Armação de Pêra – Der Anfang von etwas Großem

0

Die Küste der Algarve wurde seit dem Tourismusboom Mitte des letzten Jahrhunderts stark bebaut. Dennoch finden sich viele wunderschöne Abschnitte, an denen man frische Luft schnappen und die Natur genießen kann. Selbst bei Armação de Pêra, das als eines der schlechtesten Beispiele für Raumentwicklung in der Region gilt, ist dies möglich

Anfang November beschloss ich ganz spontan eine Wanderung entlang der Küste bei Armação de Pêra zu unternehmen, denn mir fiel ein, dass es dort einen kleinen Küstenabschnitt gibt, den ich noch nicht erkundet hatte – zumindest nicht oberhalb der Klippen: vom Praia do Vale do Olival bis zum Praia da Cova Redonda. Ein zusätzlicher Blick ins Internet zeigte, dass obgleich sich dort eine Tourismusanlage an die nächste reiht, der Pfad entlang der Klippen öffentlich ist.
Das Auto stelle ich am Westende der Strandpromenade Avenida Beira Mar ab – dort wo sie als „Sackgasse“ endet – und folge dem Trampelpfad entlang der Tourismusanlage Clube Nautilus zum Meer. Alternativ kann man das Auto auch auf dem großen Parkplatz abstellen und vom Strand Praia do Vale do Olival über Treppen auf die Klippen gelangen. Eine ausgeschilderte Route ist nicht vorhanden, aber der Pfad ist gut erkennbar und an manchen Stellen sogar betoniert oder durch Holzpfosten begrenzt.

Als ich die Skyline von Armação von den Klippen aus betrachte, ist mein erster Gedanke, dass die Stadt von hier aus gar nicht mal so schrecklich aussieht. Die vom Menschen erbauten „Betonfelsen“ stehen im starken Kontrast zu den Sandsteinfelsen am Strand und scheinen dem Atlantik die Stirn zu bieten. Dabei sind die Gewässer vor Armação generell ruhig, da die Bucht von einem Riff geschützt ist, das sich über 12 Kilometer, vom Leuchtturm von Alfanzina bei Carvoeiro bis Galé bei Albufeira, erstreckt. Sein bis zu zwanzig Meter senkrecht abfallender Hang wirkt wie ein Wellenbrecher und ist mit einer farbenfrohen und verschiedenartigen Unterwasserflora und fauna bedeckt. Vor allem vor Armação de Pêra prunkt das Riff mit Leben und ist ein wahrer Traum für Meeresbiologen und Taucher. Insbesondere aber für Fischer, denn es bietet vielen Spezies einen natürlichen Schutz. Kein Wunder, dass hier seit eh und je gefischt wird.
Die erste bekannte schriftliche Erwähnung der kleinen Fischergemeinde Armação stammt aus dem Jahr 1577. João de São José schrieb damals in Corografia do Reino do Algarve „Pera ist eine kleine Ortschaft nahe Alcantarilha und unweit des Meeres […] Vor ihr liegt eine Bucht, in der ein Thunfischfangnetz aufgestellt ist, das armação de Pera heißt“. Die Ortschaft, die einst Santo António das Areias, später Santo António de Pera und auch Pera de Baixo hieß, verdankt also ihren Namen dem Thunfischfangnetz. Die Festung aus dem 16. Jahrhundert, die bis heute ein Wahrzeichen der Stadt ist, verdankt sie hingegen den Piraten aus Nordafrika, die dort immer wieder an Land gingen und naheliegende Ortschaften plünderten.
Bis Mitte des letzten Jahrhunderts blieb die Geschichte von Armação de Pêra konstant: Ein kleiner Ort, in dem bescheidene Leute lebten, deren Existenz vom Fischfang abhing. Doch als die Region ein beliebtes Ferienziel wurde, kam es in dem kleinen Fischerdorf zu einer Revolution. Eine urbane Revolution, die sich zuerst langsam, dann fast schlagartig ergab. Als in den 50er Jahren die nationale Tourismusbehörde des Salazar-Regimes dort das Kasino als eine der Säulen des aufkommenden Tourismus errichten ließ, standen an der Strandpromenade fast ausschließlich palastartige Villen wohlhabender portugiesischer Familien, die den Vorteil eines Sommerdomizils im sonnigen Süden bereits erkannt hatten. Das Kasino, eines der ersten im Land, führte zu einem sozialen, wirtschaftlichen und städtischen Wandel. Ein Paradigmenwechsel, der das Fischerdorf mit beträchtlicher Geschwindigkeit verwandeln würde. In den 70er Jahren wurde das Kasino geschlossen. Armação de Pêra setzte aber seine Expansion fort und wurde zum kosmopolitischen Badeort mit Wolkenkratzern, wie wir ihn heute kennen. Doch genau wie das Meer, das vor dem Ort liegt, herrscht auch hier Ebbe und Flut: Im Winter gleicht der Ort einer Geisterstadt, im Sommer strömen Tausende von Touristen hierher. Die meisten Bewohner leben inzwischen vom Fremdenverkehr, aber die Fischer sind dort weiterhin ansässig und teilen sich im Sommer den Strand am Ostende der Stadt mit Urlaubern, die Platz machen müssen, wenn die Fischer ihre Boote an Land ziehen.

