Lissabon ist die Hauptstadt des modernen Portugals, Porto mag namensgebend für das Land gewesen sein, Guimarães aber ist unzweifelhaft die Wiege der portugiesischen Nation. Denn die Großstadt im Norden Portugals war nicht nur der Geburtsort des ersten portugiesischen Königs, sie war auch Schauplatz jener entscheidenden Schlacht, die eben diese Unabhängigkeit Portugals ermöglichte
Man schreibt das Jahr 1128 n. Chr.: Der gerade einmal zwanzigjährige Graf von Portugal Afonso Henriques hat ein Heer versammelt, um für Portugals Unabhängigkeit zu streiten. Bei São Mamede formieren sich seine Truppen zur Schlacht. Ihm gegenüber, in den Reihen der Galizier und Kastilier, steht niemand anderes als seine eigene Mutter. Vor den Mauern Guimarães beginnt der Kampf zwischen Mutter und Sohn, beginnt der Kampf um die Zukunft Portugals.
Unter Afonsos Banner haben sich an jenem Tag von den Maias bis zu den Ribadouros alle führenden Geschlechter aus den Ländern zwischen Douro und Minho versammelt. Seit Jahrhunderten schon waren sie die Verteidiger der Grenze zwischen den muslimischen Emiraten im Süden und den christlichen Königreichen im Norden. Langsam hatte sich so eine eigene Kultur und ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt, das nicht abhängig war von den galizischen und kastilischen Oberherren.
Mit dem jungen Afonso an der Spitze sollte diese Eigenständigkeit nun auch politisch erzwungen werden. Der Sohn einer kastilischen Prinzessin und eines französischen Kreuzritters vereinte in sich den Ehrgeiz eines Eroberers und den Anspruch eines Königs. Um Portugal in die Unabhängigkeit zu führen, brauchte er jetzt nur noch auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.
Als in Kastilien feindliche Heere einmarschierten und sich verschiedene Adlige gegen den König auflehnten, schien die Zeit gekommen. Der König war zu beschäftigt, um in Portugal für Ruhe zu sorgen. Afonso musste lediglich seine eigene Mutter fürchten: Die hatte nämlich inzwischen zum zweiten Mal geheiratet und strebte nun selbst danach, ein vereintes galizisch-portugiesisches Reich zu erschaffen. So kam es zu jener bizarren Situation des 24. Juni 1128, als sich Mutter und Sohn auf dem Schlachtfeld von São Mamede gegenübertraten, um über Portugals Herrschaft zu streiten.
Über die persönliche Beziehung der beiden oder über den Schlachtverlauf ist uns nicht viel bekannt. Einige hundert, vielleicht tausend Ritter und Soldaten dürften da vielleicht miteinander gerungen haben, und doch sollte die Schlacht welthistorische Bedeutung erlangen. Denn Afonsos Portugiesen konnten an jenem Tag zum ersten Mal ihre Oberherren in offener Feldschlacht besiegen und so die galizische „Fremdherrschaft“ über das Land brechen.
Theresa und die galizischen Adligen wurden gefangen genommen und aus Portugal verbannt. Der Sieger Afonso Henriques nannte sich fortan Prinz von Portugal. Das Tor zur Unabhängigkeit war weit geöffnet: Es folgten weitere Siege gegen die Mauren im Süden und vor allem die Eroberung von Lissabon und Santarém, sodass er sich schließlich im Jahr 1140 selbst krönen konnte. Aus Afonso Henriques wurde König Afonso I. und aus Guimarães wurde die erste Hauptstadt des unabhängigen Portugals.
Noch heute finden sich überall in Guimarães Spuren der reichen Geschichte dieser Stadt. Vor allem natürlich im mächtigen Castelo de Guimarães. Der Geburtsort Afonsos beheimatet nun eine schöne Ausstellung über das Leben des berühmten Königs, sowie einen Rundgang über die gewaltigen Befestigungsanlagen. Von den Wehrgängen bietet sich ein Ausblick auf das Feld von São Mamede und den später errichteten Palácio dos Duques de Bragança. Wer noch mehr über die Geschichte des alten Portugals und über das Leben des mittelalterlichen Hochadels lernen möchte, der kann davon überreichlich in dem großen Palast finden.
