Zarte Früchte aus Porzellan

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Margarida Gorgulhos Atelier liegt in einer ruhigen, schmalen Gasse in Espiche, nahe Lagos. Ein unauffälliges Haus in einer unauffälligen Gasse. Wer daran vorbei geht ahnt nicht, welch feines Porzellan dort entworfen, handgefertigt und gebrannt wird

Anders als das Gebäude, sind Margaridas Porzellanstücke alles andere als unauffällig. Ihre Schalen und Schüsseln stellen Zitronen, Granatäpfel, Quitten, kleine Kürbisse und Melonen dar. Wer jetzt an die Keramik des traditionsreichen Unternehmens Bordalo Pinheiro denkt, liegt ganz falsch. Diese in kräftigen Farben glasierte Stücke sind eventuell nicht jedermanns Geschmack – auch wenn einige davon den German Design Award erhielten. Die Modelle von Margarida hingegen vereinen eine zeitlose Eleganz mit geschwungenen Formen und strukturierten, organischen Oberflächen. Außen das schlichte, raue, weiße Porzellan, sowohl zart als auch widerstandsfähig, innen eine glatte Glasur in blassen Farben, die einen modernen Akzent setzt.
Seit 18 Jahren stellt Margarida ihre Stücke her. Sie arbeitet ausschließlich mit Porzellan und kann sich ein anderes Arbeitsmaterial nicht vorstellen. Dabei kam sie durch Zufall darauf. Margarida wollte eigentlich Industriedesign studieren, landete dann aber im Keramikkurs der renommierten Hochschule für Kunst und Design ESAD in Caldas da Rainha. Im zweiten Jahr hätte sie das Fach wechseln können, doch „da war mein Interesse bereits geweckt“, so Margarida. „Meine große Liebe entdeckte ich jedoch erst im vierten und letzten Jahr“, fügt sie lächelnd hinzu. „Damals habe ich erstmals mit Porzellan gearbeitet und wusste sofort, dass ich diesem Material treu bleiben würde“, erinnert sie sich. Einerseits sind es die Eigenschaften des Porzellans, die sie begeistern: die hohe Formbarkeit, die Härte, die Dichte und die Undurchlässigkeit. Andererseits der Herstellungsprozess: von der Anfertigung der Gipsformen bis zum Glatt- und Dekorbrand.

Flüssige Porzellanmasse wird in Gipsformen gegossen, die immer wieder neu angefertigt werden müssen, da der Abdruck der Fruchtschale im Laufe der Zeit abgenutzt und dadurch nicht mehr richtig auf das Porzellan übertragen wird. In wenigen Minuten bildet sich in der Form eine etwa zwei Millimeter dicke Schicht. So entsteht der dünne Scherben, der nach dem Brand transluzent wird. Das überschüssige Porzellan wird abgegossen, die Gipsform mit der dünnen Schicht zum Trocknen gestellt. Wenn der Rohling fest genug ist, nimmt ihn Margarida vorsichtig aus der Form. Das Entnehmen der Rohlinge verlangt viel Übung und ein großes Feingefühl für den Werkstoff. „Wegen der hohen Formbarkeit des Porzellans muss man darauf achten, dass keine Fingerabdrücke zurückbleiben oder die Form verändert wird“, erklärt Margarida. Nach zwei bis drei Tagen – abhängig von der Jahreszeit und der Luftfeuchtigkeit – kann der vollständig trockene Rohling gebrannt werden. Nach diesem ersten Schrühbrand bei 1.000 Grad zeigt das Porzellan seine weiße Farbe. Jedes einzelne gebrannte Stück wird auf Risse überprüft und die Ränder per Hand geschliffen. Danach trägt Margarida die Glasur auf. Anschließend werden beim Glatt- und Dekorbrand (1.200 Grad) die Farben eingebrannt.

Ein langwieriger Prozess mit mehreren Schritten, der viel Geduld erfordert. Margarida hat sie. Eigentlich ist sie ein bisschen wie ihre Porzellanstücke: Ihr zurückhaltendes Auftreten ist die schlichte, weiße Außenseite, ihre leuchtenden Augen wenn sie lächelt, die Farbe im Inneren.                                                Neben ihren „fruchtigen“ Formen stellt Margarida auch einfache Schüsseln und, in Zusammenarbeit mit einer anderen Kunsthandwerkerin, Besteck aus Porzellan und Holz her. Da sie für die Glasur keine Oxide verwendet, können ihre Exemplare bedenkenlos für Lebensmittel benutzt werden. „Ich sage immer, dass ich keine echte Keramikerin bin. Diese legen viel Wert auf die Glasur, experimentieren stets mit neuen Oxide-Mischungen. Mein Interesse liegt in der Form und der Textur“, so Margarida. Doch die meisten Kunden nutzen ihre Stücke nur zur Dekoration. „Ich mache sie eigentlich, damit sie mit leckeren Salaten, Soßen oder eingelegten Oliven auf den Tisch kommen“, erklärt sie.

Vor allem nachdem Margarida 2010 im Rahmen eines Projektes zur Bekanntmachung ausgefallener portugiesischer Produkte in der Stiftung Serralves in Porto ihre Porzellanstücke ausstellte, erlangte sie einen höheren Bekanntheitsgrad. Diverse Magazine und Blogs berichteten über sie und renommierte Geschäfte in Porto und Lissabon nahmen ihre Stücke im Sortiment auf. Dennoch zog es Margarida vor acht Jahren zurück in die Algarve. Die Arbeitsbedingungen seien hier besser. Insgesamt würde sie sich hier wohler fühlen. Und der Verkauf sei hier genau so gut wie in den Hauptstädten. Einer größeren Nachfrage könnte sie auch nicht nachkommen. „Schließlich ist es eine Ein-Mannbeziehungsweise-Frau-Manufaktur und alles braucht seine Zeit“, erklärt Margarida lächelnd.

Derzeit kann ihr Porzellan bei Martina in Loulé und Artes @ Spa in Caldas de Monchique erworben werden. Zwischen April und September hat Margarida zudem Ausstellungen im Armazém Regimental und im alten Tourismusbüro in Lagos.

Text: Anabela Gaspar
veröffentlicht in ESA 03/2020

Kontakt:
marg.gorgulho@gmail.com
Instagram/ Facebook: Margarida Gorgulho

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