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Geschichte

Mythen & Gegenwart

Von agasparMi. 26. August 2015Aktualisiert:Fr. 26. Mai 2017Lesedauer: 5 Minuten

Der sebastianische Popanz

Der messianische Mythos um den Tod des portugiesischen Königs Sebastian und die Hoffnung auf dessen Wiederkehr stützt als so genannter Sebastianismus das spirituelle lusitanische Fundament bis heute

Der Erwünschte, „O Desejado“ – so nannte das portugiesische Volk den noch ungeborenen Sohn von Prinz Johann Manuel von Portugal und Johanna von Habsburg, der als Regent die königliche Thronfolge der portugiesischen Avis-Dynastie sichern und somit Portugals Unabhängigkeit gewährleisten sollte. Seine Biografie ist kurz und tragisch. Der Vater starb vor seiner Geburt im Januar 1554, seine Mutter verließ Portugal kurze Zeit nach der Geburt und kehrte an den spanischen Königshof zurück. Noch nicht vierjährig wurde Sebastian zum König ernannt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr unmündig, regelten seine Großmutter Katharina von Habsburg und der Kardinal Heinrich von Évora die Regierungsgeschäfte.

Der junge König machte seiner Großmutter oft Kopfzerbrechen. Sebastian galt als extrem introvertiert und verlor sich in Phantasiewelten. Eingezwängt in der ihm anerzogenen Moralvorstellung seitens der Jesuiten und gleichzeitig überwältigt von reifender Manneslust, durchlebte der junge König Entwicklungsphasen durchtränkt von niederschmetternder Depression, abgelöst von Momenten überschäumender Euphorie samt sexuellen Ausschweifungen. Diese innere Zerrissenheit fand mit zunehmendem Alter Ausdruck in fataler Selbstüberschätzung, die nach seiner letzten militärischen Entscheidung nicht bloß ihm zum Verhängnis wurde, sondern für den gesamten weiteren Geschichtsverlauf seines Landes eine dramatische Kehrtwendung bedeutete.
Angestachelt vom Andenken an seine ritterlichen Vorfahren und den legendären Erzählungen über das Kreuzrittertum, gepaart mit dem Profilierungstrieb, die Ausbreitung des Ottomanischen Reiches in Nordafrika zu verhindern, glaubte Sebastian sich dazu berufen, den Islam vom Gebiet des heutigen Marokko zu verdrängen, das Land christlich zu regieren und das eroberte Territorium dem portugiesischen Königreich einzuverleiben. Sein Plan überraschte nicht bloß seine Berater. Der große Nachbar und Verbündete Spanien lehnte eine Intervention in Marokko ab. Sebastian blieb auf sich gestellt.
Ende Juli ankerte die portugiesische Armada mit über fünfhundert Schiffen in der Bucht von Tanger. In sengender Hitze marschierten Sebastians Truppen Richtung Larache und weiter nach Alcácer-Quibir. Die Überlegenheit des maurischen Heeres, optimal ausgerüstet mit ausreichend Trinkwasser und leichter Marschbekleidung, hielt König Sebastian nicht davon ab, seinen von Hitze und Durst erschöpften Truppen und eingezwängt in schwere Rüstungen, den Befehl zum Sturmangriff zu erteilen. Beseelt von epischem Narzissmus gab er seinem Pferd die Sporen und preschte an der Spitze seines Heeres dem Feind entgegen. Bald zeichnete sich ab, dass die Mauren die Schlacht dominierten. Der kriegerische Überfall auf Alcácer-Quibir endete für die Portugiesen im Fiasko: Am 4. August 1578 fand König Sebastian den Tod und mit ihm tausende Söhne Portugals. Die portugiesische Armada wechselte den Besitzer und überlebende Soldaten und Offiziere gerieten in Kriegsgefangenschaft. Die Lösegeldforderungen stiegen horrend je adliger die Herkunft der Geiseln war.

