Vom Ausland abhängig

Portugals Landwirtschaft ist nicht in der Lage, den landeseigenen Nahrungsbedarf zu decken. Eine über Jahrzehnte vernachlässigte Agrarpolitik setzte das Land den auf dem internationalen Nahrungsmittelmarkt eskalierenden Preisen aus. Ob der aktuelle weltweite Anstieg der Lebensmittelpreise in Portugal zu politischen Unruhen führen wird, steht offen

Das von der UNO für Landwirtschaft und Ernährung ermittelte Preis-Barometer kletterte zu Jahresbeginn auf einen Rekordwert. Der bisherige Höchststand aus dem Jahr 2008 wurde übertroffen. Damals führte ein explosiver Cocktail aus schlechten Ernten, erhöhter Nachfrage in den Entwicklungsländern und verstärkter Produktion von Biokraftstoff, zusammen mit Spekulationen auf dem Weltmarkt, zu einem enormen Preisanstieg der Nahrungsmittel und zu sozialer Unruhe, unter anderem in Haiti und Ägypten. In der ehemaligen portugiesischen Kolonie Mozambique kam es bei Demonstrationen gegen einen 30 %igen Anstieg des Brotpreises zu 13 Toten. Auch dem gegenwärtigen Flächenbrand in Nordafrika und im Nahen Osten liegen die drastisch gestiegenen Nahrungsmittelpreise zu Grunde. Seit Jahresbeginn kam es zu politischen Umstürzen in Tunesien und Ägypten und zu Unruhen in Bahrain, Jordanien und im Jemen. Libyen befindet sich im Bürgerkrieg und wird von westlichen Truppen bombadiert. Unabhängig davon haben Spekulanten an den Börsen Rohstoffe als lohnende Anlageziele entdeckt und treiben die Preise weiter nach oben. Zwar führt nicht jede Versorgungskrise zu politischen Revolutionen, doch weltweite Beobachtungen lassen daraufhin schließen, dass es eine Verbindung zwischen explodierenden Lebensmittelpreisen und politischen Krisen gibt. Zu den klassischen Einflussfaktoren zählen: die Unzufriedenheit mit der Regierung, eine starke Abhängigkeit der Länder von internationalen Nahrungsmittelmärkten, sowie eine verfehlte Agrarpolitik. All dies trifft auf Portugals Realität zu. Wann genau wird dann in Portugal der Punkt erreicht sein, ab dem die Preisexplosion zu politischen Unruhen führen wird? Portugal gehört zu den Ländern, die vom Import abhängen. Fast 60 % des Fleischbedarfs wird importiert; selbst Fisch muss eingeführt werden, obwohl das Land mit 1.727.408 Quadratkilometer die drittgrößte ausschließliche Wirtschaftszone der EU hat. Im Jahr 2009 wurde Fisch im Wert von 525.088 Euro exportiert und im Wert von 1,2 Mio. Euro importiert. Vor kurzem gab Portugal die Zuckerproduktion auf und bereute es sogleich, als im Dezember 2010 in vielen Supermärkten der Zucker pro Kunde pro Einkauf auf ein Kilogramm rationiert wurde. Auch was Getreide betrifft, ist das Land vom Ausland abhängig. Sogar das Getreide zur Fütterung der Tiere muss importiert werden. Gleichzeitig liegen die Getreidefelder im Alentejo brach. Nur der Wein- und der Milch-Bedarf werden abgedeckt. Laut Landwirtschaftsminister António Serrano stellt die momentane Versorgungskrise eine Chance für Portugals Landwirte dar. Doch ,,Portugals Landwirtschaft wurde über Jahre hinweg stark vernachlässigt. Dazu kam eine zerstörende EU-Agrarpolitik, welche die Vernichtung bestimmter Nutzpflanzen förderte, sowie innerhalb von zehn Jahren die Zerstörung von 20 % der portugiesischen Fischereiflotte”, so Maria Antónia Figueiredo, Vorsitzende des Vereins der Landwirte CONFAGRI. Figueiredo appelliert deshalb, dass Portugal die Landwirtschaft als strategischen Wirtschaftsbereich sehen und die Bewirtschaftung der “Hälfte des Landes, die brach und verlassen liegt” wieder aufnehmen sollte. ,,Die Gesellschaft müsste den Landwirtschaftsbereich mehr Wert zollen und den Beruf als würdig ansehen”, so Figueiredo, ,,In der Zukunft wird ein bewirtschaftetes Landstück etwas sehr Wertvolles sein”. Nicht zuletzt könnte die Bewirtschaftung der ungenützten Felder dazu dienen, die Anzahl der Arbeitslosen zu senken. Laut Daten der letzten Landwirtschaftszählung, welche das nationale Statistikamt INE alle 10 Jahre durchführt, hat sich die Struktur der portugiesischen Landwirtschaft zwischen 1999 und 2009 stark verändert. Die durchschnittliche Fläche der landwirtschaftlichen Betriebe ist um 2,5 ha auf 11,9 ha gestiegen, was sie theoretisch wettbewerbsfähiger macht. Im selben Zeitraum ist jedoch die Anbaufläche um fast eine halbe Million Hektar zurückgegangen. Im Jahr 2009 war ca. 50 % des portugiesischen Territoriums bewirtschaftet, also 4,6 Mio. ha. Laut INE gab es 304.000 landwirtschaftliche Betriebe, 112.000 weniger als 1999. 80 % davon sind kleine Familienbetriebe. Dreiviertel der Höfe haben weniger als 5 ha Land; lediglich 260 sind über 1.000 ha groß. Ferner untersuchte INE, was angebaut wird und stellte einen Rückgang der Getreide- und Kartoffelfelder fest. Die mit einheimischen Obstbäumen bepflanzte Fläche sank ebenfalls um 25 %. Dafür wurden mehr tropische Früchte wie Kiwis (plus 17 %) ­ was durch die EUAgrarpolitik erklärt werden kann, welche dies förderte ­ sowie Zierpflanzen gesetzt. Was die Tierproduktion betrifft, zeigt die Landwirtschaftszählung, dass es im Jahr 2009 in Portugal 5,8 Mio. Stück Vieh gab. 1,4 Mio. weniger als 1999. Der Rückgang wurde vor allem bei der Schweine- und Schafzucht verzeichnet. Die internationale Konkurrenz, mit größeren Betrieben, hat wettbewerbsfähigere Preise, mit denen Portugals Züchter nicht mithalten können. Portugals Handelsbilanz wies im Jahr 2009 ein Defizit von 3,3 Mio. Euro auf, so INEDaten. Zwar sind die Warenexporte zwischen 1999 und 2009 um über 100 % gestiegen, doch auch die -Importe stiegen um über 50 % und führten deshalb weiterhin zu einem Ungleichwicht in der Handelsbilanz.

Bis dato haben sich die starken Preiserhöhungen auf dem Weltmarkt in Portugal, trotz höherer Einfuhrkosten bei einigen Produkten, noch nicht im Endverbraucherpreis widergespiegelt. Ob die Teuerungen in Zukunft im Portemonnaie der Verbraucher spürbar werden ,,hängt lediglich von den Händlern und den Lagerbeständen ab”, so Luís Reis, Vorsitzender der Handelsvereinigung APED. ,,In den letzten Jahren haben die Kaufleute die Kostenerhöhung der Rohstoffe aufgefangen. Und es wird wohl weiterhin so bleiben. Vor allem, wo nun aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage ohnedies mit einem Rückgang des Konsums gerechnet wird”, prophezeit Reis.

Text: ANABELA GASPAR

ESA 04/11

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