Jeder zählt-Ein Projekt zur finanziellen Allgemeinbildung

Die Weltbank möchte bis 2020 der gesamten Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglichen. Dabei rückt der rationale Umgang mit dem eigenen Geld in den Mittelpunkt. In Portugal wird die finanzielle Allgemeinbildung regelmäßig analysiert

Silvester ist vorbei, der Sekt getrunken, das Fest Geschichte. Nicht so die Finanzierung des teuersten Monats im Jahr – die vergangene Feiertagssaison muss kompensiert werden, denn das Einkommen wuchs nicht parallel zu den getätigten Ausgaben und das Weihnachtsgeld war oft schon vor seiner Auszahlung verplant. So schalten viele Familien im Alltag nun erst einmal auf Sparflamme. Portugals oberste Finanzaufseher betrachten das Szenario in einem größeren Zusammenhang und rufen dabei auch die gefährliche Schieflage privater Haushalte während der Krise ab 2008 in Erinnerung, denn die These, unzureichendes Finanzwissen der Bürger sei mitverantwortlich für na-tionale Finanzkrisen, hat nach wie vor Gewicht.
Konsum, Kapital und Kostenkontrolle sind Eckpfeiler jeder Finanzplanung. Wie es in der portugie-sischen Gesellschaft darum bestellt ist, erforschen Experten der Staatsbank, der Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen ASF und der Börsenaufsicht CMVM seit 2010 kontinuierlich. Ihre jüngste Studie zur Finanzkompetenz der Bevölkerung mit dem Titel Todos contam, (‘Jeder zählt’) spielt mit dem Bedeutungsspektrum des Verbs ‘zählen’, versteht sich als „Beitrag zur Bildung von Finanzmarktwissen“ und will Portugals Konsumenten den verantwortlichen und bewussten Umgang mit Geld lehren. Immerhin haben laut offizieller Statistik etwa neun Prozent der Erwachsenen im Land die Kontrolle über ihr Geld verloren und zwanzig Prozent sind latent von Armut und Teilhabeverlust bedroht.
Finanzielle Allgemeinbildung sei für das Wirtschaften privater Haushalte ebenso wichtig wie für das Funktionieren der Volkswirtschaft insgesamt, wenn die Krisenanfälligkeit gemindert werden soll. „Staat, Unternehmen und Private müssen mit ihren Ausgaben zurückhaltend umgehen“, sagt die Dozentin und Wirtschaftsjournalistin Helena Garrido. Denn immer, wenn finanzielle Korrekturen nötig werden, seien sie „umso schmerzhafter für alle, je mehr die Verschuldung des Staates an sich ausdehnenden Konsum und minderwertige Investitionen gekettet ist. Einfache Lösungen nach dem Motto ‘Nimm Geld und mach, dass die Wirtschaft wächst’ funktionieren in hoch verschuldeten Ländern nicht.“ Da sich die Ansicht ausbreite, die Krise sei vorüber, warnen Garrido wie auch die Verfasser der Studie vor einem „Rückfall in die Konsum-Euphorie“ – von dort bis zur Finanz-
krisenpanik sei es nur ein kleiner Schritt. Kredite sollen mit Vorsicht beantragt und vergeben werden. Die Analysten empfehlen den Maßstab des amerika-nischen Staatsmannes Benjamin Franklin: „Willst du den Wert des Geldes kennenlernen, versuche, dir 
welches zu leihen.“

Die Studie zeigt, dass Portugals Bevölkerung bei der sogenannten finanziellen Inklusion, also dem Zugang zu Finanzmärkten und Bankdienstleistungen, überdurchschnittlich abschneidet: Mehr als neun von zehn Einkommensbeziehern besitzen mindestens ein Girokonto (OECD = 86 %). Hingegen seien vorausplanendes Handeln und das Wissen um den Einsatz von Gespartem in Finanzmarktprodukte unterentwickelt. Nicht einmal jeder Zweite besitzt ein Sparbuch oder ähnliche Anlagen (OECD = 63 %). Nur ein knappes Drittel der Sparer informiert sich über Zinsen und auch nur jeder fünfte Kreditnehmer kennt den genauen Zinsbetrag für das Geborgte. Etwa die Hälfte der Kreditbezieher orientiert sich nur an der Tilgungs-rate. Dennoch habe sich das Sparverhalten der Bürger leicht verbessert.
Generell gelte, je höher der Bildungsgrad, desto besser das Verständnis monetärer Belange. Die Zusammenhänge von Inflation und Lebenshaltungskosten sowie von Risiko und Gewinn seien praktisch jedem klar. Darüber hinaus fehle aber oft das Bewusstsein dafür, wie wichtig finanzwirtschaftliches Wissen sei. Zu viele Bankkunden konnten mit Begriffen wie Kapitalgarantie, Sparerfreibetrag, Spread oder Euribor nichts anfangen. Allgemein, so die Studie, folgen Verbraucher lieber Informationen der Finanzdienstleister oder Empfehlungen von Freunden und Verwandten, als Angebote selbst zu vergleichen und Alternativen durchzurechnen. Wer das doch tut, gehört laut Todos contam zu denen, die auch verschiedene Finanzprodukte kombinieren. Knapp zwölf Prozent setzen auf Versicherungen zur Absicherung von Zukunft und 
Familie. Insgesamt besitzen zwar 73 % der portugiesischen Haushalte Assekuranzen (OECD = 64 %), die beschränken sich jedoch zumeist auf die gesetzlich Vorgeschriebenen.

