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Mértola

Von agasparSa. 10. Januar 2015Aktualisiert:Fr. 22. Juli 2022Lesedauer: 5 Minuten

Auf dem Weg in die Moderne

Schmale, steile, verwinkelte Gassen, kopfsteingepflastert, blendend weiße Häuser, die sich an die Felsen schmiegen – die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in Mértola, der Stadt mit einer Jahrtausende alten Geschichte. Hier, an den Ufern des Guadiana, wird die uralte Tradition des portugiesischen Südens wieder lebendig

Die kleine, knapp 2.900 Einwohner zählende, im Südosten des Alentejo gelegene Stadt blickt auf eine mehr als 3.000 Jahre alte Geschichte zurück. Indizien hierfür sind heute noch Spuren einer Kupferverarbeitung an der Straße zur alten Kupfermine in Mina de São Domingos.
Die frühesten nachweisbaren Siedler waren Kelten, deren erste Spuren aus dem 9. Jahrhundert vor Christi resultieren. Von diesem Zeitpunkt an war Mértola ein begehrter Siedlungspunkt: Karthager, Phönizier und Römer hatten hier ihren am weitesten im Landesinneren gelegenen Handelsplatz. Grund dafür war die geschützte Lage von Mértola am Guadiana. Bequem ließ sich das im Landesinneren abgebaute Erz, vorrangig handelte es sich um Gold, Silber, Kupfer und Zinn, per seegängigen Schiffen an die Küste transportieren und von hier durch die Straße von Gibraltar in den gesamten Mittelmeerraum verschiffen.
Die Bedeutung Mértolas – oder „lulia Myrtyllis“, wie die Römer es nannten – lässt sich aus der Tatsache erkennen, dass die Stadt unter Augustus zum Municipium erhoben wurde. Damit waren die Bewohner weitgehend den Bürgern von Rom gleichgestellt. Vielfältige Ausgrabungen aus dieser Zeit – so eine etwa vier Kilometer lange Mauer mit zwei erhaltenen Wehrtürmen – dokumentieren die große Bedeutung der Stadt für den römischen Staat.

Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches siedelten in den Mauern der Stadt Alane, Sueben und Westgoten. Unter letzteren entwickelte sich Mértola zum kirchlichen, militärischen und wirtschaftlichen Zentrum der Region. Bis hin nach Konstantinopel, der Hauptstadt des oströmischen Reiches, wurde intensiver Handel betrieben. Dies lässt sich heute noch nachvollziehen auf Grund jüngerer Ausgrabungen, die Überreste von Häusern griechischer Händler aus dem 6. und 7. Jahrhundert freilegten.
Der langsame Zerfall des oströmischen Reiches erschwerte dann den Handel mit dem Mittelmeerraum. Am Ende war die Region wirtschaftlich und kulturell auf sich allein gestellt.

Ab 712 eroberten die Mauren die Region, umgaben die Stadt mit einer neuen Mauer, bauten die Burg zwischen 930 und 1030 zu einer mächtigen Festung in ihrer bis heute erhaltenen Form aus und errichteten unterhalb der Burg eine fünfschiffige Moschee, die heute nach einer Umgestaltung die christliche Hauptkirche Mértolas (Igreja Matriz) wurde.
Die Zeugen der maurischen Herrschaft sind in der Region immer noch sichtbar: Intensive Bewässerungsmethoden sowie der Anbau von Zitrusfrüchten, Mandel- und Johannisbrotbäumen verbesserten die Ertragskraft der Landwirtschaft. Neue Bautechniken und Architekturstile wurden angewendet. Die weißen, kleinen und flachen Häuser mit ihren Gittermustern an den Schornsteinen, die an Minarette erinnern, sind weitere Zeugen der maurischen Herrschaft.
Mit dem Sieg von König Sancho II. im Jahre 1238 endeten mehr als 500 Jahre maurischer Herrschaft in Mértola. Er verschenkte den Ort an den Ritterort der Jakobsritter, der dort bis 1316 seinen Sitz hatte. Während dieser Zeit wurde der mächtige Turm „torre de menagem“, der Hauptturm der Festung, errichtet und das gesamte Castelo aufwendig erweitert.
Zwei Jahrhunderte sollte es noch dauern, bis Mértola endgültig seine bisherige Bedeutung als wichtiger Handelsplatz verlor. Sicherlich trug die zunehmende Versandung des Guadiana dazu bei, dass die Handelswege im 16. Jahrhundert auf den Tejo und damit nach Lissabon verlagert wurden. Mértola geriet für lange Zeit in Vergessenheit.
Die archäologischen Funde in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und das erwachende Interesse an der islamischen Kultur verschafften der Stadt ein neues wirtschaftliches Standbein, den Tourismus.

