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Land & Leute

Medronho

Von agasparDi. 28. April 2015Lesedauer: 5 Minuten

Mühsame Ernte

In diesem Monat findet im Hinterland der Algarve die Ernte der leuchtend roten Beeren des Westlichen Erdbeerbaumes statt, aus denen der allerorts bekannte und beliebte Aguardente de Medronho gebrannt wird. Die Ernte ist eine einsame, mühsame und nicht selten riskante Aufgabe

Obwohl Medronho stets mit Monchique in Verbindung gebracht wird, gibt es in Silves viel mehr Medronheiros, denn allein die Gemeinde São Marcos da Serra ist größer als der gesamte Bezirk Monchique. So sieht es Jorge Lima vom Unternehmen Regionalarte (s. ESA 2/13). Wir fahren auf Schotterwegen, die sich entlang der Hänge am Ribeira de Odelouca hinauf schlängeln und immer wieder schöne Ausblicke auf den Fluss bieten. Aber sie können auch Angst einflößen, da das Gebiet sehr steil ist. Hier an den Ufern des Flusses und des Stausees von Odelouca hat Jorge einige Grundstücke, auf denen Medronheiros wachsen. Die Schieferböden und die Sonnenhanglage sind perfekt. Genau das, was dieser immergrüne Strauch oder Baum, der bis zu fünf Meter Höhe erreicht, braucht. Wie viele Medronheiros er besitzt, kann Jorge nicht sagen. „Ich habe zirka 100 Hektar Land im Bezirk. Auf einigen Grundstücken wachsen mehr, auf andere weniger Medronheiros“, sagt er gelassen. Vor allem Elster und Blauelster, Füchse, Dachse und Ginsterkatzen, die sich von den Früchten ernähren, tragen zur Verbreitung des Strauches bei. Ab Oktober und bis Dezember ist Blüte- und gleichzeitig Erntezeit. Die im Durchmesser zirka 2 cm großen Früchte entwickeln sich so langsam, dass sie erst mit der nächsten Blütezeit reif sind und dann zusammen mit den kleinen, weißen bis hellrosa Blüteglöckchen von den dichten Zweigen hängen. Anfangs grün, färben sie sich mit zunehmender Reife erst gelb, dann orange und schließlich rot. Für die Qualität des Aguardente de Medronho ist es wichtig, nur die vollentwickelten Früchte zu pflücken. Dies erfordert Wissen. „Es geht nicht einfach darum, die roten Beeren zu ernten“, so Jorge, „Wenn sie zu reif sind, werden sie im Korb unter dem Druck der anderen zerquetscht und die Fermentation beginnt zu früh“. Außerdem muss erkannt werden, welche von den gelben und orangen Früchten schon reif sind. „Sobald die Samen schwarz sind, sind die Beeren erntereif, auch wenn sie noch nicht rot sind“, weiß Jorge. Drei- bis viermal muss man zu einem Strauch zurückkehren, da die Früchte nicht gleichzeitig reifen. Lässt man ausgegorene Früchte hängen, fallen sie zu Boden und man hat einen Produktionsverlust. Pflückt man sie zu grün, leidet die Qualität des Schnapses darunter. Es verlangt also Erfahrung die reifen Früchte zu erkennen. Doch heutzutage können sich Medronho-Produzenten kaum mehr auf erfahrene Pflücker verlassen. „Die Alten, die es ein Leben lang gemacht haben und sich auskennen, sind zu alt und schaffen es einfach nicht mehr, die steilen Hänge zu bezwingen. Zu dieser Jahreszeit sind die Hügel nach den ersten Regenfällen auch noch rutschig und daher zu gefährlich. Die Jungen haben es nicht gelernt und gehen anderen Jobs nach“. Daher hängen Produzenten vor allem von Menschen ab, die ihr mageres Einkommen durch das Pflücken der Beeren etwas aufbessern wollen. „Früher war es ein soziales Ereignis“, erinnert sich Jorge, „Die meisten Familien hatten Medronheiros und alle waren gleichzeitig unterwegs. Es war wie ein großes Fest inmitten der Hügel. Heute ist es eine einsame Aufgabe und man muss aufpassen, dass einem nichts zustößt. Oft hat man in der Serra keinen Handy-Empfang, sodass man bei einem Notfall nicht einmal Hilfe rufen kann“. Ein weiterer Unterschied zu damals ist die Unehrlichkeit der Menschen. „Jahr für Jahr nehmen die Diebstähle zu“, so Jorge. „Es ist ja sehr einfach, die Beeren zu stehlen. Weder Mauern noch Zäune schützen die meist abgelegenen Hänge. Wer soll Diebe also entdecken?“, fragt Jorge schulterzuckend. Noch dazu wird die Frucht, wenn man bedenkt, wie mühsam das Pflücken der kleinen Beeren ist, nicht sehr gut bezahlt: E 1 pro Kilo. Der Preis mag für den Aufwand der Ernte gering erscheinen, doch Jorge erinnert daran, dass genau dadurch der Preis des Schnapses so hoch ist. „Für einen Liter benötige ich zehn Kilo Beeren, ergo kostet ein Liter Schnaps E 10“, erklärt Jorge, „Hinzu kommen E 5 Alkoholsteuer, die Flasche, das Etikett, 23 % Mehrwertsteuer und natürlich der Destilliervorgang (s. ESA 3/13)“. Bei Regionalarte kostet ein Liter Aguardente de Medronho E 36. Viele Kunden besuchen sein Geschäft in São Marcos da Serra, loben den Schnaps, erklären, dass sie große Anhänger sind und kaufen dann schließlich doch nur einen Likör. „Ich verstehe, dass viele Menschen derzeit finanzielle Schwierigkeiten haben, aber wenn ich den Preis runtersetze, mache ich Verlust, und das kann ich mir nicht leisten“. Lächelnd fügt Jorge noch eine kleine Geschichte aus der Vergangenheit hinzu, die noch mehr verdeutlicht, wie teuer der Medronho im Laufe der Jahre geworden ist. „Früher waren die Destillerien nach einem anstrengenden Erntetag und während des Brennvorgangs auch Treffpunkt. Man nahm eine Kleinigkeit zu sich und trank natürlich das eine oder andere Gläschen Medronho. Beim heutigen Preis pro Kilo und den Steuern ist dies nicht mehr erwünscht!“ Rentabler als Aguardente de Medronho herzustellen, dürfte die Produktion der Früchte sein, meint Jorge. „Dann entfallen die Alkoholsteuern und die Lizenzen für die Destillerie sowie die Kosten für Flaschen und Etiketten“. Obwohl der Westliche Erdbeerbaum ein wild wachsender Strauch ist, gibt es in anderen Regionen Portugals bereits Plantagen. Die Produktion dient meist dem Vertrieb der frischen Beeren. Jorge sieht in den Plantagen mehrere Vorteile. Einerseits kann man die Qualität der Früchte kontrollieren, andererseits ist die Ernte einfacher, weil die Sträucher auf eine Fläche konzentriert sind. „Doch die ersten Früchte könnte ich erst in zehn Jahren ernten. Es ist also eine langfristige Investition, für die ich derzeit nicht die finanziellen Mittel habe“. Ich danke heimlich dafür, denn hätte Jorge Lima eine Plantage nahe seiner Destillerie in Sapeira, würden wir nun nicht hoch oben auf einem Hügel stehen und diesen traumhaften Blick auf den Odelouca-Fluss genießen können.

Anabela Gaspar

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