Touristische Visionen

Vielfalt ist Trumpf

Rund zehn Prozent des portugiesischen Bruttoinlandsprodukts werden im Tourismus erwirtschaftet. Die Algarve hat einen bedeutenden Anteil daran und auch deutsche Reiseagenturen schauen erwartungsvoll auf das wandelbare Reiseziel: Neue Zielgruppen im Visier, sollen Angebote neu definiert werden

Deutschland ist der wichtigste europäische Markt für den portugiesischen Tourismus-sektor. Aus keinem anderen Land des Kontinents kommen mehr Urlauber an den westlichen Rand Europas. International übertreffen nur die Reisenden aus China zahlenmäßig das touristische Interesse und insgesamt machen außereuropäische Touristen in Portugal knapp zwölf Prozent der Gesamt-Gästezahlen aus. Was Deutschland als Markt für den portugiesischen Tourismus betrifft, so erreicht Portugal nur 
wenig mehr als ein Prozent der Deutschen, die eine Auslandsreise planen. Das Interesse nimmt jedoch zu: Im vergangenen Jahr kamen gut acht Prozent mehr Deutsche in die Algarve als im Vorjahr und es gebe „Potenzial, diese Entwicklung deutlich zu steigern“, erklären Marktbeobachter, die sich jetzt bei einem Workshop der Fachzeitschrift FVW für Touristik und Geschäftsreisen trafen. Dora Coelho, Exekutivdirektorin des regionalen Tourismusverbandes ATA freut sich über „die Gelegenheit, unsere Arbeit direkt an die Gestalter des deutschen Urlaubsmarktes heranzutragen.“

Innovative, kreative Beiträge und vorbildliche betriebliche Initiativen in einer Zeit, da sich das Reiseverhalten der Menschen verändert, seien unverzichtbar für die Wettbewerbsfähigkeit des Tourismus-Standortes Algarve. Martina Kerk vom Algarve Promotion Büro ergänzt: „Für Golf ist die Algarve bekannt, aber es gibt noch viel mehr Möglichkeiten.“ In erster Linie gehe es darum, auf welche Weise die Algarve den potenziellen Besuchern aus Deutschland näher gebracht werden könne. Vertreter der 
regionalen Tourismusämter waren auf dem Workshop präsent, denn vor dem Wie einer Präsentation muss 
das Was geklärt werden. Die Zukunft verlange, 
Regionen als wirtschaftliche Aktiva zu begreifen 
und Wege zu öffnen, um dieses Potenzial klar definiert zu bewerben.

Das ruhige Hinterland kann als Gegenpol zum geschäftigen Küstentourismus ausgerichtet sein. Doch pulsierendes Leben soll kein Widerspruch zu Ruhe und Schönheit sein: Viele Orte möchten ihren ursprünglichen Charme mit alter Geschichte neu beleben, verwitterte Stadtteile sanieren. Weil der Staat kein Geld hat und Investoren spärlich sind, scheint kommunales Crowdfunding als Instrument geeignet. Jeder Algarve-Ort soll sich auf sein Ureigenstes besinnen. Lagoa fördert lokale Kulturverbände und ihre abwechslungsreichen Programme. Portimão promotet Wein, der vor den Toren der Stadt wächst und wieder eine Rolle spielen soll wie schon vor 1980, als der boomende Tourismus ihn verdrängte – nun ist das eine ohne das andere nicht mehr denkbar. Die Ostalgarve und die spanische Junta de Andalucia machen den Flusslauf des Guadiana grenzübergreifend zum Erlebnispark Baixo Guadiana. Für Gäste, die das Urbane bevorzugen, kooperiert der Tourismusverband der 
Algarve mit der spanischen Kultstadt Sevilla. Und an allen Orten gewinnt die Kreativwirtschaft wie kaum ein anderer Bereich Gewicht als Wirtschafts- und Wettbewerbsfaktor: Die Produktion und die Verbreitung von kulturellen Gütern und Dienstleistungen gelten als Schrittmacher für andere Branchen.

Bei einer Art Speed-Dating trafen Anbieter aus der Hotellerie auf Reiseveranstalter und trotz der knappen Zeit zum direkten Austausch stellten sie gemeinsam fest, dass das individuelle Verbraucherprojekt ‘anders reisen’ bereits bei den Vermittlungsportalen im Internet beginnt, der neue Urlaubstrend der wachsenden Sharing Economy, die eine persönliche Urlaubs-planung am heimischen Computer gemeinsam mit der ganzen Familie eher ermöglicht als ein Besuch im Reisebüro. Und seit Privatleute verstärkt als Anbieter ihrer Häuser und Wohnungen für Urlauber auftreten, loten traditionelle Reisevermittler neue Möglichkeiten der Vermarktung aus: Ihre Web-Auftritte müssen so umfassend und informativ gestaltet sein, dass sie den Mehrwert einer professionell organisierten Urlaubsfahrt vermitteln.
Wenn das Hand in Hand mit den Kommunen und Touristikämtern vor Ort geschieht, dann kann die 
Abstimmung des Angebotes auf lokale oder saisonale Attraktionen oder Events einen zusätzlichen Reiz über die bloße Suche nach einer Unterkunft hinaus bieten. So ist in diesem Monat der Europäische Tag des Weintourismus (8.11.) ein Anlass, den Gästen diese Mischung aus Kultur, Kulinarik und Kenner-Offerten näherzubringen. Hiermit, da sind sich die Veranstalter einig, können auch Reisende angesprochen werden, die sich bisher nicht für die Algarve interessierten: Zu den Fans von Weinrouten gehören Globetrotter mit dem Wunsch, Neues zu entdecken, ebenso wie Weinkenner, die gerne reisen. Gerade in Deutschland, so das Ziel, können Gäste gefunden werden, die die deutschen Weinstraßen bereits umfassend erkundet haben und neue Erlebnisse im Rahmen ihrer Interessen finden möchten. Der Tourismus der Zukunft müsse sich um „Feriengäste kümmern, die nicht nur an einem Ort übernachten, sondern verschiedene Facetten der Region erleben möchten“, so ein Workshop-Teilnehmer über seine Erfahrungen im Gespräch mit potenziellen Kunden aus Deutschland.

Die Ambitionen der Tourismuswirtschaft haben ein historisches Vorbild: Vor genau einhundert Jahren traf sich in Portimão der erste Regionalkongress der Algarve. Bereits damals beschäftigten sich die Teilnehmer mit dem Potenzial ihrer Region unter drei Gesichtspunkten, von denen einer sich um den Tourismus drehte, wie der Chronist der seinerzeit populären Zeitschrift ‘A Alma Algarvia’ berichtete. Einen Einblick in die Pionierarbeit verschafft demnächst die Ausstellung O Congresso Regional Algarvio im städtischen Museum in Portimão. Vergleicht man Gestern und Heute, so wird rasch deutlich, dass die Bestrebungen 1915 wie 2015 verwandten (nationalen wie internationalen) Hürden gegenüberstehen: Krisen, Kriege, leere Kassen und eine Bürokratie, die Erneuerungsplänen hinterherhinkt. Eines hat sich deutlich geändert: Weltweit ist der Tourismus inzwischen einer der sichersten und stabilsten Säulen der Wirtschaft: Laut der Weltorganisation für Tourismus (WTO) wächst die Sparte weiterhin um rund sechs Prozent jährlich.

Text: Henrietta Bilawer
ESA 11/2015

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