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You are at:Home»Leben & Kultur»Kunst & Kultur»Chocalhos – Kuhglocken wiederentdeckt
Kunst & Kultur

Chocalhos – Kuhglocken wiederentdeckt

Von agasparMi. 21. Dezember 2016Aktualisiert:Mi. 21. Dezember 2016Lesedauer: 6 Minuten

Aufgrund der kürzlich erfahrenen Würdigung durch die UNESCO als dringend erhaltungsbedürftige Kulturtradition im Rahmen des immateriellen Weltkulturerbes erleben die Chocalhos, Kuhglocken aus Alcáçovas, breit gefächerte Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Aufwind

Ursprünglich diente der schmale, runde Metallkörper indigenen Völkern als Rhythmusinstrument und kommt heute als Schüttelrohr, genannt Chocalho, im brasilianischen und vor allem im nordiberischen Karneval noch immer zum Einsatz. Ausgestattet mit einem hölzernen Klöppel hingegen, wirkt der Chocalho-Zylinder wie ein Resonanzkörper, der ein blechern harmonisches Geläut verbreitet und als Signalinstrument in Portugal eine neue Funktion fand: Als Kuhglocke.

Dieses charakteristische Geläut nutzte den Hirten während ihrer monatelangen Wanderschaft durch Portugal, insbesondere durch die unbesiedelten Gegenden des Alentejo, um ihre Herden zusammen-zuhalten und verirrte Tiere im Gelände leichter wiederzufinden. Die südlich des Tejo verlaufenden, einstigen Hauptstrecken der Hirten unterwegs in der Wanderweidewirtschaft kreuzten sich im Alentejo in einem Ort namens Alcáçovas. Das führte im Mittelalter dazu, dass sich dort Eisenschmiede vermehrt auf die Herstellung von Tierglocken (port.: chocalho) spezialisierten und Alcáçovas sozusagen zur Hauptstadt der Chocalhos aufstieg.
Die Fertigung der eisernen Kuhglocke basiert auf einem mehrstufigen Prozess und verbindet die Metallurgie und die Schmiedekunst. Das Wissen um das Zusammenwirken dieser beiden handwerklichen Metiers, gepaart mit der Kunst, jedem Chocalho einen eigenen Klang zu verleihen, beruht auf historischen Wurzeln, die bis zu Römern zurückreichen. Es wird von jeher in Alcáçovas traditionell mündlich überliefert und innerhalb der Familie vom Vater an den Sohn weitergegeben.
Moderne Weidetechniken lösten in den vergangenen Jahrzehnten in Portugal allgemein, aber besonders im Alentejo, die Wanderweidewirtschaft mit Hirten ab. Auf Chocalhos wurde weitgehend verzichtet. Die Nachfrage sank stetig, etliche Werkstätten mussten schließen. Infolgedessen bieten in Alcáçovas heute bloß noch wenige Werkstätten die traditionell gefertigten Tierglocken für Weidetiere an. Das Handwerk lief Gefahr in Vergessenheit zu geraten und somit die kulturhistorische Identität vieler Familien in Alcáçovas, deren Vorfahren die lokale Struktur der Gemeinde durch ihre Handwerkskunst einst nachhaltig geprägt haben. Der Tourismusverband Turismo do Alentejo bewarb sich deswegen mit dem Chocalho–Handwerk aus Alcáçovas um die Anerkennung als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe. Mit Erfolg. Die Chocalho-Kuhglocke wurde vor Kurzem von der UNESCO-Kommission als bewusstseinsbildende Maßnahme für die lokale Kulturidentität gewürdigt, da das Handwerk aufgrund der genannten sozio-ökonomischen Veränderungen zunehmend bedroht ist, zu verschwinden. Somit reihen sich die Chocalhos und ihre lokale kulturhistorische Bedeutung als drittes, nicht gegenständliches portugiesisches Weltkulturerbe ein, nachdem bereits die landestypischen Gesangsformen Fado und Cante Alentejano anerkannt sind. Seit der Anerkennung erfahren die Chocalhos und ihre Schmiedemeister aus Alcáçovas in Portugal große mediale Aufmerksamkeit und erleben fröhlich bimmelnd eine kulturelle Renaissance.