In einem Punkt unterscheidet sich Portugal deutlich von den meisten OECD-Staaten, bei steigender Tendenz: Nicht einmal fünf von hundert Portugiesen legen Geld in Investmentfonds oder Aktien an, was die Befragten mit geringen Einkünften und fehlender Beratung begründen. Einige erklärten, sie hätten früher solche Finanzprodukte besessen. Bei acht von zehn gegenwärtigen Aktionären machen die Papiere maximal ein Viertel des Familienvermögens aus. Hier betont die Studie das Offensichtliche: Geringverdie-ner haben mangels verfügbarer Masse von Natur aus einen erschwerten Zugang zum Finanzmarkt und zei-gen folglich weder nennenswertes Interesse noch Wissen. Ein Detail alarmierte die Experten: Obwohl in Portugal 53 Prozent der Erwerbstätigen weiblich sind und im Lohnvergleich zu den Männern geringere Unterschiede als in den meisten EU-Staaten bestehen, beschäftigen sich drei Viertel der Frauen nur ungern mit Finanzfragen. Mehr als die Hälfte der Bürger empfindet ihr Einkommen als „ausreichend, um über die Runden zu kommen“, aber auch nicht mehr. Das hieße aber nicht, so die Experten, dass Menschen mit kleinem Einkommen und wenig Finanzmarktwissen geringe Kompetenz bei der Führung ihres Haushalts aufwiesen: Sieben von zehn Befragten planten ihre Ausgaben sehr genau. Vor allem Bezieher von Altersrenten zeigten ein ausgeprägtes Geschick im Umgang mit Geld. Das Phänomen der jungen Generation, sich leicht zu verschulden, ist in Portugal ebenso ausgeprägt wie in den meisten Industriestaaten. In der Altersgruppe unter dreißig konnten viele Verschuldete ihren Schuldenstand nicht einmal genau beziffern. Der Grund dafür sei in allen Bildungsstufen derselbe: Inmitten des wachsenden Konsumangebots fehle die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen. Deshalb fordert die Verbraucherstudie, die Themen Geld und privates Haushalten bereits in der Schule zu lehren.

Insgesamt erhalten portugiesische Verbraucher gute Noten bei der Sicherung ihres finanziellen Status quo: Gemessen am OECD-Schnitt zahlen sie ihre Rechnungen pünktlich und zeigen Zurückhaltung bei Konsumkrediten. Überraschend war für die Experten die im internationalen Vergleich hohe Zahl von 
59 Prozent der Bürger, die betonen, Sparen für unvorhersehbare Ereignisse oder allgemein für die Zukunft sei wichtiger als der spontane Konsum. Wohl auch, weil der Blick in die Zukunft getrübt ist: Für die meisten Menschen ist die staatliche Sozialversicherung die einzige Alterssicherung. Die aber steht auf wackligen Füßen und verursacht Zukunftsangst – 54 Prozent der Portugiesen erklärten, sie hätten geringes oder gar kein Vertrauen in die Zukunft der Renten.
Girokonto, Sparbuch und das Vertrauen in die Segurança Social für Krankengeld und Renten war über Generationen die unverbrüchliche Dreieinigkeit der lebenslangen Versorgung. Heute stellen Menschen verunsichert fest, dass sie über Zusatzprogramme nachdenken müssen. Zudem hat sich die Lebensführung verändert. Aktivitäten, Freizeit, Mobilität und Kommunikation spielen eine größere Rolle als früher, sind aber allesamt an finanzielle Aufwendungen geknüpft. Es werde komplizierter, die Grenze zu erkennen zwischen der angemessenen Finanzierung von sozialem Miteinander und überhöhtem Konsum, so die Studie. Die Komplexität des Alltags mache es schwieriger als noch vor zwei Dekaden, Kompetenz in Finanzfragen aufzubauen. Umso mehr gelte: „Der mündige, eigenständig nach Information strebende Verbraucher ist nicht die Realität, muss aber das Ziel bleiben.“
Text: Henrietta Bilawer
ESA 01/2017

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