Wir gingen an Bord der Kogge Santa Bernarda auf Entdeckungstour entlang Lagoas goldener Küste. Sie vom Meer aus zu betrachten ist ein absolutes Muss und sicher der Höhepunkt eines jeden Urlaubes
Wir glauben behaupten zu können, dass das „Piratenschiff“ Santa Bernarda das berühmteste Schiff an der Algarve-Küste ist. Wenn es mit seinen imposanten, im Wind wehenden Segeln an den Stränden vorbeizieht, zieht es alle Blicke auf sich und sorgt vor allem unter Kindern für Begeisterung. Das Schiff ist zudem der Star in diversen Werbevideos und nimmt regelmäßig an Festivals wie dem der Entdeckungen in Lagos teil. Stolzer Eigentümer ist Hermann Bernhard Arens, der als kleiner Junge davon träumte, ein Pirat zu sein. Diesen Traum konnte er sich erfüllen, als er Mitte der 90er Jahre einen alten Kutter in Portimão entdeckte, der 1968 in Bayonne an der Atlantikküste Frankreichs gebaut worden ist und bis 1992 als Fischkutter im Nordatlantik und der Biskaya unter dem Namen „Le Tridente“ diente. Bereits von der Fischerei abgemeldet, lief das 24,70 Meter lange Schiff 1995 im Hafen von Portimão ein. Wegen technischer Mängel konnte die Besatzung ihre Fahrt nicht fortsetzen, gab den Kutter auf und ließ ihn im Hafen liegen, wo es sofort die Aufmerksamkeit von Hermann weckte. „Das Schiff fand seinen Weg zu mir“, erzählt er lächelnd. Die nächsten fünf Jahre verbrachte „Le Trident“ in der Werft von Portimão und wurde komplett umgebaut. Das Achterdeck wurde erhöht und das gesamte Deck und die Beplankung des Rumpfs erneuert; alle Tanks wurden aus Edelstahl neu gebaut und die Maschinenanlage überholt. 1999 erfolgte das Stellen der Masten und ein Jahr später die Fertigstellung sowie die Abnahme durch die Sachverständigen des Seeschifffahrtamtes aus Lissabon. Ab Oktober 2000 nahm das Schiff sein neues Leben als „Santa Bernarda“ vor der Algarve Küste auf. Hermann erinnert sich, dass das Genehmigungsverfahren sehr langwierig und kompliziert war. Aber es hat sich definitiv gelohnt. „Solche Schiffe gibt es nicht mehr“, betont er. Dabei geht es ihm nicht nur um das auffällige Design, sondern auch um die Sicherheit und Stabilität des Bautyps und den Platz und Komfort für die Gäste. „Wir könnten mit der Santa Bernarda die Welt bei Sturm in aller Sicherheit umsegeln“, erklärt er begeistert. So weit wollen wir nicht reisen, sondern nur entlang der Küste von Lagoa, um ihre berüchtigten Grotten und Felsformationen zu besichtigen.
Die Tour beginnt am Cais Vasco da Gama in Portimão direkt neben dem Clube Naval und nahe dem städtischen Museum. Nachdem die Gäste ihre Sitzplätze im geschützten Mitteldeck, Oberdeck, Achtersalon oder in der Kombüse eingenommen haben, informiert uns Nuno von der Crew über die Sicherheits- und Rettungsausrüstung an Bord. Er macht es in vier Sprachen und mit solch einer Geschwindigkeit und Humor, dass wir die Fahrt amüsiert starten. Nuno weiß auch über die Völker zu berichten, die die Algarve im Laufe der Jahrhunderte besiedelten, über die Bedeutung des Arade-Flusses sowie viele andere Geschichten und Fakten zu den Orten und Stellen, an denen wir während der Tour vorbeifahren. Am ehemaligen Fischerdorf Ferragudo vorbei, verlassen wir kurz darauf den Fluss und setzen – da die Wetterbedingungen es zulassen – die Segel.
Nachdem wir die Strände Caneiros und Afurada passieren, ist oberhalb der Felsen der Torre da Lapa zu sehen. Wäre der Wachturm heute noch besetzt, würden wir Rauchzeichen sehen, denn diese Wachposten dienten dazu, nach Piraten und Korsaren Ausschau zu halten und bei nähernder Gefahr Rauchzeichen oder Feuer zu entfachen, um die Wehrkräfte und die Bevölkerung zu alarmieren. Wir segeln an mehreren Stränden vorbei, die nur vom Meer aus zugänglich sind, an Grotten und bizarren Felsformationen, die Wind und Wasser im Laufe der Jahrhunderte ins Gestein meißelten und erreichen nach einer Weile den Praia do Paraíso, der leicht an seiner in die Felsen geschmiegte Treppe zu erkennen ist, und gleich danach den Praia do Carvoeiro, der mit seinen weiß getünchten Häusern mit bunten Fenster- und Türrahmen vom Meer aus gesehen noch pittoresker wirkt. Bei Algar Seco winken uns Touristen von der als Boneca bekannten Höhle zu und vom nächsten Felsen springen Wagemutige ins tiefe Blau. Nahe dem Leuchtturm von Alfanzina steigen wir in die kleinen motorisierten Begleitboote – passend zum Zweimaster ganz aus Holz – und besichtigen einige der beeindruckendsten Grotten dieser Küste. Das Highlight ist die berühmt-berüchtigte Benagil-Grotte. Aber wer sie sich so wie auf den Werbefotos vorgestellt hat, wird sich wundern. Es ist unglaublich wie viele Menschen sich dort am kleinen Strand tummeln. Sie kommen in Booten, Kajaks, SUPs, Schwimmringen und sogar schwimmend. Spektakulär ist die Gruta de Benagil trotzdem. Sehr erfreulich ist auch zu sehen, dass die Crews der unterschiedlichen Freizeitanbieter, die hier unterwegs sind, alle sehr kollegial miteinander umgehen.
Mittlerweile hat Kapitän Paulo die Santa Bernarda vor Benagil geankert und wir kehren zu ihr zurück. Während andere Gäste die Grotten besichtigen, überbrücken wir die Zeit mit erfrischenden Sprüngen ins kalte Nass.
Auf dem Rückweg zum Hafen bewundern die Gäste nun die Küste, ohne durch eine Linse oder auf den Bildschirm des Handys zu blicken und lassen ihre Eindrücke Revue passieren. Immer wieder zeigt die Crew auf Felsformationen, die wie ein Gesicht, ein Krokodil oder ein U-Boot aussehen. Die stark zerklüftete Küste von Lagoa, mit ihren bizarren Felsformationen, Grotten, Höhlen, Bögen und türkisblauem Wasser gehört zweifelsohne zu den Schönsten Europas. Ein Bootsausflug an ihr entlang ist immer wieder ein unvergessliches Erlebnis.
Text: Anabela Gaspar
In ESA 07/23