Die Chocalho-Hauptstadt Vila de Alcáçovas gehört zum Gemeindebezirk Viana do Alentejo und liegt an der einstigen Via Romana, der Hauptverbindungs-strecke zwischen den Städten Alcácer do Sal, Évora und Beja. Nachdem sich der Ort im Laufe der Jahrhunderte als zentraler Treffpunkt mit einem Markt für Hirten und ihre Herden unterwegs in der Wanderweidewirtschaft etabliert hat, spezialisierten sich lokale Eisenschmiede zunehmend auf das Schmieden von Chocalhos. Im Jahre 1913 produzierten noch sechzehn Werkstätten Chocalhos, gegenwärtig bestehen neun, von denen sechs nicht mehr gewerblich tätig sind und ihre Meister längst pensioniert. Lediglich drei Werkstätten produzieren und handeln weiter mit Chocalhos, eine davon ist die Fábrica Chocalhos Pardalinho, die auf eine hundertjährige Firmengeschichte verweisen kann.
Mestre Chocalheiro Francisco Maia Cardoso und Mestre Chocalheiro Guilherme Reis Maia führen das Unternehmen in vierter Generation. Sie sind Cousins und haben das Schmieden von Chocalhos von Guilher-mes Vater gelernt, seit sie sechzehn waren. Auch heute noch, fünfundzwanzig Jahre später, teilen sie die Faszination für Metallurgie und was sie mit ihrem Wissen erschaffen. „Wir sind vor allem bestrebt, die lokale Tradition der Glockenherstellung so originalgetreu wie möglich zu erhalten und uns unserer eigenen Familiengeschichte würdig zu erweisen“, bekräftigen sie. Ihre Werkstatt, untergebracht in einer hohen Lagerhalle mit Ausstellungsfläche und Boutique, hat mit einer ursprünglichen Schmiedewerkstatt nichts mehr gemein. An fünf Werkbänken arbeiten zwei Lehrlinge, ein Praktikant und beide Meister. Im ersten Arbeitsschritt stellen sie Glockenrohlinge in Größen zwischen zwei und dreißig Zentimeter her. Hierfür werden aus dünnem Eisenblech rechteckige Stücke in vorgesehener Größe der künftigen Glocken ausgeschnitten, in der Mitte gefaltet, mit der Metallschere in Form geschnitten und auf dem Amboss entlang der Kanten rund geschlagen. Bis dahin kalt bearbeitet, kommt jeder Rohling danach, umhüllt von einer Masse aus Lehm und bespickt mit ausgestanzten Kupferstücken, bei 1200 °C in den Schmiedeofen. Dieses Verfahren nennt man Urformverfahren.
Die Form aus Lehm ist pro Brennvorgang und Glocke nur ein einziges Mal verwendbar. Die Lehmmasse wird wie ein Kuchenteig ausgerollt, passend zur jeweiligen Glockengröße ausgestochen und um den eisernen Glockenrohling herum modelliert. Als Nächstes schiebt der Mestre Chocalheiro die Lehmformen in den Schmiedeofen, dreht sie während des Brennens so oft um, bis aus der kleinen runden Öffnung am Boden der Form eine bläuliche Stichflamme austritt. „Wenn die Flamme bläulich schimmert, fängt das Kupfer an zu schmelzen“, erklärt Francisco Maia Cardoso. Nun ist Eile geboten. Der Mestre holt die glutheißen Lehmformen aus dem Ofen und bug-siert sie auf den Boden. Mithilfe von zwei Schürhaken rollen seine Lehrlinge die gebrannten Formen auf dem Boden behutsam hin und her, damit die Metalle gleichmäßig miteinander verschmelzen. Im Tauchbad kühlt die gebrannte Lehmform vollständig ab und lässt sich leicht öffnen. Zum Vorschein kommt eine funkelnde, kupferfarbene Glocke.
Als Nächstes wird die Glocke auf Hochglanz poliert. Fehlt nur noch der Klang. Durch leichtes, rhythmisches Hämmern auf den Glockenkörper verjüngt sich das Metall und hinterlässt kaum sichtbare Hohl-spuren an der Innenseite der Glocke. Beim Anschlagen vibriert das Metall, erzeugt Schwingungen und diese den Klang. Das entstehende Echo verleiht jedem Chocalho ein ureigenes, melodisches Geläut. Der -Mestre schnalzt mit der Zunge. Die Glocke auf seinem Schoß, ein dreißig Zentimeter großes Prachtstück mit den Initialen des Auftraggebers verziert, klingt stumpf und hohl. Er bearbeitet das Metall weiter, hält inne, schlägt den Chocalho erneut an. Es ertönt ein voluminös dumpfes Geläut, harmonisch und mit Echo. „Jetzt klingt sie richtig“, lächelt er zufrieden. „Der Clou ist der Klang. Jeder Chocalho bimmelt anders. So unterscheidet der Hirte, wo seine Leittiere gerade grasen“, fügt Mestre Chocalheiro Guilherme hinzu und montiert im allerletzten Arbeitsschritt den von Hand geschnitzten, hölzernen Badalo, den Klöppel, an den Himmel der Glocke. „Aber nicht nur. Fügt man die Chocalhos zu einem Xylophon zusammen, kann man mit unseren Glocken auch musizieren.“
Chocalho-Glocken aus der Fábrica Chocalhos Pardalinho gibt es in diversen Größen und Ausführungen ab Werk oder Online bestellbar zu kaufen. Neben den wuchtigen Original-Kuhglocken sowie den kleineren Chocalho-Varianten für Schafe und Ziegen für Zuchtbetriebe im In- und Ausland, stellen die ambitionierten Mestres Chocalheiros diverse Chocalho-Produkte zu Dekorationszwecken und als Accessoires her: Windspiel, Schlüsselanhänger, Lampenschirme sind jetzt schon Trend. Korkenzieher und Flaschenöffner sind in Planung, ebenso ein Bilderbuch für Kinder. Nach vorheriger Anmeldung ist ein Werkbesuch mit Führung möglich. Die Chocalho-Boutique ist montags bis freitags geöffnet und kann jederzeit besucht werden. Die Mitarbeiter sprechen Englisch. Das diesjährige Glockenfest Feira do Chocalho in Alcáçovas findet am 24. Juli statt.

Bleibt zu hoffen, dass Portugals Kuhglocken durch ihre Anerkennung im Rahmen des immateriellen Weltkulturerbes einen wirtschaftlich positiven, dauerhaften Aufschwung erleben und künftig andere Betriebe ebenso Lehrlinge anlernen, damit auch in Zukunft im Land der Korkeichen und Olivenbäume das charakteristische Geläut der Herdentiere erklingt.

Text und Foto: Catrin George
In ESA 02/16

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