Wer hingegen nach all der Kultur Frieden und Einkehr sucht, dem empfehle ich den Berg Penha. Zu Fuß oder mit der Gondel kann man diese Anhöhe von der Stadt aus erreichen und einen unglaublichen Ausblick auf die Stadt und die gesamte Region, bis hin zum Ozean, genießen. Eine zum Teil vielbesuchte Wallfahrtskirche liegt hier oben, genauso wie ein recht verstecktes keltisches Steinmonument. Wenn man den Sonnenuntergang von Penhas Gipfeln aus betrachtet, meint man das mystische alte Portugal noch spüren zu können.
Auch die Stadt selbst ist einen eigenen Besuch wert. In den verwinkelten Gassen von Guimarães ist es leicht die Orientierung zu verlieren, aber das ist nicht weiter schlimm, verlocken doch die schönen alten Häuser und die zahlreichen, versteckten Plätze gerade dazu die Zeit in der Stadt zu vertrödeln. Nicht umsonst wurde die Altstadt samt Festung 2001 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.
Guimarães strotzt vor mittelalterlichem Charme: Große steinerne Kirchen, Palais und Denkmäler säumen die Straßen, wohin man auch schaut. Am besten gönnt man sich daher eine kurze Pause und setzt sich in eines der zahlreichen Cafés. Mit einer lokalen Spezialität wie dem Toucinho do Céu, einer kleinen süßen Torte, oder einem Bola de Carne, einem mit Fleisch und Käse gefüllten Gebäck, lässt es sich am besten entspannen und das geschäftige Treiben vor sich beobachten.
Wie die Stadt hat auch die Bevölkerung von Guimarães im Lauf der Zeit ihren ganz eigenen Charakter entwickelt. Anders als viele andere Südländer scheinen die Menschen hier kühler und reservierter zu sein, ohne dass sie jedoch ihre Gastfreundlichkeit verloren hätten. Die Bewohner Guimarães sind stolze Menschen, freundlich zu Besuchern, doch fest in ihrer Meinung. So flogen die Stühle und Fäuste in den Straßen der Stadt, als ich dort zu Besuch war und zufällig das Aufeinandertreffen zweier verfeindeter „Fan“-Gruppen zu sehen bekam. Aber auch manche Riten und Traditionen der Bevölkerung muten seltsam an, so wie das jährlich am 13. Dezember stattfindende Fest der Heiligen Luzia: Zu Musik und Tanz übergeben die jungen Männer an diesem Tag ihren Herzdamen phallusartige Gebäcke; die so umworbenen aber lehnen entweder ab oder schenken eine vogelförmige Süßigkeit zurück. Sardões e Passarinhas werden diese Gebäcke genannt, ganz nach altem Brauch!
Ebenfalls im Dezember feiern die Studenten der Uni von Guimarães seit 1664 die Festas Nicolinas zu Ehren von S. Nicolau de Mira. Das Fest beginnt Ende November und bietet bis zum 7. Dezember verschiedene Events wie Paraden, Tanzabende und Gottesdienste. Danach und bis Anfang Januar organisiert die Stadtverwaltung ein großes Weihnachtsfest mit Konzerten, Paraden, Überraschungen für die Kleinen und einem großen Weihnachtsmarkt.
Guimarães ist eine Stadt mit Geschichte. Die Wiege der Nation hat aber bis heute viel zu bieten und ist in meinen Augen eine absolute Empfehlung für jeden, der im Norden Portugals seinen Urlaub verbringen möchte. Nur eine Zugstunde von Porto entfernt, findet man hier Kunst, Kultur und Natur in reicher Fülle. Guimarães vereint alles, was man von einem schönen Städtetrip erwarten kann. Solange man nicht in feindlicher Absicht kommt, wird uns Afonsos Heimat mit offenen Armen empfangen!
Text Wilfried Nass
In ESA 12/23

