Mehr vom Meer

Die Macht der Geografie

An Portugals Küste sind 9.000 Kulturerbe-Stätten registriert, die unter Wasser liegen. Ein kulturell und touristisch bedeutender Schatz. Doch derzeit werden Zugänge zu Schätzen ganz anderer Größe verhandelt: Die erweiterte seerechtliche Anerkennung der portugiesischen Kontinentalplattform

Text: Henrietta Bilawer

Politiker und Landschaftsplaner gestalten Städte und lenken die Entwicklung des Hinterlandes. Der Dialog über den Lebensraum dreht sich um Ortschaften, Berge, Wälder, Felder und Küsten, denn diese geografischen Gegebenheiten sind für jedermann sichtbar. Gewässer scheinen allenfalls im Hinblick auf Tourismus, Fischerei oder Küstenschutz relevant. Doch das Meer ist mehr: Ein potenter Wirtschaftsfaktor und ein geopolitisches Zentralfeld.

Zu Zeiten der Entdecker wurde das Wissen um neue Seewege streng gehütet, weil sie Zugang zu territorialer Macht und Reichtum bedeuteten. Die moderne Weltgemeinschaft hat sich auf eine maritime Raumordnung verständigt. Die besagt auch: Das Land endet nicht am Ufer. Der Festlandsockel gehört zwar nicht zum Staatsgebiet eines Landes, dieses besitzt aber „souveräne Rechte zur Erforschung und wirtschaftlichen Nutzung der Ressourcen“, so das Abkommen zur Regelung des Seevölkerrechts (UNCLOS) über die Hoheitsbefugnisse der Küstenanrainer. So begutachten die Vereinten Nationen derzeit einen Antrag aus Portugal zur Ausdehnung der ausschließlichen Wirtschaftszone des Landes. Daten, die mithilfe von Echoloten und Reflexionsseismik in dem Gebiet gesammelt werden, begründen den Antrag, der bereits seit sieben Jahren vorliegt, doch die UN haben viel zu tun: 76 Staaten haben unterseeische territoriale Begehren, wie etwa Kanada, USA und Russland, die über Gebietsansprüche am Nordpol streiten.

Portugals ausschließliche Wirtschaftszone umfasst rund 1.600.000 km², das ist die drittgrößte Fläche in der EU. Diese Zone erstreckt sich wie bei jedem Küstenstaat über 200 Seemeilen (etwa 370 km) jenseits des eigenen Küstenmeeres, welches seinerseits 12 Seemeilen vom Ufer umfasst und als Hoheitsgewässer gilt. Sollten die UN die Erweiterung über die 200 Seemeilen hinaus genehmigen, käme eine Fläche von 2.150.000 km² Meeresgrund hinzu, den Portugal erforschen und wirtschaftlich nutzen dürfte. Das Meer bleibt ein internationales Gewässer; der Meeresboden unterläge portugiesischem Recht. Addiert man die beanspruchte zur bereits vorhandenen Fläche, ergibt sich ein Gebiet, das „etwa dem Vierzigfachen Kontinental-Portugals entspricht. In Bezug auf das potenziell ökonomisch nutzbare Areal sind wir eines der gößten Länder der Erde“, sagt der Militärwissenschaftler und Spezialist für physische Geografie und Geomatik Aldino Santos de Campos, dessen Behörde EMEPC (Estrutura de Missão para a Extensão da Plataforma Continental; www.emecp.pt) Portugals Mission der submarinen Landgewinnung leitet.

Die Internationale Meeresbodenbehörde ISA mit Sitz in Jamaika erteilt Lizenzen (etwa für Tiefseeberg-bau) im freien Ozean, also jenseits der 200-Seemeilen-Zone. Zum Umgang mit dem nationalen maritimen Raum sind eigene nachhaltige Ordnungs- und Bewirtschaftungskonzepte gefordert, bekräftigt Susa-na Escária von der portugiesischen Umweltagentur APA. Die Ausdehnung des maritimes Hoheitsgebiets sei eine Investition in die Zukunft: Die wachsende Weltbevölkerung lässt die Nachfrage nach Meeresraum steigen, sei es zur Erzeugung erneuerbarer Energien, zur Exploration mineralischer Rohstoffe vom Meeresboden oder für Aquakultur, Fischerei, Tourismus und Seetransporte. Damit nehme die „Verantwortung für den Schutz des Unterwasserkulturerbes, der Ökosysteme und der Artenvielfalt“ zu. Das entsprechende Gesetz (Bases da Política de Ordenamento e de Gestão do Espaço Marítimo Nacional; LBOGEM) existiert seit 2014. Es regelt Ort und Zeit, Fläche und Volumen künftiger wirtschaftlicher Aktivitäten sowie Bedingungen für Lizenzvergaben an Dritte und ihre Laufzeiten: Mindestens ein Jahr, höchstens fünfzig Jahre. Forschungs- und Pilotprojekte dürfen bis zu zehn Jahre dauern.

Den Reichtum des Landes unter Wasser mehren, das bedeutet für Portugal Zugriff auf Kobalt–Vorkommen im Umfang von einem Viertel des Weltbedarfs – Einnahmen von Ä 217 Mio. jährlich. Unter der See ruhen zudem Nickel, Kupfer und Mangan sowie Energie liefernde Ressourcen. Pedro Pimpão vom Verband der Volkswirte schmiedet bereits Pläne für die Algarve und erwartet die „Teilhabe an Entscheidungen für ein Wirtschaftskonzept zur effektiven Nutzung der regionalen Meeresressourcen mit beispielhafter Meeresökologie.“ So könnten die 
Häfen der Region aufgewertet und für die internatio-nale Wirtschaft attraktiv werden. Die Gesamtheit der Optionen offenbart sich allerdings erst, wenn das Neuland unter dem Meer erkundet sein wird – ein langwieriger Prozess: Im -Januar legten das spanische Geologische Institut (IGME) und das portugiesische Labor für Energie und Geologie (LNEG) gemeinsam eine detaillierte geologische Karte vom Kontinental- und Seegebiet der Iberischen Halbinsel vor – vorangegangen waren dreißig Jahre Forschungsarbeit (tinyurl.com/geolog-Karte).

EMEPC-Chef Aldino Santos de Campos rät allen Enthusiasten, sich in Geduld zu üben, denn bis zum Beschluss der UN könne es zwei, drei Jahre dauern. Auch Spanien beantragt die Erweiterung seines 
maritimen Territoriums; das Gebiet deckt sich teilweise mit den Ansprüchen Portugals. Die UN 
entscheiden „nur über die externen Grenzen. Innerhalb einer erweiterten Zone müssen wir bilaterale Abkommen mit Spanien treffen“, so Santos de 
Campos. Ein Streitpunkt ist bereits ersichtlich: Die Ilhas Selvagens, ein unbewohnter Archipel aus 
21 Inseln, der zu Madeira gehört. Portugal betrachtet das Natur- und Vogelschutzgebiet, auf dem es keine Pflanzenfresser gibt, als Inseln und damit als Teil der Wirtschaftszone. Spanien spricht von „Felsen 
im Meer“, die bei der Ermittlung ökonomischen 
Nutzens nicht zählen.
In ESA 06/16

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