Irrflüge und Turbulenzen

Alcochete südlich des Tejo wird Standort des neuen Internationalen Flughafens von Lissabon. Nach der pompösen Präsentation von Ota nordöstlich der Hauptstadt vor gut zwei Jahren hat die vorerst letzte Entscheidung die Wirtschaft beider Regionen in Wallung gebracht

 
Himmlische Ruhe liegt über dem Sumpfland. In der Ferne waten Flamingos, etwa zweitausend sollen es in diesem Winter sein. Graugänse flattern auf. Adler leben hier, Regenpfeifer, Rohrsänger, bis zu 80.000 Vertreter unzähliger Arten. Zugvögel überwintern in der Tejo-Mündung, die seit 1916 auf einer Fläche von 146 Quadratkilometern zwischen Vila Franca de Xira im Norden und Alcochete im Süden Naturschutzgebiet ist. 1994 erklärte die EU das Estuário do Tejo zum Vogelschutzgebiet. Beim Blick über das Wasser scheint Alcochete ziemlich weit und auch der Militär-Übungsplatz Campo de Tiro, neun Kilometer vor der Stadt, wo Lissabons neuer internationaler Flughafen entstehen soll. Aber was sind schon ein paar Kilometer für ein Flugzeug. Eine 355 Seiten starke Studie des Nationalen Instituts für Hochbau (LNEC; www.moptc.pt/ tempfiles/20080110143959moptc.pdf) bestätigt: Der Flughafen ,,beeinträchtigt den ökologischen Wert des Gebietes”, seine Nähe zum Naturpark verursacht hohe Kosten für den Umweltschutz. Vielleicht hat Regierungschef José Sócrates auch deshalb erklärt, es werde keine Kostenkontrollbehörde geben. Das Investitionsvolumen für den Airport ist mit fünf Milliarden Euro veranschlagt, einschließlich einer neuen Eisenbahnbrücke über den Tejo zwischen Chelas und Barreiro, die ab 2014 den Hochgeschwindigkeitszug TGV tragen soll. Die australische Finanzgruppe Macquarie, Inhaber von 30 Prozent der Konzession für die Vasco-da-Gama-Brücke, und ein Konsortium des portugiesischen Bauriesen Monta-Engil, des Straßenbetreibers Brisa und einiger Banken erhoffen Aufträge. Doch davor stehen internationale Ausschreibungen. Die LNEC-Studie, initiiert von Industrieverbandspräsident Francisco Van Zeller und finanziert von zwanzig Unternehmern, darunter der Mäzen Joe Berardo und Alexandre Patrício Gouveia, Verwaltungschef der Kaufhauskette El Corte Inglés, befürwortet den Flughafen Alcochete trotz Umweltrisiko. Er schaffe bis zu 65.000 neue Stellen, bis 2050. Erst dann gilt die Regionalentwicklung als abgeschlossen. Das Umland soll der Baubranche weitere 10 Milliarden Umsatz bescheren: Die Bevölkerung rund um den Flughafen wird rasch wachsen, so wie in Montijo, Moita und Alcochete nach dem Bau der Ponte Vasco da Gama zur Expo’98. Der erste Jet soll 2017 starten, bekräftigt Bauminister Mário Lino. Er hatte sich in Portugals Süden unbeliebt gemacht, als er Alcochete mit einem ,,niemals” beschied, denn südlich des Tejo sei ja ,,praktisch nur Wüste”. Und Ende 2005 hatte die Regierung mit viel Pomp den Standort Ota nördlich des Tejo als Flughafen vorgestellt (s. ESA 1/06). 3,6 Milliarden sollte er kosten, den TGV nicht mit berechnet. Portugal könne mit Ota nur gewinnen, so Sócrates damals. Heute sagt er: ,,Global betrachtet, ist Alcochete die beste Lösung”, Ota sei nur besser als dritte Vorschläge. Gemeint ist der Ausbau des Flughafens Portela, der praktisch in der Stadt liegt und Platz- und Sicherheitsanforderungen schon lange nicht mehr genügt. João Cravinho, in den 1990er Jahren Bauminister der Regierung António Guterres, scheut keinen innerparteilichen Streit und wendet sich gegen Alcochete: Zur Anpassung der Flugpiste an die Geomorphologie des Areals fehlten alle Daten, ebenso zu Kosten der regelmäßigen Dekontaminierung des Fluggeländes, um die Umwelt zu entlasten. Der Straßenbau für die Flughafen-Infrastruktur sei ungeklärt. Enteignungen und Entschädigungen werden 242 Millionen Euro verschlingen. Die Konzessionen zur Brückennutzung müssten neu verhandelt werden. Bisher besitzt Lusoponte, der Betreiber beider Tejobrücken, das Exklusivrecht auf Bahnverkehr. Der TGV-Betreiber RAVE will eigene Verträge. Über Nacht ist Bewegung in die Immobilienlandschaft gekommen, der Wert der Grundstücke südlich des Tejo stieg im Schnitt um 15 Prozent. Makler halten eine Steigerung bis 25 Prozent für realistisch. Bauland ist knapp, weite Flächen gehören dem Militär und im Naturschutzgebiet bestehen ohnehin strikte Auflagen. Alentejo und Algarve begrüßen Alcochete als ,,Ergänzung” zu Faro und dem im Bau befindlichen Low-Cost-Airport Beja, so Elidérico Viegas, Chef des Algarve-Hoteliersverbandes AHETA. Freude bei den einen, Katzenjammer auf der anderen Seite: Die Gemeinden rund um den wohl endgültig aus dem Rennen geworfenen Standort Ota nördlich der Hauptstadt wollen mit Regierungschef Sócrates Entschädigungen für die Region aushandeln. Es geht um mehr, als um ein gestrichenes Projekt: Ota, wie auch Alcochete, war seit fast 40 Jahren wiederholt als Ort für einen neuen Flughafen im Gespräch, so konnten die Kommunen das Gebiet nur eingeschränkt nutzen. Neue Vorhaben sollten nun unbürokratisch genehmigt und Baustopps aufgehoben werden, die seit 1999 viele Projekte verhindern. António Carneiro von der Tourismusregion Oueste will Beihilfen zur Förderung des Fremdenverkehrs und eine Hotelfachschule. Alcochete kommt, der 100 Jahre alte Militär-Übungsplatz muss umziehen. Das Verteidigungsministerium sucht einen neuen Platz im Alentejo, darunter bei Serpa und Mértola, die kategorisch gegen ,,Bomben und Granaten in einer Wohn- und Urlaubslandschaft” sind. Langfristige Planer haben andere Horizonte: Die 700 Hektar des Lissabonner Flughafen Portela sind 960 Millionen Euro wert, gerechnet in Preisen von 2004. Wird Portela nach der Eröffnung von Alcochete stillgelegt, ist das Areal an der Stadtgrenze eines der Filetstücke im portugiesischen Immobilienwesen.

 

von HENRIETTA BILAWER

ESA 02/08

 

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