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You are at:Home»Land & Leute»Tradition»Pomarão – Hier ist der Flussfisch König
Tradition

Pomarão – Hier ist der Flussfisch König

Von agasparDi. 20. Dezember 2016Aktualisiert:Di. 20. Dezember 2016Lesedauer: 7 Minuten

Das kleine Grenzdorf am Ufer des Rio Guadiana bittet zu Tisch: Auf dem Festival do Peixe do Rio werden Flussfisch und andere regionale Spezialitäten zelebriert – darüber hinaus erfährt man von der Geschichte des Ortes als Flusshafen und kann den Naturpark erkunden

Die Flussfisch-Könige heißen Aal (Enguia), Neunauge (Lampreia), Äsche (Muge) und Finte (Saboga) und kommen auf dem Festival do Peixe do Rio am 2. und 3. April auf verschiedene Weise zubereitet auf den Tisch. Zum Beispiel als Lampreia à Bordalesa, Neunauge in Rotwein geschmort. Ensopado de Enguia, Aal in Tomaten-Zwiebel-schmorfond mit gerösteten Brotscheiben bekränzt. Saboga frita, Finte in Olivenöl ausgebacken. Muge assado no forno, Äsche im Ofen geschmort, um nur einige Kreationen zu nennen. Wer von allen Sorten kosten möchte, bestellt eine Caldeirada de Peixe de Rio, einen gemischten Fischeintopf. Für Nichtfischesser stehen andere regionale Spezialitäten auf der Speisekarte. Die alentejanische Brotbrösel-Speise, genannt Migas, zum Beispiel mit Pilzen, Speck und Kräutern zubereitet sowie die alentejanische Brotsuppe Açorda als Brühe in der Terrine mit Brotstücken und pochiertem Ei oder als Brotpudding im ausgehöhlten Brotlaib serviert, dazu Pilzpfannen und Wildgerichte.
Die Flussfischarten im Rio Guadiana sind Wanderfische, die sich zwischen Januar und April im Unterlauf des Flusses zum Laichen tummeln. Die Fischer aus Pomarão fischen nicht nur im Fluss vor der Haustür, ihre Fanggründe dehnen sich flussabwärts aus, bis nach Alcoutim, wo die Gezeiten den Fischbestand positiv beeinflussen und der Fang größer ausfällt. Die wenigen kommerziellen Fischer, die nach wie vor in Pomarão tätig sind, hegen das lokale Fischerhandwerk und bekommen Unterstützung von engagierten Amateuranglern, um die Fischgründe zu pflegen. Somit beginnt der erste Festtag traditionell mit dem Sportangelwettbewerb, organisiert vom örtlichen Anglerverein Associação de Pesca desportiva ‚Os Amigos do Guadiana‘. Am Sonntag geht das gastronomische Festival weiter bis zum frühen Abend. An beiden Tagen bieten Veranstalter und teilhabende Vereine Bootstouren auf dem Rio Guadiana sowie geführte Ausflüge in die Umgebung mit Geländefahrzeugen und zu Fuß an.