Erkunden sollte man die Stadt zu Fuß. Fast alle Straßen sind zwar per Auto zu befahren, aber manchmal wird es so eng, dass der kleinste Kleinwagen riesengroß erscheint. Und hinter der nächsten Kurve tut sich immer eine neue Überraschung auf. Die Altstadt ist ein enges Häusergewirr, gepflasterte Gässchen und Treppenaufgänge reichen von den alten Fischerkais bis hin zur mächtigen, über der Stadt aufragenden Burganlage. Oberhalb des Hafens ragt der weißgekalkte, trapezförmige Uhrturm empor, wahrscheinlich das älteste Gebäude der Stadt, dokumentiert durch eine Glocke aus dem Jahre 1539.
Auf dem weiteren Weg stößt man auf die christliche Hauptkirche des Ortes. Ehemals islamische Moschee, erkennbar an den Säulenkapitelen und der nach Mekka ausgerichteten Gebetsnische, wurde sie ab 1540 mit gotischen Gewölben und Renaissanceeingang umgestaltet – eine schöne Verbindung zweier Religionen.
Auf der Spitze des Berges erwartet den Besucher die alte maurische Festung. Auch hier sind christliche und islamische Wurzeln zu erkennen. Wahrscheinlich sehen wir die mächtigste Festungsanlage der westlichen iberischen Halbinsel. Im Hauptturm der Burg ist ein Museum mit zahlreichen Funden aus vorislamischer Zeit eingerichtet.
Bei der weiteren Wanderung durch die Straßen der Altstadt stößt man immer wieder auf Gebäude, die Zeugen der wechselhaften Geschichte von Mértola sind oder Artefakte beherbergen, etwa die frühchristliche Kirche (Basílica paleocristã), der Turm am Fluss (Torre do Rio) oder das gelbe Haus (Casa amarela). Sie alle sind Zeugen der prächtigen Vergangenheit von Mértola, die nun in die Gegenwart gerettet wurden, um so die Geschichte weiterzuschreiben. Alles in allem gewinnt man den Eindruck, dass Mértola seine vergessenen Wurzeln wieder neu entdeckt und nun versucht, mit ihrer Hilfe die Zukunft besser zu gestalten.

Den Besuchern offeriert die örtliche Gastronomie typische Gerichte der regionalen Küche mit ausgefallenen Produkten der Umgebung wie Fischeintopf mit Flussfischen (Caldeirada de peixe), Eintopf mit Aalen (Ensopado de enguias) und diverse Gerichte mit Stockfisch (Bacalhau). Für jeden Geschmack ist etwas dabei.
Vielleicht hilft bei der Tourenplanung auch ein Blick in den Veranstaltungskalender: Im Mai 2015 wird wieder das große, alle zwei Jahre stattfindende islamische Fest gefeiert – mit Straßenmarkt, Gastronomie und Musik. Ebenso empfehlenswert: das fünftägige Stadtfest ab 23. Juni und die Gastronomiewoche vor Ostern.
Gäste, die mehr als einen Tagesausflug planen, können beim Tourismusbüro im Zentrum des Ortes Übernachtungsmöglichkeiten erfragen. Wer etwas mehr Zeit zur Verfügung hat, darf sich auf abwechslungsreiche und hoch interessante Ausflüge in die nähere Umgebung freuen: Da gibt es den grandiosen Wasserfall Pulo do Lobo zu bestaunen, ein wahrhaft faszinierendes Naturereignis; eine geisterhaft wirkende alte Arbeitersiedlung, einen wunderschönen Badesee… Lassen Sie sich überraschen!
Text: Beate Dähnke; Fotos: Marina Daneu, E.R.T. Alentejo
ESA 01/15

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