Der Mittelstand im Mittelpunkt

Eigene Regie
Ein Blick auf den Kern der nationalen Wirtschaft

Für dieses Jahr erwartet die EU-Kommission für Portugal eine Zunahme der Mehrwertsteuer-Einnahmen aus dem Mittelstand um acht Prozent, deutlich mehr als bei Großunternehmen.

Agostinho Fernandes prägte das Bild des mustergültigen Unternehmers: 1886 in Portimão in eine einfache Familie geboren, muss er früh Geld verdienen, zieht nach Lissabon, arbeitet als Verkäufer, hilft in einer Schneiderei, wird Kontorist und später Teilhaber eines britischen Maschinenhändlers. Schließlich gründet er eine eigene Firma: Algarve Exportador verarbeitet in Lagos den Fischfang vom Cabo de São Vicente und verkauft die Konserven in ganz Europa und den USA. Bald hat das Unternehmen landesweit Filialen und ist das größte der Branche mit 48 Schiffen, einer eigenen Werft und 1.200 Arbeitern. Fernandes entwickelt eine Leidenschaft für alles Schöngeistige, belegt Schreibkurse und wird zum prämierten Autor. Er gründet einen Verlag und eine Buchhandlung, fördert Museen und Künstler. Heute erinnern zwei kleine Straßen in Portimão und Lagos an den Geschäftsmann und Mäzen, der 1972 starb. Passanten bestaunen sein Haus in Praia da Rocha, ohne die Geschichte zu kennen.
Das Profil von Unternehmern der Gegenwart, die als Vorbild gelten, sieht anders aus. Etwa wie bei Inês Caleiro (32), die in Lissabon Design studierte, sich in London und New York als Lehrling des Edelschusters Jimmy Choo weiterbildete, zwischendurch Möbel entwarf und seit 2011 in Portugal ihre eigene Schuhmarke Guava führt. Viele kleine und mittlere Unternehmen (port.: PME für Pequenas e Médias Empresas) haben weltweit Erfolg, etwa als geschätzte (hochpreisige) Designer edler Fußbekleidung oder als Hersteller von Schuhen, die als Berufsbekleidung besondere Ansprüche erfüllen müssen. Auch ökologisches Schuhwerk aus Portugal erfreut sich wachsender Nachfrage. Im Kampf gegen die Billigkonkurrenz aus Osteuropa und Asien haben die Fabrikanten Nischen entdeckt und produzieren mit einem gewissen Alleinstellungsmerkmal. 95 Prozent der Ware werden exportiert, in 150 Länder. Der Sektor ist Ausfuhr-Vorreiter mit jährlichen Wachstumsraten von über sieben Prozent.
In allen politischen Lagern herrscht Konsens, dass Spezialisierung zukunftsträchtiger sei als der Versuch, vom internationalen Kuchen industrieller Großproduktion ein Krümelchen zu ergattern. Reduzierung der Bürokratie sowie verbesserter Zugang zu Kredit und Markt sind die Eckpfeiler der PME-Förderung. Konzernen stehen statt staatlicher Hilfe andere Finanzierungsmöglichkeiten offen und so vollzieht sich seit fünf Jahren eine Umleitung der Förderung im Umfang von bisher 10 Milliarden Euro zugunsten des Mittelstandes, der 79 Prozent der Arbeitsplätze in Portugal stellt.
Auch die Standorte gehören zum Wandel; São João da Madeira nahe Aveiro ist ein Beispiel. Die Stadt gilt heute als Einzige in Europa mit flächendeckendem Gratis-WLAN. Der Ort, der stets von der Bekleidungsherstellung lebte, beobachtet Erfolge und Fehler anderer Länder. Bürgermeister Ricardo Figueiredo kommt selbst aus einer Familie von Hutmachern und meint, dass „die Italiener viel besser wissen, wie man verkauft“ und die „deutsche Wirtschaft bei Technologie und Wissen ein sehr hohes Niveau hat.“ So habe man „im Schwarzwald früher viel Geld mit Kuckucksuhren verdient und nutzt heute den erworbenen Sinn für Feinmechanik in zahlreichen Firmen, die Präzisionsinstrumente für die Medizin herstellen.“
Betriebe mit erfolgreicher Regie dürfen jedes Jahr auf die Einstufung als PME Excelência durch das Institut für Mittelstand und Innovation IAPMEI hoffen – ein Zeichen für finanzielle und unternehmerische Stabilität, das Investoren motiviert. 268 Unternehmen im Distrikt Faro stehen auf der Liste (www.pmelider.pt). Und das integrative Projekt Lisbon Micro-Entrepreneurship gewann gerade den europäischen Unternehmens-Förderpreis für die Unterstützung von Arbeitslosen und Menschen ohne finanzielle Mittel, die ein Unternehmen gründen möchten. Als Teil der Strategie der Stadt zur Kooperation öffentlicher und privater Akteure mit lokalem Schwerpunkt hilft die Initiative seit 2013 bei Businessplänen und Gründungslogistik.
Portugals Mittelstandserfahrung ist relativ jung. Im Estado Novo des Diktators António Salazar dominierte ein privater Sektor von sieben mächtigen monopolistischen Wirtschafts- und Finanzgruppen gut 300 Unternehmen in der Hand von vier Dutzend Familien, die untereinander verflochten waren. Die Staatsquote war minimal, der Rest des Landes hatte dienende Funktion. Zwar gehörte Portugal 1960 zu den Gründungsmitgliedern der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA), was zu mehr ausländischen Investitionen führte, doch profitierten auch hier vor allem internationale Großkonzerne. Es dauerte, bis die Portugiesen nach der Nelkenrevolution lernen konnten, ihr wirtschaftliches Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Heute arbeiten rund 43 Prozent der Beschäftigten in Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern – das ist Rang Drei nach Griechenland und Italien (D = 20 %). Sechs von zehn Neugründungen sind Ein-Mann-Betriebe – deutlich mehr als im EU-Schnitt (46,9 %). Die PME sind verhalten optimistisch und rechnen laut IAPMEI mit der Schaffung von 60.000 neuen Stellen bis Ende 2016. Kopfzerbrechen macht den Firmen die anhaltend niedrige Kaufkraft der Konsumenten – nach jüngsten Zahlen der Finanzdirektion verfügen zwei Drittel der Familien über ein Jahreseinkommen von maximal Euro 7.000, weitere 23 Prozent verdienen bis zu Euro 20.000 im Jahr. Das beklagt auch die OECD, der zufolge ein Aufschwung im Mittelstand „nicht ausreicht, um Beschäftigungs- und Kaufkraftentwicklung dauerhaft zu stärken und eine Neuorientierung oder Erweiterung der PME zu ermöglichen.“
Algarve Exportador, der Firmenname des Unternehmenspioniers Agostinho Fernandes, erhielt indessen neuen Leben: Unter diesem Titel präsentieren sich heute Betriebe, die regionaltypische Erzeugnisse anbieten und damit auch den Weg in den Export gehen (produtoalgarve.pt).

Text: Henrietta Bilawer
In ESA 04/16

Share.

Comments are closed.