Pomarão liegt am Ufer des Rio Guadiana an der Grenze zu Spanien, achtzig Kilometer von der Mündung zwischen Vila Real de Santo António und dem spanischen Ayamonte fluss-aufwärts. Der Ort gehört zur Gemeinde Santana de Cambas im Bezirk Mértola im südöstlichen Alentejo. Die Nebenstraße HU-6400 dorthin lenkt den Besucher von der Hauptstraße N 265 zwischen Mértola und Serpa bei Monte Alto Richtung Fernandes abzweigend zwanzig Kilometer durch eine dünn besiedelte, hügelige Hochebene. Die letzten Kilometer windet sich die Straße steil bergab hinunter in das enge Tal, durch das der Fluss seinen Weg gen Süden Richtung Meer pflügt.
Hinter Pomarão erhebt sich die Staumauer des Chança-Stausees, durch dessen Mitte die portugiesisch-spanische Grenze weiter Richtung Norden verläuft. Der Chança-Fluss mit Stauseeablauf mündet in Pomarão in den Rio Guadiana. Anfang 2009 endete die Strecke in Pomarão noch als Sackgasse, bis die Brücke Ponte Internacional do Baixo Guadiana über den Chança gebaut und im Februar 2009 eingeweiht wurde. Seitdem kann man auch an dieser Stelle die Grenze mit dem Auto überqueren, möchte man die anliegenden Dörfer auf spanischer Seite, zum Beispiel El Granado, erkunden und man muss keinen Umweg via Serpa im Alentejo oder via Vila Real de Santo António im Süden in Kauf nehmen, um dorthin zu gelangen.
Pomarão empfängt seine Besucher am ehemaligen Hafen am Cais, am Flussanlegesteg, wo man parken kann. Der Ort ist strukturiert gebaut, die Häuser stehen parallel zum Flussufer den Hang hinauf. Jedes Haus hat einen eigenen Vorhof, die meisten davon sind hübsch bepflanzt, trotzdem ist nicht jedes Haus ganzjährig bewohnt, einige dienen ihren Besitzern als Sommerresidenz, andere kann man als Ferienobjekt mieten. Der Alltag in Pomarão verläuft gemächlich, es gibt bloß ein Café sowie den Anglerklub, wo man Erfrischungen kaufen kann. Hektik kennt man hier nicht. Das war allerdings nicht immer so, hat sich doch Pomarão erst im Laufe der vergangenen fünf Jahrzehnte zu einem zeitgeschichtlichen Refugium seiner eigenen Vergangenheit reduziert.
Der verwaiste, mächtige Anlegesteg auf Holzbohlen am Fluss, der verrostete Hebekran, die Reste eines Schienenstrangs für Loren sowie Ruinen früherer Lagerhallen symbolisieren eindrucksvoll die einstige Bedeutung des Ortes als Flusshafen für Fährboote und Lastschiffe. Beladen wurden die Lastschiffe mit mineralischen Rohstoffen wie Eisenerz, Kupfer, Silber, später mit Pyrit und Schwefel, die in den Zechen der näheren und weiteren Umgebung gefördert wurden. Somit hängt die gesamte geschichtliche Entwicklung von Pomarão, eingebettet in den Iberischen Pyritgürtel (Faixa Piritosa Ibérica) mit dem Grubenbau im südöstlichen Alentejo und dem Guadiana-Fluss als Lebensader für Transport und Handel zusammen. Bis 1968 besaß die englische Minengesellschaft Mason & Barry über rund hundert Jahre die Schürfrechte für die Gruben in der achtzehn Kilometer weiter nördlich gelegenen Ortschaft Minas de São Domingos. Die Betreibergesellschaft sorgte für wirtschaftlichen und infrastrukturellen Aufschwung der Gegend. Mason & Barry förderte aus den Gruben von Minas de São Domingos, ließ weitere Gruben zwischen diesem Ort und Pomarão ausheben und sorgte für über tausend Arbeitsplätze. Ein eigens angelegter Schienenstrang verband die einzelnen Grubenstationen mit dem Verladehafen in Pomarão, wo Lastschiffe internationaler Herkunft die Rohstoffe an Bord nahmen und zu ihrem Bestimmungsort brachten. Der dadurch beständige Schiffsverkehr auf dem Rio Guadiana kurbelte die Wirtschaftsstruktur in der Region immens an. Landwirtschaft, Handel, Handwerk und Gastronomie florierten. Schulen konnten gebaut, Straßen befestigt, ein Krankenhaus errichtet werden. Der Rio Guadiana war die Aorta der Region. Die Blüte nahm 1965 ein abruptes Ende. Die Bodenschätze in den Gruben in und um Minas de São Domingos waren abgebaut, die Minen wurden nach und nach stillgelegt. Die Gesellschaft Mason & Barry meldete Konkurs an und der Verladehafen von Pomarão hatte ausgedient. Die Ortschaften Pomarão und Minas de São Domingos verloren gleichzeitig ihren Hauptarbeitgeber und ihre Position als Handelsplatz. Seitdem harrt die Region in wirtschaftlichem und demografischem Stillstand aus und versucht mit innovativen Aktivitäten gerade auf dem Tourismussektor die Gegend zu dynamisieren.
Für den Besucher lohnt ein Ausflug nach Mértola unbedingt. Ein Spaziergang durch den historischen Ortskern mit Abstechern in die zahlreichen Museen, zum Beispiel in die Casa Romana im Keller der Stadtverwaltung. Danach geht es weiter hinunter zum Fluss, vorbei am Uhrenturm zum einstigen Wasserhebewerk und wieder den Hügel hinauf, den Gassen folgend bis zur ehemaligen Ritterburg und den archäologischen Ausgrabungsstätten daneben. Zehn beschilderte Rundwanderstrecken im Kreis Mértola leiten Wanderbegeisterte zu verschiedenen Zielen im Naturpark Parque Natural Vale do Guadiana. Jede Strecke vermittelt gänzlich unterschiedliche Eindrücke von der vorherrschenden Flora und Fauna der Region. Die Wanderwege führen durch unberührte Natur entlang des Rio Guadiana und des Flüsschens Ribeira do Vascão sowie durch die die Region kennzeichnende Pseudo-Steppe mit ein- und mehrjährigen Gräsern und Wildblumen vorbei an Getreidefeldern und Korkeichen. Der PR 9 zum Beispiel führt zum sogenannten Wolfssprung-Wasserfall Cascata do Pulo do Lobo nördlich von Mértola, wohin sich ein Ausflug besonders im Frühling und nach Regenfällen lohnt. Der Wasserfall ergießt sich aus einer bizarr verkarsteten, auseinanderklaffenden Felsspalte mehrere Meter tief in eine enge Felsenschlucht, weiter durch ein beinahe mystisch anmutendes, versteinertes Tal. Start und Ende der Strecke liegen auf der westlichen Seite des Rio Guadiana mitten im Naturpark. Die Zufahrt ist ausgeschildert, zweigt rechts ab von der EN 122 von Mértola Richtung Beja nach Corte Gafo de Cima, weiter bis Amendoeira da Serra bis zum Start- und Zielpunkt Monte do Guizo. Wanderkarten auf Portugiesisch und Englisch sind im Fremdenverkehrsbüro Posto de Turismo in Mértola erhältlich (tägl. 9 – 13 h und 14 – 18 h) sowie online.

Text: Catrin George, Foto: CM Mértola
In ESA 04/16

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