Wer Ponte de Lima besucht, wird sofort in den Bann dieser wunderschönen mittelalterlichen Kleinstadt in der Minho-Region gezogen. Wir laden Sie dazu ein, das historische Erbe und die vielen märchenhaften Gartenanlagen zu erkunden
Text & Fotos: Anabela Gaspar
in ESA 06/2024
Unser Stadtrundgang beginnt an der Brücke und dem Fluss, die der Stadt ihren Namen verleihen. Zusammen mit der Santo António Kirche auf der gegenüberliegenden Uferseite bilden sie eines der am häufigsten, wenn nicht sogar das meistfotografierte Motiv der Stadt. Tatsächlich ist die Brücke, die seit 1910 als Nationaldenkmal eingestuft ist, eine Kombination aus einem alten römischen Abschnitt und einem größeren mittelalterlichen. Der römische Teil der Brücke stammt wahrscheinlich aus dem 1. Jh., als Kaiser Augustus die Militärstraßen in der römischen Verwaltungsprovinz Conventus Bracarensis ausbaute und sie Teil der Verbindung zwischen Braga und Astorga wurde. Der mittelalterliche Abschnitt im gotischen Stil wurde wahrscheinlich zur gleichen Zeit wie die Stadtmauer und die Türme zur Verteidigung der Stadt erbaut, die im Jahr 1370 fertiggestellt wurden.
Eine Legende besagt, dass der römische General Decimus Junius Brutus den Fluss mit seiner Legion durchqueren wollte. Doch die Soldaten zeigten Widerstand, weil es hieß, wer den Fluss durchquere, verliere sein Gedächtnis. Unerschrocken durchquerte Decimus Junius Brutus mit seinem Pferd den Fluss und rief von der anderen Seite jeden Soldaten beim Namen auf, um zu beweisen, dass er sie nicht vergessen hatte. Auf diese Weise überzeugte er alle, ebenfalls überzusetzen. Zu Ehren dieser Legende stehen zwei Reihen römischer Soldaten an einem Ufer und Junius Brutus am gegenüberliegenden. Doch bevor wir die Brücke überqueren, besuchen wir erst das historische Stadtzentrum.
Im Gegensatz zu dem, was auf vielen Webseiten zu lesen ist, ist Ponte de Lima nicht die älteste Stadt Portugals – dieser Titel gehört São João da Pesqueira – aber sie gehört mit zu den ältesten. D. Teresa von Leon soll Ponte de Lima bereits 1125 die Stadtrechte verliehen haben, noch Jahre bevor sich ihr Sohn, D. Afonso Henriques, 1139 zum ersten König von Portugal ernannte und damit Portugals Unabhängigkeit erklärte.
Das Erste, was Besuchern auffällt, ist die gute Pflege des historischen Erbes. Die Stadt bietet wunderschöne Herrenhäuser, die meisten davon aus dem 16. bis 18. Jh., Kirchen und Kapellen und an jeder Ecke sieht man blühende Blumenbeete. Gegenüber der Brücke liegt der Largo de Camões, das Herz der Stadt, umgeben von historischen Gebäuden, gemütlichen Cafés und Restaurants mit Terrassen, die zum Verweilen einladen. Hier können Besucher das lebendige Treiben der Stadt beobachten, lokale Köstlichkeiten probieren und die gastfreundliche Atmosphäre genießen. Der Brunnen Chafariz nobre, der die Mitte des Platzes einnimmt, steht erst seit 1929 dort. Tatsächlich wurde er 1603 am heutigen Largo Dr. António Magalhães erbaut, um die Bewohner mit Wasser zu versorgen. Zu der damaligen Zeit gab es nur einen Brunnen in der Stadt und die Bevölkerung beschwerte sich oft über fehlendes Trinkwasser. Am Brunnen wurde eine Granitplatte angebracht, auf der die Strafen für Wasserverschmutzung zu lesen sind: Wer beim ersten Mal erwischt wurde, wurde drei Tage in Haft genommen, bei wiederholtem Vergehen wurde die Strafe verdoppelt.
Einige Meter weiter östlich bewundern wir die Architektur des barocken Herrenhauses Casa de Nossa Senhora d’Aurora, das heute als touristische Unterkunft fungiert und über eine große, dicht bewachsene Gartenanlage verfügt. Von den Treppen der nahegelegenen Capela das Pereiras werfen wir einen letzten Blick auf den Fluss, bevor wir kurz darauf das Vinho Verde-Interpretationszentrum besuchen, das gegenüber dem Rathaus liegt. In einem Gebäude von öffentlichem Interesse – dem Casa Torreada dos Barbosa Aranha – im Herzen der Altstadt untergebracht, bietet das Zentrum neben der Dauerausstellung und einer Verkostungshalle, Informationen zu Weinrouten im Bezirk (www.cipvv.pt). Westlich vom Rathaus liegt der Paço do Marquês, ein Gebäude aus der zweiten Hälfte des 15. Jh., das wie eine Burg aussieht und einst die Residenz des Obersten Amtmanns von Ponte de Lima war. Heute beherbergt es das Interpretationszentrum für Militärgeschichte.
Am Fluss spazieren wir durch die Platanen-Allee (Jardim dos Plátanos) bis zur Capela Nossa Senhora da Guia, besuchen die Kirchen Santo António dos Frades und Terceira Ordem, die das Museu dos Terceiros (Museum sakraler Kunst) beherbergen und schlendern dann wieder zurück. An der Flusspromenade Passeio 25 de Abril heben sich die unter Denkmalschutz stehenden Wehrtürme S. Paulo und Cadeia Velha der ehemaligen Stadtmauer von den anderen Gebäuden ab. Am Torre de S. Paulo sind drei Markierungen mit Daten angebracht, die zeigen bis wohin das Wasser bei den drei schlimmsten Überschwemmungen reichte. Auch heute kommt es im Winter noch oft vor, dass der Parkplatz am Fluss komplett unter Wasser steht.
