Ursehnsucht – Eine Quelle der Inspiration

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Erinnerungen, Gefühle und Eindrücke aus der Vergangenheit können uns lebenslang prägen, unseren Charakter und all das, was wir tun beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist Brigitte Dexheimer. Die Inspiration für ihre Gemälde schöpft sie aus ihrer Kindheit

in ESA 03/2020
Text & Fotos: Anabela Gaspar

Nach ihrer Ausbildung zur Lithografin und Druckerin widmete sich die Saarländerin Brigitte Dexheimer immer mehr der Malerei, da sie sich weigerte auf die Computertechnik umzusteigen. Bis heute besitzt sie weder einen Rechner noch ein Handy. In den 90ern stellte sie ihre Bilder in verschiedenen europäischen Ländern aus. Dann zog sie nach Mafra, an der portugiesischen Westküste etwas nördlich von Lissabon, wo sie den 2018 verstorbenen Galerist und Autor Rolf Osang kennenlernte. Zusammen bauten sie nahe Monchique das Künstlerdörfchen Porca Preta auf, das bis heute ihr Zuhause ist. Dort, inmitten der Natur und ihrer sechs Hunde, fühlt sich Luca, wie sie von Freunden genannt wird, geborgen und kann ihrer Leidenschaft nachgehen.
Zuletzt stellte Luca Ende 2014 aus. Nun präsentiert sie in der Galeria Porca Preta ihre neuen Gemälde. Die Vielfalt des Geschehens in ihren Bildern zwingt den Betrachter dazu, darin einzutauchen, um sie zu entziffern, oder es zumindest zu versuchen. Man muss genau hinschauen, denn erst bei näherer Betrachtung entdeckt man all das, was Lucas Werke ausmacht. Und es ist viel! Kleine versteckte Details erweisen sich als unentbehrlich, um das Ganze zu verstehen, und können dem Gemälde eine andere Bedeutung geben, als es den Anschein hat. Gemeinsam haben sie die Intensität des Ausdrucks und der Farben sowie die beeindruckende Genauigkeit, mit der einzelne Elemente dargestellt sind, und dass Tiere eine große Rolle spielen.
Schon im Kindesalter malte Luca gerne Tiere. Oft stellt die Künstlerin sie als eins mit den Menschen dar. Dies spiegelt die große Verbundenheit wieder, die sie zu Tieren hat. Dem Betrachter erscheinen sie eventuell bedrohlich, doch für Luca beschützen sie die menschlichen Figuren, denn Tiere vermitteln ihr Geborgenheit. So beispielsweise im Gemälde „Dämonen“, in dem eine von Gestalten umgebene Frau zu sehen ist. Ein Adler scheint sich auf sie zu stürzen und ein Tiger ihren Kopf abbeißen zu wollen. Doch für Luca beschützen sie die Frau. „Der Adler breitet seine Flügel über ihr aus und hält somit die Dämonen fern und der Tiger beißt ja nicht zu, sondern umhüllt praktisch ihren Kopf“, erklärt sie.
Die Darstellung der Tiere ist sehr realitätsgetreu, während menschliche Gestalten meist geheimnisvoll und mystisch, sogar düster und gruselig erscheinen. Doch die Interpretation des Betrachters stimmt nicht unbedingt mit dem überein, was Luca im Sinn hat. „Viele betrachten meine Bilder als düster. Ich empfinde sie ganz und gar nicht so. Es ist auch nicht mein Ziel, die Menschen traurig zu stimmen“, so Luca. „Karneval“ ist für sie ein Bild, das ihre lustige Facette zeigt und auch, „dass meine Malerei nicht immer ganz ernst zu nehmen ist“. Auf den ersten Blick könnte man die vermummten Figuren jedoch als bedrohlich empfinden.

Auf die Frage, ob die Ausstellung ein Thema hat, antwortet die Künstlerin nach kurzer Überlegung „Ursehnsucht“. Der Begriff markiert eine Sehnsucht, die tief im Menschen sitzt und immer wieder antreibt, Neues zu suchen und zu finden. Ist es für Luca die Suche nach Geborgenheit? Eventuell vereint das Gemälde, das ihre Großmutter zeigt, alle Gefühle und Erinnerungen, die Luca als Inspiration dienen und ihren Charakter prägen.  „Meine Oma war stark depressiv und verbrachte viel Zeit in einem dunklen Raum. Als Kind saß ich oft im Dunklen bei ihr. Wir verstanden uns sehr gut. Sie erzählte mir Geschichten und weinte oft dabei. Ihre Gefühlsausbrüche hat sie auf mich übertragen und ich bin überzeugt, dass diese Erfahrung, diese Verbindung zu meiner Oma, mich bis heute beeinflusst“, erzählt Luca während sie auf ein wunderschönes Porträt ihrer Oma als junge Frau schaut. Das neue Gemälde, dass in der Ausstellung zu sehen ist, zeigt die Großmutter vereint mit einer Eule. „Die Eule symbolisiert Weisheit“, so Luca. „Zudem kann eine Eule ihren Kopf um 180 Grad drehen, das heißt, sie hat alles im Blick. Auch im Dunklen“, fügt sie lächelnd hinzu. Links von der Eule ist ein kleines Passfoto zu sehen, dass die Großmutter als junge Frau zeigt, und rechts eine in schwarz gehüllte alte Frau mit durchdringenden, klugen Augen, die die Großmutter im fortgeschrittenen Alter zeigt.
Auch in ihren anderen Werken kommt Lucas Weltanschauung grundsätzlich positiv rüber, selbst wenn der Betrachter so seine Zweifel hat

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