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Zum Weltverbrauchertag am 15. März erschienen jetzt Untersuchungen über die Entwicklung der Lebenshaltungskosten in Portugal. Sie zeigen, dass die Statistiker den Tatsachen hinterherhinken und sich seit Jahren auf längst überholte Werte stützen

António Duarte hat seinen Weg aus der Krise gefunden. Als vor sechs Jahren sein Arbeitgeber, die Schuhfabrik Clarks im zentralportugiesischen Castelo de Paiva dichtmachte, wagte der 40-jährige Mechaniker den Sprung in die Selbstständigkeit. Zunächst alleine, inzwischen mit einigen Mitarbeitern baute er erfolgreich einen Allround-Reparaturbetrieb auf: ,,Irgendetwas ist immer kaputt. Wir machen einfach alles und haben inzwischen sogar Aufträge bei Landsleuten, die in der Schweiz leben”. Von dort allerdings und auch aus anderen Ländern kehren immer mehr Portugiesen in die Heimat zurück. Besonders in Deutschland, Island, Frankreich und Spanien hat die Entlassungswelle portugiesische Gastarbeiter erfasst. Daheim wird der Alltag nicht leichter. Das Instituto Nacional de Estatística (INE) räumt mit einer Studie ein, dass die Grundlagen der amtlichen Statistik längst nicht mehr den tatsächlichen Geldfluss aus den Haushalten in die Kassen von Handel und Dienstleistern erfassen. ,,Die Teuerung in Portugal ist deutlich höher als gedacht”, so der Ökonom Eugénio Rosa. Noch bis Ende 2008 legte das Amt zur Inflationsberechnung einen Index der Lebenshaltungskosten zu Grunde, der auf dem Stand des Jahres 2000 war (ebenso, wie das deutsche Statistische Bundesamt bis 2006). In einer langfristig angelegten Umfrage hat das INE inzwischen festgestellt, dass Portugals Bürger ihre Ausgaben für die typischen, im Warenkorb zusammengefassten Güter und Dienstleistungen drastisch geändert haben. Kosten etwa fürs Wohnen haben heute einen deutlich höheren Anteil an den Haushaltsausgaben als noch von acht bis zehn Jahren. Berechnungen auf dem alten Preisniveau ,,führen dazu, dass die seit Jahren veröffentlichte Inflationsrate deutlich hinter der tatsächlichen Preisentwicklung lag”, so Rosa: ,,Das INE hinkte der Wirklichkeit hinterher”. Basierend auf der aktualisierten Ausgabenstruktur der Familien sei demzufolge die reale Inflationsrate für die Jahre 2005 bis 2008 um 12 % höher als vom INE angegeben und liege sogar um 34,4 % höher als die zuvor von der Regierung prognostizierte. Dabei treffe die Inflationsentwicklung nicht alle in gleichem Maße. Bei der Mehrheit der Rentner (mit 3,669 Mio. über ein Drittel der Landesbevölkerung) und bei Geringverdienern hat diese Entwicklung angesichts kaum gestiegener Bezüge ein verändertes Konsumverhalten erzwungen. Der ,,reale Kaufkraftverlust ist in dieser Gruppe noch höher”. Wenn eine Familie 40 % ihres Einkommens für Wohnung und Nebenkosten aufwenden muss, so trifft die Teuerung in dem Bereich solche Haushalte viel stärker als eine Familie, bei der die Ausgaben fürs Wohnen nur ein Zehntel ausmachen. Pedro Santos Guerreiro, Wirtschaftsredakteur des Jornal de Negócios ergänzt, es könne nicht sein, dass ,,ein Portugiese ein großes Steak esse und der andere Hunger leide, was die Statistik als zwei Portugiesen ausweise, die jeweils ein halbes Steak verspeisen”. Ökonomen kritisieren die europaweit unterschiedlichen Preisindizes und fordern, dem französischen Beispiel zu folgen: Das Pariser Institut nacional de la statistique publiziert neben dem allgemeinen Preisindex auch eine an die wirtschaftliche Realität von Rentnern angepasste Statistik. Auch sei die Auswirkung von Anhebung und Senkung der Mehrwertsteuer (IVA) nicht ausreichend dokumentiert. Nach der IVA-Senkung auf 20 % im Juli 2008 (in die Kategorie fallen unter anderem Aufwendungen für Autobahnmaut, Telefonrechnungen, Kfz-Anschaffung, -Versicherung und -Reparaturen sowie andere Dienstleistungen, Kleidung und Schuhe, Reinigungsmittel und Hygienebedarf) war der Handel nicht verpflichtet, die Preise anzupassen, was auch in den wenigsten Fällen geschah, stellte das Finanzministerium fest.
Während im EU-Schnitt 15 % des Haushaltseinkommens auf Essen und Trinken entfallen, bildet die Ernährung in Portugals Haushalten mit fast 22 % den größten Ausgabenposten. Etwa ebenso hoch schlagen Transportkosten zu Buch, Kleidung und Gesundheit beanspruchen jeweils 6 %, (Aus-)Bildung 2 %. Die Zeitung Diário Económico sieht Portugal unter den EU-Ländern, die am meisten unter der Inflation leiden. 2008 stiegen hier die Preise für Milchprodukte um 14 %, für Brot, Teigwaren und Speisefette um 9 %, für Fleisch um 2,1 %. Nur Gemüse wurde im Schnitt um 15 % billiger.
Text: HENRIETTA BILAWER
ESA 03/09

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