppe oder über die in die Felsen gehauenen Stufen direkt am Wasser – beide Varianten stellen eine gute Aufwärmphase für die nächsten zwei Kilometer dar.
Nachdem es am Vortag ununterbrochen geregnet hat, haben wir Glück und die Sonne scheint. Die Farbenkombination ist einfach wunderschön: die goldenen Felsen; das türkisblaue Wasser; das Grün der Mastixsträucher, der Zwergpalmen, Thymbra- und Thymian-Arten sowie der Agaven und ein zwischen einigen Wolken spähender blauer Himmel. Wir genießen die frische Salzluft und eine atemberaubende Küste mit skurrilen Felsformationen. Denn in der hiesigen Karstlandschaft hat das mit Kohlendioxid angereicherte und deshalb leicht saure Regenwasser, das eine Lösung des Kalziumkarbonats der Kalkfelsen verursacht, Grotten, Bögen und Dolinen, den sogenannten algares, ausgehöhlt und tiefe Spalten gegraben.
Nach den Häusern der Tourismusanlage Algar Seco Parque und einigen Privathäusern in traumhafter Lage, erreichen wir das im April vergangenen Jahres neu eröffnete Hotel Tivoli. Hier führt der Pfad direkt am Zaun der Anlage etwas steil hinab zum Strand Praia do Vale Covo, an dem die Wellen heute wild aufschlagen. Dann geht es, ebenfalls etwas steil, wieder hinauf zu zwei Dolinen. Wir halten uns stets an dem Pfad näher am Felsvorsprung, doch weiter landeinwärts sind ebenfalls Trampelpfade vorhanden. Schließlich erblicken wir den Strand Praia Vale de Centeanes und die nicht gerade sehr schöne Apartmentanlage Colina Sol. Die Verwaltung des ebenfalls nahe liegenden Baía Crystal Beach Hotel hat hier hoch oben auf den Felsen einen Tisch und zwei Stühle fest verankert. Wir nutzen die Gelegenheit, um eine Verschnaufpause und ein Selfie zu machen, bevor wir durch diese magische Landschaft, bei deren Schaffung sich die Natur selbst übertroffen hat, zurück nach Algar Seco zu wandern.
Text: Anabela Gaspar in ESA 02/2018
Fotos: Miranda Opmeer, Anabela Gaspar