Im Torre da Cadeia Velha, Anfang des 16. Jh. zum Gefängnis umgebaut, ist heute das Tourismusbüro untergebracht. Rechts davon gehen wir unter dem Arco da Porta Nova hindurch, um über den Largo da Picota einige Meter entlang der Überreste der alten Stadtmauer zu gehen und flanieren danach durch die mit großen Steinplatten gepflasterten Gassen der Altstadt bis zur Hauptkirche (Igreja Matriz) und der ihr gegenüberstehenden Igreja da Misericórdia. Letztere war Teil eines Gebäudekomplexes, der ein im 16. Jh. gegründetes Krankenhaus umfasste. Die Kirche ist mit einigen künstlerischen Elementen von unbestreitbarem Wert ausgestattet, wie zum Beispiel dem Holzdach, das mit Grotesken bemalt ist, und der Kanzel aus vergoldetem Schnitzwerk. Das herausragendste Merkmal ist jedoch der Altarvorsatz, der das Wunder der Brotvermehrung darstellt.

Nahe den beiden Kirchen sehen wir die Skulptur eines Stiers – eine Hommage an eines der traditionsreichsten Feste von Ponte de Lima, das viele Besucher anzieht: „Vaca das Cordas“. Der Name – Kuh am Seil – täuscht, denn es handelt sich um einen Stierlauf, ähnlich wie in Pamplona. Am späten Nachmittag des Vortages von Fronleichnam wird ein Stier zur Hauptkirche geführt und dort mit Seilen an das eiserne Fenstergitter des Glockenturms gebunden. Anschließend wird der Stier drei Runden um die Kirche getrieben und verursacht dabei viele Stürze unter den wagemutigen Zuschauern, die versuchen, ihn zu bezwingen, bevor der Lauf weiter durch die Straßen der Altstadt und über den Camões-Platz bis zum Flussufer führt.
Além Ponte, also am anderen Ufer, besuchen wir die Kirche Santo António da Torre Velha, neben der die Capela do Anjo da Guarda zu sehen ist. Diese kleine unscheinbare Kapelle direkt am Fluss ist die einzige ihrer Art in ganz Portugal und als Nationaldenkmal eingestuft.
Nur wenige Meter von der Kirche entfernt befindet sich das Museu do Brinquedo Português, das eine beeindruckende Spielzeugsammlung aus verschiedenen Epochen präsentiert. Hier erwacht unser inneres Kind zum Leben.
Kurz darauf, wieder am Fluss, schlendern wir durch den romantischen Parque do Arnado, in dem uns vier Epochen der Gartenkunst verzaubern. In der Anlage können auch ein Wintergarten und das Interpretationszentrum des Territoriums von Ponte de Lima besucht werden, das eine Ausstellung zur Ethnografie der Region bietet.
Von hier aus folgen wir etwa einem Kilometer dem Rad- und Wanderweg Ecovia entlang des Flusses Richtung Westen bis zum Gelände des Internationalen Gartenfestivals von Ponte de Lima, ein Ort, an dem Kunst und Gartenbau verschmelzen und der jährlich von Mai bis Oktober besucht werden kann (festivaldejardins.cm-pontedelima.pt).
Die natürliche Landschaft von Ponte de Lima ist bereits atemberaubend, doch jeder Besucher bemerkt sofort, dass die Stadtverwaltung viel Zeit und Mühe in die Pflege der Grünflächen investiert. Dreimal konnte die Stadt den nationalen Wettbewerb der Blumenstädte gewinnen sowie eine Bronze- und eine Silbermedaille im Wettbewerb der blühendsten Städte Europas (1999 bzw. 2000) erringen. Es gibt zahlreiche kleine und große Gartenanlagen in der Stadt, wie den Jardim dos Plátanos, dos Terceiros, do Dr. Adelino Sampaio, de Sebastião Sanhudo, den Largo do Dr. António Magalhães oder den Jardim do Paço do Marquês (festivaldejardins.cm-pontedelima.pt/jardins-pela-vila). Die Gemeinde hat kontinuierlich investiert, damit die Bevölkerung die Grünflächen als ihre eigenen betrachtet und so entstand auch der Wettbewerb „Ponte de Lima – Gärten, Kunst und Innovation“, eine Initiative, bei der Fenster, Balkone, Geschäftsräume und Beete verschönert werden. Das Ergebnis ist eine äußerst gepflegte und blühende Stadt.
Ponte de Lima hat noch viel mehr zu bieten. Im Sommer kann man sich in den ruhigen Gewässern des Lima am Flussstrand erfrischen oder Kanu fahren und es gibt viele Wanderrouten inmitten üppiger Vegetation (www.visitepontedelima.pt/pt/turismo/ecovias-rotas-e-percursos). Dass hier auch der Jakobsweg entlangführt, ist an den vielen Pilgern zu erkennen, denen man begegnet.
Die Kleinstadt am Lima fasst die Essenz der Minho-Region zusammen und verzaubert die Besucher mit ihrer reichen Geschichte, ihrer atemberaubenden Landschaft und ihrer gastfreundlichen Atmosphäre. Egal, ob man sich für Geschichte, Kultur, Natur oder Wein interessiert, diese bezaubernde Stadt hat für jeden etwas zu bieten.

