Himmelsspektakel – Unterwegs in den warmen Süden

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Jährlich sind weltweit schätzungsweise 50 Milliarden Zugvögel von ihren Brutgebieten zu ihren Winterquartieren unterwegs, davon etwa fünf Milliarden zwischen Europa und Afrika. Sagres ist das ideale Gebiet, um dieses Spektakel zu beobachten. Vor allem in diesem Monat

Millionen Vögel überfliegen zu dieser Jahreszeit Europas südwestlichste Spitze. Die Halbinsel von Sagres wird zur „Metropole“ der Vogelbeobachtung in Portugal. Wieso das so ist, erklärt uns der Vogelexperte Nuno Barros von Birdland. „Die Halbinsel von Sagres vereint aufgrund ihrer geografischen Lage eine große Vielfalt von Zugvögeln. Dabei handelt es sich vor allem um Greif- und Sperlingsvögel, die von ihren europäischen Brutstätten bis in die Überwinterungsgebiete südlich der Sahara erstaunliche Reisen unternehmen. Sie werden von der Küstenlinie und den Küstentälern nach Südwestportugal geführt. Von hier können sie entlang der Südküste weiter nach Osten bis zur Meerenge von Gibraltar fliegen, von wo aus sie nach Afrika gelangen. Oder sie können von hier aus ihr Glück versuchen, indem sie statt 14 km etwa 400 km über den Atlantik fliegen“, erklärt Nuno. Doch dies sei ein riskanter Weg auf dem viele sterben. „Auf offener See können Landvögel kaum Nahrung aufnehmen oder einen Zwischenstopp einlegen, und gleitende Vögel haben auf offener See nicht die Thermik oder heißen Lufttaschen, die sie aufsteigen lassen, denn diese bilden sich nicht“, so der Vogelenthusiast. Viele der Vögel, die das Gebiet um Sagres erreichen, seien unerfahrene Jungvögel, die von ihrer optimalen Route über die Straße von Gibraltar abweichen. „Daher ist Sagres so etwas wie ein Versammlungsort für Irrgäste, wo fast alles geschehen kann und man Ausschau nach seltenen Gastvögeln halten sollte“, betont er.

Die Wetterbedingungen würden ebenfalls die Anwesenheit von Zugvögeln bei Sagres stark beeinflussen. „Regen, insbesondere Windrichtung und geschwindigkeit bedingen die An- und Abreisen und machen jeden Tag zu einem einzigartigen Erlebnis. Starker Ostwind im Süden der Iberischen Halbinsel kann die Zugvögel auch von Gibraltar bis Sagres tragen“, erklärt er weiter.

Bei seinen Ausflügen zur Vogelbeobachtung will Nuno seinen Gästen die Vielfalt der Zugvögel – aber auch der Schmetterlinge, der Libellen und der Flora – bei Sagres näher bringen. Er studierte Meeresbiologie und sein Fachgebiet sind Seevögel. Lange war er für die portugiesische Gesellschaft für Vogelkunde SPEA an Bord eines Schiffes unterwegs sowie auf den Kapverden. Doch die Schnelle mit der er Sperlings- und Greifvögel entdeckt und identifiziert ist beeindruckend. Ich hingegen kann sie selbst mit Fernglas ausgerüstet nur schwer inmitten der Vegetation oder am Himmel ausmachen… Doch die Leidenschaft mit der Nuno von den gefiederten Wesen spricht, lassen auch meinen Enthusiasmus steigen. Und dies, obwohl mein unruhiger Charakter eher untauglich für die Vogel-beobachtung ist. „Was mich fasziniert, ist der Kontakt zur Natur und nicht zu wissen, was man an dem Tag erleben wird. Die Möglichkeit, einen seltenen Gast oder eine große Raubvogelgruppe zu beobachten. Solche Momente sind es, die mich immer wieder reizen. Aber nicht immer sind besondere Momente mit der Sichtung von Vögeln verbunden. Manchmal ist es auch einfach das Licht, die Stille. Es gibt Momente, in denen man die Natur beobachtet und Momente, in denen man im Einklang mit der Natur ist. Letztere sind die, die mich immer wieder aufs Neue zutiefst beeindrucken“, erklärt er romantisch.

Um sowohl Seevögel als auch Sperlings- und Greifvögel bei einer Tour beobachten zu können, fährt Nuno seine Gäste zu drei oder vier verschiedenen Stellen. Start ist meistens in aller Herrgottsfrühe am Cabo de São Vicente, noch bevor die ersten mit Touristen vollbeladenen Busse ankommen. Auch unsere Tour startet dort.