Der heutige Ausflug führt jedoch Richtung Westen. Nach wenigen Metern erreiche ich einen Aussichtspunkt, der wegen Absturzgefahr nicht zugänglich ist. Doch auch vom Weg aus kann man auf das Brandungstor blicken, unter dem man im Sommer bei Niedrigwasser durchgehen kann. Der nächste Felsvorsprung ist ebenfalls nicht zugänglich, dennoch beschließe ich einem Angler zu folgen, der über die Abgrenzung steigt. Während er den Köder am Hacken anbringt, genieße ich einen letzten schönen Ausblick auf die Skyline und die feinsandige, große Bucht davor. Der nächste Abstecher führt mich zum Strand Praia dos Beijinhos (Strand der Küsschen). Direkt nebenan, aber nur bei Niedrigwasser zugänglich, liegt der Praia dos Abracinhos (Strand der Umarmungen). Romantischer geht es wohl kaum und ich überlege, ob ich diesen Ausflug nicht am Valentinstag mit meinem Liebsten unternehmen sollte. Waren es vielleicht die beiden Felsen, die sich im Wasser gegenüberstehen, die für diese Namensgebung sorgten?
Am nächsten Strand ist dann Schluss mit Romantik. Der unterhalb des 1992 erbauten Resorts Vila Vita Parc liegende Strand heißt Praia dos Tremoços. Andererseits könnte auch dieser Name mit Leidenschaft verbunden sein, schließlich lieben die Portugiesen es, Lupinen zu ihrem Bierchen zu essen. Die Erklärung ist viel einfacher: Der Strand verdankt seinen Namen den Lupinen, die hier wachsen und zu dieser Jahreszeit blühen. Während die Natur nun ihre „Hochsaison“ hat, sind die Liegestühle in der sattgrünen Tourismusanlage leer. Erst vor Kurzem sonnten sich hier unter anderen die spanischen Schauspieler Penélope Cruz und Javier Bardem, denn die Ruhe und die Sicherheit, die man in der Algarve genießt, sowie die wunderschöne Landschaft, ziehen auch immer wieder Weltstars an.
Bis zu dieser Stelle war der Weg ein Leichtes. Nun fängt der etwas abenteuerliche Teil an. Der Pfad ist an manchen Stellen sehr schmal, führt direkt am Abgrund vorbei und über Stock und Stein. Er zieht sich aber nur über wenige Meter bis zu einem Plateau, das als Hubschrauberlandeplatz markiert ist, der wohl dem Vilalara Thalassa Resort gehört. Dessen Eigentümer erkannten früh das Potenzial der Region als Urlaubsziel und eröffneten 1967 eines der ersten Resorts der Algarve. Von hier aus blickt man über den Strand Cova Redonda, der oftmals Werbeplakate der Kommune Lagoa schmückt. Er zählt zusammen mit Praia da Marinha oder Benagil, zu einem der schönsten des Bezirkes. Allerdings ist der Strand vom Plateau aus nicht zugänglich, da das Resort umzäunt und das Tor abgeschlossen ist. Ich genieße die Aussicht über den Strand und bis zum Felsvorsprung, auf dem die Kapelle Nossa  Senhora da Rocha weiß getüncht in der Sonne strahlt, und kehre dann um.
Eine Stunde nach dem Start bin ich vollgetankt mit Energie und guter Laune wieder zurück am Auto und weiß, dass ich diesen Ausflug demnächst wieder unternehmen werde.
Text & Foto: Anabela Gaspar
veröffentlicht in ESA 12/2020

Share.

Comments are closed.

Scroll Up