Schalterraum Europa

Der Markt für Bank-Operationen mit Privatkunden ist der am wenigsten europäisierte Sektor in der EU. Mehr Transparenz soll den Kunden bessere grenzüberschreitende Vergleichsmöglichkeiten und mehr Sicherheit für ihre Geldgeschäfte bringen

Pünktlich zu Neujahr beginnt die Ära des einheitlichen EU-Zahlungsraums (s. ESA 12/07) und die EU-Kommission setzt die Neustrukturierung der Finanzmärkte fort. Der Ire Charlie McCreevy, Kommissar für den Binnenmarkt, von Hause aus Wirtschaftsprüfer und bei der EU für das Bankenwesen zuständig, möchte die ,,Integration der Kapitalmärkte vertiefen und die Infrastruktur verbessern, damit die unwirtschaftliche Zersplitterung und die Kosten geringer und der Wettbewerb intensiver werden”. Ganz oben auf McCreevys Liste steht das so genannte Retailgeschäft. Das sind alle Bereiche, in denen Banken mit Privatpersonen verbunden sind: Kontoführung, Anlagen, Kredite, Hypotheken, Versicherungen. (Das Großkunden- oder Interbankengeschäft heißt im Fachjargon Wholesale-Geschäft.) Mit dem Retail-Bankgeschäft werden in der EU jährlich Bruttoeinnahmen von 250 bis 275 Milliarden Euro erzielt. Das entspricht rund zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Union. Dabei hat der grenzüberschreitende Privatkunden-Dienst der Banken in der EU trotz zunehmender Mobilität der Verbraucher nur einen Anteil von einem Prozent des Gesamtumsatzes im Retailgeschäft. Banken. Es ist also im Interesse der Banken, die Kundenmobilität gering zu halten. Hürden für den Kontowechsel oder unzulängliche Information für Kunden sollen daher bald mit Strafgebühren belegt werden. Die Politik, mit der nationale Banken ihre Pfründe sichern wollen, trage schließlich dazu bei, dass dieselben Banken nur zögernd neue Märkte im Ausland erschließen, so ein Sprecher der portugiesischen Banco Espírito Santo: ,,Das eingeschränkte Auftreten der Banken über Grenzen hinweg schränkt Wahlmöglichkeiten für Verbraucher erneut ein”. Die EU-Finanzmärkte sind national orientiert, auch eine uneinheitliche Rechtslage und kulturelle Eigenheiten im Umgang mit Geld schotten sie genauso voneinander ab, wie Wettbewerbsschranken. Folge: Bankkunden bleiben bei lokalen Dienstleistern. Die EU will einige Usancen, die in Portugal wie auch in Deutschland Schlagzeilen machten, stoppen. Es sei ,,diskriminierend”, wenn Kunden aufgrund von Kriterien wie Nationalität oder Wohnort verweigert werde, Konten grenzüberschreitend zu eröffnen, so McCreevy. Er verspricht auch das Ende der so genannten Produktbindung, wenn eine Kreditvergabe an den Abschluss einer zusätzlichen Versicherung geknüpft wird oder der Kreditnehmer ein zusätzliches Kontokorrentkonto führen muss. Könne der Kunde nicht frei wählen, wo er sich versichern oder sein Konto führen möchte, wirke sich das unzulässig auf die Preisbildung aus. Die Kontrolle der Finanzmärkte obliegt den Behörden der Mitgliedsstaaten. Experten möchten diese Verantwortung auf EU-Ebene ansiedeln, doch Charlie McCreevy will von einer zentralen europäischen Bankenaufsicht nichts wissen. Zentralisierung sei nicht geeignet für die Kontrolle lokal tätiger Banken in kleinen EU-Staaten. Die Lösung liege in der effektiven Kooperation der nationalen Aufsichtsbehörden.

Konsumenten sollen ,,wie beim Kauf eines Fernsehers oder eines Autos Angebote vergleichen”, um den günstigsten Service für eine Kreditaufnahme oder beim Wechsel der Bank zu finden ­ egal wo in der EU. Dazu soll Verbraucherschutz über Ländergrenzen hinweg gelten und überprüfbar sein, ob ein Dienstleister solide und vertrauenswürdig ist. Die EU setzt auf Selbstregulierung. Die Banken sollen gemeinsam Regeln entwickeln. Widersetzen sie sich dem transparenten Wettbewerb, so werde die Kommission allerdings ,,regulierende Maßnahmen ergreifen”, warnte McCreevy. Es müsse Bankkunden beispielsweise leicht gemacht werden, ihr Konto von einer Bank auf eine andere zu verlegen. In den meisten EUStaaten sei das problematisch, wie eine mehrjährige Studie der Kommission offenbarte, die 2007 abgeschlossen wurde: Je mobiler die Kunden, desto niedriger die Gewinnmargen der

Wer Geld in Länder außerhalb der EU überweist, sollte die Gebühren prüfen. Je nach Anbieter und Transferweg können für 100 Kosten zwischen 1,50 und 25 anfallen, so eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). FinanztransferServices wie Western Union sind oft viel teurer als Banken und Sparkassen, dabei aber schneller und flexibler. www.geldtransfair.de vergleicht die Anbieter kostenlos nach Land, Tempo, Summe und Überweisungsart: Per Scheck, Bargeld-Verschickung, Auslandsüberweisung von Konto zu Konto, online oder per Telefonauftrag. Der Markt ist sehr beweglich, Angaben können sich kurzfristig ändern. Und: Die Gebühren der Anbieter machen oft nur einen Teil der Gesamt-Transferkosten aus; im Empfänger- land kann eine weitere Kommission dazukommen.

Initiativen der EU-Kommission im Bereich Finanzdienstleistungen 2005 ­ 2010: http://ec. europa.eu/internal_market/finservices-retail/ docs/finfocus/finfocus3/finfocus3_de.pdf
Henrietta Bilawer

ESA 01/08

 

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