Mit Herz und Verstand gereift

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Kurz bevor die Weinlese beginnt, führt uns Helwig Ehlers durch sein eineinhalb Hektar großes Weingut Helwigus Single Vineyard und erzählt mit viel Leidenschaft und Humor, wie es dazu kam, dass ein Physiker und Ex-Industriemanager Winzer wurde

An einem nach Süden gerichteten, sanft ansteigendem Hang nahe Santa Bárbara de Nexe,  wachsen und gedeihen die Trauben, aus denen Helwig Ehlers und seine Frau 1998 erstmals ihren Helwigus-Wein kelterten. „Davor habe ich schon ganz gerne mal Wein getrunken. Das ist immer eine gute Voraussetzung, wenn man sich mit der Kelterei beschäftigen möchte”, beginnt er gut gelaunt zu erzählen. Damals war es auch ein exzellenter Tropfen aus den Hügeln von Santa Bárbara de Nexe, den der Physiker gekostet hatte und der ihn einige Jahre danach dazu veranlasste auf seinem Grundstück den Boden zu roden und Weinstöcke anpflanzen zu lassen. „Am Anfang war alles wunderschön. Der erste Wein, den wir in Handarbeit und mit einfachsten Mitteln kelterten, war wirklich hervorragend. So gut, dass unsere Freunde behaupteten, dass wir den Wein gekauft und in unsere Flaschen abgefüllt haben“, berichtet er weiter humorvoll. Das Ergebnis dieses ersten Versuchs war so motivierend, dass sie beschlossen Winzer zu werden. „Aber dann ging es bergab und es gab einige Vorfälle“, fährt Ehlers vergnügt fort. Daraufhin engagierte er Dr. Binder vom Institut für Önologie der Hochschule Geisenheim, der ihm die chemischen Zusammenhänge und das A und O der Weinproduktion erklärte. „Ich lernte, dass es nicht reicht ein Weinliebhaber zu sein, um Winzer zu werden.“ Es sei viel Lernarbeit dabei und manchmal auch Frust, wenn die Trauben von Schädlingen befallen werden oder die Wetterbedingungen nicht mitspielen. Die Natur habe großen Einfluss auf die Weinproduktion und der Boden sei ausschlaggebend. „Der Boden ist alles. Ohne guten Boden keine gute Pflanze, ohne die keine gute Trauben, die bekanntlich für einen guten Wein unentbehrlich sind“, so Ehlers. Seine Reben für die Rotweinsorten Touriga Nacional, Trincadeira, Syrah, Aragonez und Castelão sowie für die Weißweinsorten Arinto, Fernão Pires und Tamarez, wachsen auf lehmhaltigen Kalkverwitterungsgestein und in einem vom Atlantik geprägten Klima: trocken, warm und stets etwas Luftbewegung.

Die Weinlese findet in diesem Monat statt. Davor waren viele Schritte nötig, um eine gute Ernte zu sichern: Dazu gehören u. a. periodische Bodenproben, um zu sehen, wie sich der PH-Wert verändert und was der Boden und somit die Pflanze braucht; der Rückschnitt der Rebstöcke; eine Reduzierung des Fruchtbehangs sowie die Entfernung von Geiztrieben und Blättern. Kurz vor der Weinlese wird der Zuckergehalt gemessen und von den jeweiligen Rebsorten mehrere Trauben von oben, unten, der Sonnen- und der Schattenseite genommen und zerquetscht, um den daraus resultierenden Most zu testen. U. a. werden der Alkohol und die Gesamtsäure genau bestimmt. „Schmeckt dieser Most nach reifer Banane oder Birne, haben die Traubendie perfekte Reife erreicht und somit ist es der richtige Zeitpunkt für die Weinlese. Ein großes Weingut kann dies so nicht machen. Bei uns wird das Beste, was in den Trauben steckt herausgekitzelt“, erklärt Ehlers mit Überzeugung.

Alle Schritte im Weinberg sowie im -keller werden penibel aufgeschrieben. „Das ist auch eine Forderung der regionalen Weinkommission CVA, denn in Portugal ist jede Flasche mit einer einmaligen Nummer versehen, die, zusammen mit der Weinbuchführung, eine genaue Rückverfolgung gewährleistet“, so Ehlers. Während er dies lobt, wünscht er sich, dass die CVA in anderen Angelegenheiten Änderungen einführt. „Es gibt beispielsweise rund 500 sehr bekannte Rebsorten in Europa. Doch die Kommission eines Weinanbaugebietes lässt nicht alle zu. Das ist manchmal zu hinterfragen, weil die Entscheidung eher aus der Tradition herrührt, als dass man sich auf die neuen Möglichkeiten und die Marktbedürfnisse einstellt“, weiß Ehlers zu berichten.

Aus einem Hobby wurde eine Vollzeitbeschäftigung, die Ehlers sichtlich am Herzen liegt und die er sehr ernst nimmt. „In einem kleinen Weingut ist die Produktion individueller. Es ist so, wie wenn man einen Schrank nach Maß baut oder aus der Fabrik kommen lässt. Der aus der Fabrik ist immer gleich und sicher sehr gut, aber ein individuell gebauter Schrank hat seine Vorzüge“, so Ehlers, dem viel an Qualität liegt und daher an nichts spart, um diese zu gewährleisten. Sein Weinkeller ist technisch bestens ausgerüstet: Kühlraum, einstellbare Abbeermaschine, Membranpresse, Labor, automatische Abfüllstation, Edelstahltanks, Fässer – es fehlt an nichts. „Wir produzieren 10.000 Flaschen. Darüber lachen andere Winzer. Aber nicht die Menge, sondern die Qualität ist wichtig. Und wir haben großartige Weine mit großer Anerkennung produziert. Das habe ich auch unserem Önologen Dr. Heinemeier, der uns nach Dr. Binder mittlerweile seit vielen Jahren begleitet, zu verdanken“, so Ehlers stolz.

Ein geborener Winzer, der dies zu spät im Leben entdeckt hat? „Nein, nein“, antwortet er lächelnd. „Aber jeder Abschnitt des Lebens stellt besondere Herausforderungen und die sollte man meistern. Auch wenn man beruflich seinen Abschied genommen hat, muss man sich etwas anderes vornehmen. Was hiernach kommt weiß ich noch nicht“. Zur Ruhe wird sich Helwig Ehlers sicher nicht setzen. Sein Grundstück ist der Beweis dafür, dass es stets etwas zu tun gibt: Die Weinstöcke sind von einer gepflegten Gartenanlage umgeben, in der Olivenbäume, Erdbeerbäume, Zwergpalmen, Bougainvillea und viele andere Pflanzen blühen und Schatten spenden. Hier und da hat er Blickschneisen angelegt, die es ermöglichen die Landschaft bis zur Ria Formosa und dem Atlantik bei Faro zu genießen. Aus dem alten Weinkeller hat Ehlers einen urig gemütlichen Verkostungsraum gezaubert, in dem alte Fässer, die er mit Kork und anderen Objekten verziert hat, als Abstelltische dienen und in dessen Regalen je eine Flasche von sämtlichen Jahrgängen stehen, die er gekeltert hat. Es sind die Weinproben, die Ehlers jährlich der CVA vorlegen muss. „Es bringt mir ein Maß der Zufriedenheit und das Schönste im Leben ist, die größtmögliche Zufriedenheit in der Tätigkeit zu erlangen, die man ausübt“, so der 80-jährige Weinproduzent mit einem Faible für Handarbeit.

Text & Fotos: Anabela Gaspar
in ESA 09/2021

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