Der Tod von König Sebastian verwundete das portugiesische Volk am Lebensnerv. Fünfhundert verlorene Schiffe bedeuteten das Ende des Imperiums. Denn ohne Schiffe konnte Portugal seine Kolonien nicht mehr erreichen. Abgeschnitten von sämtlichen Außenhandelsposten brach der Nachschub an Gold und Silber ab. Der fehlende Nachschub an Geld sowie die Lösegeldforderungen seitens der marokkanischen Sultane brachten Portugal in extreme finanzielle Bedrängnis. Die Summe der Ereignisse sowie ein fehlender Thronfolger sorgten dafür, dass Portugal 1580 seine Unabhängigkeit verlor und für mehr als sechzig Jahre unter spanisch dominierte Dual-Herrschaft fiel.
Der Verlust wog schwer. Das portugiesische Natio-nalbewusstsein geriet weit ins Abseits. Erst wenige Jahre vor Sebastians Tod hatte der Dichter Luís de Camões den Mut und Entdeckerstolz des portugiesischen Volkes in seinem Nationalepos über die Entdecker-Expansion gepriesen. Sein Lebenswerk Os Lusíadas, deutsch: Das Hohelied Portugals, sorgte für einen geradezu revolutionären „Wir-kennen-die-Welt-Blick“. Dieser berühmte auktoriale Welten-Blick der Portugiesen fußte auf Erfahrungen mit Kulturkreisen und Ethnien in Afrika, Brasilien, Indien, China und Japan und fand als olhar-mundo seinen Platz in der portugiesischen Historie. Lusitanien zeigte der Welt endlich sein eigenes Gesicht. Den Blick gen Meer gerichtet, den Rücken Europa zugewandt, selbstverliebt dem Imperium zublinzelnd, das die Nation geschaffen hat, träumte anno dato jeder Portugiese davon, eines Tages in der Neuen Welt zu leben. Mit dem Tod von König Sebastian verpuffte dieser Traum und die Spanier stichelten, jetzt nähmen sie Portugal ihr Königreich – und ihren olhar-mundo weg.

Spirituell betrachtet konnten die Spanier den Portugiesen nichts von dem wegnehmen, was die Nation durch ihre Expansion erreicht hat. Doch als habe Pandora den Inhalt ihrer Büchse des Unheils über Portugal verstreut, erstarrte das Volk in kollektiver Beklemmung, die in der Sehnsucht gipfelte, König Sebastian sei gar nicht tot und kehre eines Tages zurück. Die Hoffnung stirbt zuletzt und die messianische Sehnsucht nach der Ankunft eines göttlichen Führers, gepaart mit dem tief empfundenen Stolz Portugiese zu sein, lebt seitdem fort.
Der Begriff ‚Sebastianismus‘ definiert diese charakteristisch einzigartige Sehnsucht der Portugiesen nach der Ankunft eines Erlösers sowie den tiefen Glauben an Wiederkehr von Ruhm und Glorie. Der Sebastianismus steht somit für eine besondere Art der Hingabe an das für Portugal vorbestimmte göttliche Stigma und verleiht dem Volk gleichzeitig die nötige Kraft, das damit verbundene Joch der erlittenen Demütigungen mit Würde zu ertragen.

Etliche Portugiesen hoffen in treuer Sebastianismus-Manier heute noch auf die Rückkehr von „O Desejado“, der hoch zu Ross und eingehüllt in einen Nebelschweif eines Tages in Portugal erscheinen und am Rad der Geschichte drehen werde. Der politische Nebelschweif des sebastianischen Popanz waberte jedenfalls bis ins zwanzigste Jahrhundert und half als Propagandainstrument bei der Errichtung der Salazar’schen klerikal-faschistischen Ständegesellschaft. Das historisch nicht einwandfrei geklärte Rätsel über den Verbleib des Leichnams schenkt der portugiesischen Zeitgeschichte hingegen ein weiteres Rätsel und dem Leser eine ungefähre Ahnung davon, wie omnipräsent die portugiesischen Annalen mit Mystik behaftet sind.
Text: Catrin George
ESA 08/15

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