Nuno zeigt mir die einheimische Mittelmeermöwe (Larus michahellis) und dann Herings- (Larus fuscus) und Schwarzkopfmöwen (larus melano-cephalus), die derzeit vom Norden kommend hier zu Gast sind, sowie Korallenmöwen (Larus audouinii), die in der Ria Formosa und im Mittelmeer zu Hause sind und nun Richtung Norden fliegen. Weit draußen im Atlantik sichten wir etwa 50 Gelbschnabelsturmtaucher, die auf den Azoren, auf Madeira, den Kanaren und den Berlengas brüten und nun in den Süden fliegen. Auch gelingt es uns, eine Sturmschwalbe zu entdecken, die eine der kleinsten Seevögel überhaupt ist und von Land aus extrem selten zu beobachten ist. Zuletzt sehen wir einige Basstölpel, die größte und schwerste Art unter den Tölpeln und meiner Meinung nach wunderschöne, elegante Vögel.

Nächste Station ist die Estrada Vale Santo, die Schotterstraße, die zu den Stränden Ponta Ruiva und Telheiro führt. Die Landschaft hat zu dieser Jahreszeit nicht viel zu bieten. Trocken und öde. Doch in den vielen, maximal 20 cm hohen Büschen, wimmelt es derzeit von kleinen Landvögeln. Vor allem nahe des alten Landgutes, dessen Kühe die Erde aufwühlen und somit Würmer ans Tageslicht bringen, die für die Vögel ein Festmahl sind. Denn obwohl sie in Sagres nicht nach Nahrung, sondern nach der richtigen Flugroute suchen, ist dies eine willkommene Stärkung auf dem Weg nach Zentralafrika. Hier sichten wir Dorngrasmücken, Braunkehlchen, Steinschmätzer, Fitislaubsänger, Orpheusspötter und Rotkopfwürger.

Zuletzt besuchen wir den Monte da Cabranosa, den Hotspot der Vogelbeobachter in Sagres. Die Zufahrt folgt über eine Schotterstraße, die gegenüber des Parkplatzes der Praia do Beliche ins -Landesinnere, vorbei an einer Reihe von Pinien führt. Zwischen Ende August und Ende November sind im Monte da Cabranosa stets mindestens zwei Vogelbeobachter anzutreffen. Sie sind Teil einer Maßnahme zur Minderung der negativen Umweltfolgen des Windparks bei Barão de São João. Die Windräder wurden in einem Tal aufgestellt, durch das der herbstliche Wanderflug der Raubvögel erfolgt. Um eine Kollision von Geiern, Falken, Adlern und Bussarden mit den Windrädern zu vermeiden, richten neun Personen rund um die Windkraftanlage stets ihre Augen – beziehungsweise ihre Ferngläser – zum Himmel. Zwei weitere verfügen über Radare, die die Greifvögel noch früher erkennen. Sollten sich die Vögel zu sehr den Windrädern nähern und Todesgefahr bestehen, wird die Anlage vorübergehend ausgeschaltet. Dies gilt jedoch nicht für alle Vögel, sondern nur für bestimmte Arten und bei bestimmter Anzahl, die abhängend von der Vogelart -variiert. Nuno begrüßt diese Maßnahme. Nicht nur weil seitdem die Anzahl der toten Greifvögel im Gebiet des Windparks tatsächlich zurückging, sondern auch weil die Beobachter gleichzeitig wichtige Daten erfassen und somit der Wanderflug dieser Vögel studiert wird. Bei einer anderen Windkraftanlage zwischen Aljezur und Monchique wird ebenfalls Ausschau nach Vögel gehalten, weiß Nuno zu berichten. Doch er erinnert an die vielen anderen Windparks, wo dies nicht der Fall ist.

Zu viert halten wir Ausschau und entdecken schon nach kurzer Zeit einen Habichtsadler, einen Schmutzgeier, einen Schwarzmilan, eine Wiesenweihe und einen Schlangenadler. Ich bin begeistert! Rund um uns herum, in Büschen und Pinien sichten wir zudem einen Gartenrotschwanz, einen Berglaubsänger, einen Trauer- und einen Grauschnäpper sowie einen Pirol und einen Wendehals.

In knapp drei Stunden sichteten wir über 40 Vogelarten. Nuno ist vollkommen begeistert. Die heutige Tour ist definitiv ein Beweis dafür, dass Sagres das ideale Vogelbeobachtungsgebiet ist. Deshalb wird dort auch vom 10. – 13. Oktober zum zehnten Mal in Folge das Vogelbeobachtungsfestival stattfinden (s. S. 21). Nachdem Nuno in die Organisation involviert war und im Rahmen des Festivals Touren angeboten hat, wird er dort dieses Jahr sein neues Projekt The Ocean Tribe vorstellen, bei dem es um Öko-Touren an der Küste geht, um zum Schutz der Meere aufzurufen.

Text: Anabela Gaspar; Foto: Joana Domingues/SPEA
veröffentlicht in ESA 10/2019

Birdland
Nuno Barros
info@birdland.pt

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