Kartenzahlung

Verwöhnt und abhängig

Bequemlichkeit hat ihren Preis ­ das gilt auch für den Einkauf mit Kredit- oder Debitkarte, auch wenn die Händler entgegen einer vorherigen Entscheidung die Bearbeitungsgebühr der Transaktionen nun doch nicht an die Kunden weitergeben dürfen. Die Diskussion sorgt für Unsicherheit

Zahlungsdiensterichtlinie heißt im Beamtendeutsch eine Bestimmung, die in Portugal für Wirbel sorgt. Die EUKommission will mit der ,,Payment Services Directive PSD 2007/64/EC” WettbewerbsAnreize schaffen: Demnächst sollen außer Geldinstituten etwa auch Supermärkte oder Mobilfunkanbieter Kredit- und Debitkarten anbieten. Im Sinne eines freien Marktes überlässt die EU-Kommission den Mitgliedsländern deshalb, ob Geschäfte ihren Kunden bei Käufen mit Plastikgeld eine Gebühr berechnen dürfen (sog. surcharging). Portugal beschloss zunächst, die Händler selbst entscheiden zu lassen. Der Erlass wurde im amtlichen Gesetzblatt Diário da República veröffentlicht (http://dre.pt/pdf1sdip/2009/ 10/21100/0827108301.pdf) und trat am 1. November in Kraft. Neunzehn Tage später erklärte Portugals Finanzminister, es sei alles ganz anders: Das EU-Recht fordere, der Direktive Gesetzesstatus zu geben. Die Regierung arbeite allerdings an einem Gesetz, das es ,,Handel und Banken verbietet, Gebühren für Multibanco-Transaktionen zu erheben”. Hatte die drohende Kartentaxe heftige Proteste ausgelöst, machte sich nun Verblüffung breit. Ein Kommentator der Zeitung Expresso riet, genau hinzuhören: Der Minister habe nur von Multibanco-Debitkarten gesprochen. Was für Kreditkarte gelte, sei weiter unklar. Erschwerte Kartennutzung ist für Portugals Verbraucher ein Eingriff in ihre finanzielle Unabhängigkeit. Der europaweit vielfältigste Geldautomaten-Service ermöglicht von Abhebung und Scheck- oder Banknoten-Einzahlung über Handy-Aufladen und Ticketkauf bis zum Steuern zahlen rund sechzig verschiedene Transaktionen, unabhängig von der Zugehörigkeit des Gerätes zur kontoführenden Bank. Das verwöhnt und macht gleichzeitig abhängig von der Bezahlkarte: 64 % aller Finanz-Transaktionen werden per Karte erledigt. Nur Dänen (65 %) und Schweden (59 %) kommen da mit, in Deutschland sind es gerade mal 14 %, in Österreich 16 %, die Länder belegen mit Tschechien und Bulgarien abgeschlagen die letzten Plätze der 27 EU-Länder. Geschäftsleute streiten schon seit Langem, ob Käufer entstehende Mehrkosten für das bequeme Plastikgeld mittragen sollen, den eine Kartengebühr besteht bereits. Derzeit entrichten Läden und Gaststätten eine Nutzungsgebühr an die Gesellschaft SIBS, Betreiber der Geldautomaten und Kartenlesegeräte ­ maximal 2,25 % vom Wert des Kaufs auf Kreditkarte und 1,4 % bis 2 % bei Debitkarten. Kleine Firmen sehen sich schon seit Langem benachteiligt: ,,Supermarktketten mit ihren vielen Kunden einigen sich mit den Banken auf eine niedrige Gebührenpauschale”, so João Vieira Lopes vom Einzelhandels-Verband Confe-deração do Comércio Português (CCP). Die meisten Ladenbesitzer sehen in einer Weitergabe der Gebühr die sicherste Methode, die Kundschaft zu vertreiben. Individuelle Lösungen gibt es auch ohne gesetzliche Regelung. Wer ,,reduzierte Ware mit Karte zahlt, muss auf einen Teil der Ermäßigung verzichten”. Das gelte auch für Stammkundenrabatt, der auf Karte geringer ausfällt, so der Besitzer eines Einrichtungshauses in Portimão zu ESA. ,,Bei Scheckoder Barzahlung gewähre ich fünf Prozent Preisnachlass”, erklärt ein Boutiquenbesitzer die ,,positive Diskriminierung”. Jede andere Abgabe sei ,,nicht vertretbar”, meint CCP-Sprecher Lopes. Gebühren auf Kartenkäufe kenne er aus ,,Singapur oder Malaysia, aber nicht für eine Karte von der Hausbank und im eigenen Land”. Lopes fordert die Banken auf, ,,die Karten-Gebühren generell zu senken” und auch ,,ein für allemal klarzustellen, ob demnächst jede Geldabhebung am Automaten 1,50 Euro kostet”. Das Gerücht taucht seit März 2006 als Wiedergänger im Internet auf, dazu eine Petiton gegen den angeblichen Plan der Banken. Etwa eine halbe Million haben unterzeichnet (www.petitiononline.com/banc atms). Ein Filialleiter der Millennium-Bank sieht die ganze Diskussion ,,sportlich, wie bei der Ziehung der Lottozahlen: Alle Angaben ohne Gewähr”.
Henrietta Bilawer

Foto: Lusa

In Portugal werden 64 % aller Finanz-Transaktionen mit Plastikgeld erledigt

Statistisch besitzt jeder Europäer 1,5 Debit- oder Kreditkarten, in der EU gibt es rund 40 verschiedene Zahlungssysteme. Eine neue EU-Verordnung zum Zahlungsverkehr gilt jetzt, und betrifft neben transnationalen Geldüberweisungen (s. ESA 6/09) vor allem den Verbraucher-Alltag. · Umfangreiche Information zu KartenDienstleister, Zahlungsart, Kosten, Fristen, Kündigung usw. ist Vorschrift. · Mit der sog. SEPA-Lastschrift erledigt der Kontoinhaber inländische und grenzüberschreitende Zahlungen. Er kann das Geld bis zu 2 Monate nach Abbuchung zurückfordern. · Ins EU-Ausland überwiesenes Geld muss innerhalb von 3 Arbeitstagen beim Empfänger sein; ab 1.1.2012 innerhalb eines Geschäftstages. · Für Zahlungsaufträge sind nur BIC und IBAN entscheidend, der Vergleich Kontonummer/Name entfällt. · Im Schadensfall kann der Kunde bei Kartenzahlungen mit bis zu 150 beteiligt werden.
Ausführliche Info mit Link zur Direktive: www.bmj.bund.de/enid/81e81bd83e8e37 39775b24bb68b3d974,0/Schuldrecht/Um setzung_Verbraucherkredit-_und_Zah lungsdiensterichtlinie_1hc.html Info zur Kreditkarte: http://home3.americanexpress.com/ger many/merchant/manage/pdfs/Fragen_und _Antworten-PSD.pdf Info zur Lastschrift: www.deutschepost.de//mlm.nf/dpag/ images/v/versicherungen/sepa_versiche rungen.pdf

ESA 12/09

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