Der Ton-Meister

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Jorge Mealha gilt als einer der bedeutendsten Keramiker Portugals. Eine Einschätzung, die der 77-Jährige als übertrieben empfindet. Seine Kunst, die ihm auf nationaler und internationaler Ebene Ruhm brachte, sieht er erstaunlich rationell

Geboren und aufgewachsen in Lourenço Marques (dem heutigen Maputo), Mozambik, besuchte Jorge Mealha dort die Kunstschule, bevor er sich 1974 in der Algarve niederließ und ausschließlich der Keramik widmete. In Mozambik machte sich Mealha vor allem als Innenarchitekt einen Namen. Auch als Maler und Bildhauer wurde er in Mozambik sowie in Südafrika bekannt. Doch sein Herz gehörte der Keramik. „Diese war ein Anreiz, weil es fast keine Keramiker gab. Ich wollte etwas anderes machen“, erzählt Jorge Mealha. „Damals gab es, anders als heute, wenige oder keine Fachbücher über Keramik“, erinnert er sich, „ich musste alleine auf Entdeckung gehen. Später stellte sich immer heraus, dass bereits jemand vor mir diese Entdeckung gemacht hatte“, fügt er lachend hinzu. „Ich war ein Autodidakt, habe anhand meiner Fehler gelernt. Und genau dies machte mir Spaß“, fasst er zusammen.

Nach der Nelkenrevolution änderte sich die finanzielle Lage in Mozambik. Seine Dienste als Innenarchitekt wurden nicht mehr in Anspruch genommen und auch für seine Werke fand er keine Kunden. „Ich schaute mich deshalb nach einem neuen Markt um“, erklärt Mealha, der ein sehr praktisch denkender und bodenständiger Mensch ist. Seine Wahl fiel auf die Algarve. Nicht weil seine Mutter aus Algoz stammte, sondern weil die Region schon damals touristisch war und daher einen guten Markt versprach. Die ersten Jahre war er in Porches tätig, dann zog er nach Lagos um.

1979 erhielt Jorge Mealha ein Stipendium der Gulbenkian-Stiftung, um ein Praktikum im Keramik-Atelier des berühmten Bildhauers Querubim Lapa zu absolvieren. Im darauffolgendem Jahr ein weiteres für eine Ausbildungsreise durch verschiedene europäische Länder. „Ich besuchte damals die wichtigsten Keramik-Zentren Europas und konnte von den Besten lernen“, erinnert er sich.

Nun wird er zu den Besten gezählt. Lachend weist er diese Würdigung zurück. Die Verantwortung ist zu groß, meint Jorge Mealha. Zudem beziehe sie sich lediglich auf seine Methoden. „Als ich in Portugal angekommen bin, war die Keramik sehr amateurhaft. Die Keramiker arbeiteten, wie ihre Eltern und Großeltern es gemacht hatten. Sie waren nicht innovativ“, erklärt er. „Ich hingegen führte Recherchen durch und legte strenge Register an, verlieh der Keramik einen wissenschaftlichen Hauch“. Auch einen afrikanischen Einfluss lehnt er ab. „Ich bin zwar in Afrika geboren und aufgewachsen, hatte viele afrikanische Freunde, wurde jedoch im Kreise einer portugiesischen Familie großgezogen, besuchte eine portugiesische Schule, welche dem portugiesischen Lehrplan folgte und portugiesische Lehrer hatte. Die afrikanische Kultur hatte daher wenig Einfluss auf mich“, meint er. Doch seine bunten Vögel widersprechen ihm und er gibt zu, dass während der vierzig Jahre, die er in Afrika lebte, er doch „einiges aufgenommen hat“ und dies ihn „unbewusst beeinflussen kann“.

Im Laufe seiner über 50 Jahre langen Karriere hat er stets mit Steingut gearbeitet, das er selbst herstellt. „Als ich in Portugal ankam, wurde in der Keramik fast ausschließlich Fayence benutzt, die sehr zerbrechlich ist. Ich bevorzuge Steingut, das bei hohen Temperaturen dicht brennt und daher sehr resistent ist“, erklärt der Keramiker. Da er das Material nicht kaufen konnte, musste er es selbst herstellen. Eine Gewohnheit, die er zusammen mit der Herstellung seiner eigenen Glasuren bis heute pflegt.

Auch was die Themen seiner Werke betrifft, blieb er seinen ersten Werken in der Keramik weitgehend treu: Tiere, vor allem Ochsen, Vögel und Elefanten sowie Frauen; Vasen; Kachelbilder und geometrische Skulpturen. Seine Vorliebe gilt den großen geometrischen Skulpturen. „Diese sind die Werke, die mir am meisten Arbeit machen. Wenn ein einziger Millimeter nicht stimmt, ist die Skulptur unausgewogen, unharmonisch“, fasst Mealha zusammen. „Die Figuren kann ich fast schon mit geschlossenen Augen machen, obwohl es oft schwieriger ist, kleinere Werkstücke zu machen“, fügt er lächelnd hinzu. Mealha bedauert, dass seine geometrischen Skulpturen nicht so beliebt wie seine Figuren oder Vasen sind. „Die Menschen bevorzugen das, was sie verstehen. Ein Ochse ist und bleibt ein Ochse. Mit meinen geometrischen Skulpturen können viele hingegen nichts anfangen“.

Was sich an seinen Werken geändert hat ist das, was sich am Menschen verändert hat: „Wie man die Dinge im Leben betrachtet und wie man das Leben lebt, beeinflussen unsere Arbeit. In meinem Fall wurden die Werke minimalistischer und die Farben neutraler.“

Jorge Mealha hat auch als Meister einen guten Ruf. Gerne teilt er sein Wissen mit Schülern, „denen anzusehen ist, dass sie Keramik wirklich lieben und Talent haben“. Er macht keine Geheimnisse aus seiner Kunst, obwohl er sich darüber bewusst ist, dass er seine eigene Konkurrenz ausbildet. „Diejenigen, die wirklich gut sind, werden das, was ich beizubringen habe, aufnehmen und ihre eigenen Werke kreieren.“ Als Beispiel nennt er Ricardo Lopes (s. ESA 11/11), bei dessen Werken die Einflüsse des Meisters zu erkennen sind, der jedoch seine eigenen Ideen hat. „Diejenigen, die kein Talent haben, werden eventuell versuchen meine Werke nachzuahmen. Doch dies gelingt nie und sie werden es schließlich aufgeben“, weiß der Meister aus Erfahrung.

Seit letztem Jahr haben er und seine Frau Janet, die ebenfalls Keramikerin ist, eine Galerie in Lagos. Dort und in ihrem Atelier stellen sie ihre Werke aus. In Lagos kann eines von Jorges großen Kachelbildern am Eingang der Marina bewundert werden und eine seiner geometrischen Skulpturen bei der Fortaleza. In Deutschland ist der Keramiker durch die Galerie Gerhard (http://galerie-gerhard.com) vertreten.

www.jjmealha.com

Text: Anabela Gaspar / ESA 01/2012

 

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