Hochzeit in Portugal

Der Schritt zum Traualtar als Etappe zwischen teuren Vorbereitungen und kostspieligen Folgen

Der Mai ist auch in Portugal eine beliebte Zeit für Eheschließungen. Deren Zahl ist zwar insgesamt rückläufig, doch die Umsätze von Hochzeitsplanern und Ausrichtern steigen. Heiraten ist ein Wirtschaftszweig

Casamento, apartamento. Das alte Sprichwort war ursprünglich ein gütiger Rat für jung Verheiratete, nicht mit den Eltern zusammen zu leben. Derzeit bedient sich ein Bankhaus des eingängigen Spruches, allerdings ist das Motiv ein kommerzielles: Der Kredit zum ersten eigenen Heim. Der Schritt vor den Traualtar scheint vielen nur eine Etappe zwischen ,,teuren Vorbereitungen und noch kostspieligeren Folgen”, erinnert sich Renato Perolada an das Drumherum zum Ja-Wort. Hochzeiten sind zu einem eigenständigen Wirtschaftsbereich geworden, der in Portugal für einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro verantwortlich ist ­ das entspricht einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes oder dem Gegenwert von zwölf modernen Fußballstadien. Hierzulande ist das Heiraten mit 6,8 Vermählungen pro tausend Einwohner beliebter als im EU-Schnitt (5,1/1.000) und es gibt überdurchschnittlich viele und große Messen rund um den Gang zum Standesamt. Von Kleidung, Schmuck, Geschenken und Dekoration für den festlichen Anlass über Vermieter von Nobelkarossen bis hin zum Catering und Vorschlägen für die Hochzeitsreise sind alle Dienstleister vertreten. Einer Studie des Statistikamtes INE zufolge kostet die ganz normale Traumhochzeit etwa 20.000 Euro, doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Wer mehr als hundert Freunde einladen und bewirten will, erreicht leicht das 50 Dreifache. Die ,,große Hochzeit mit zwei- bis dreihundert Gästen” gebe es kaum noch, so Hochzeitsplaner António Parreira. Sein Auftragsbuch ist zwar gut gefüllt bis ins kommende Jahr, doch seit wenigen Jahren ,,streichen die Brautleute alles und jeden von der Liste, wenn es zu teuer wird”. Rita Teodoro und Paulo Alexandre bestätigen das. Sie trauen sich am 5. Mai und veranschlagen 150 Euro Kosten pro Gast, zuzüglich der Aufwendungen für Brautkleid, Anzug, Ringe, Fotografen, Dekoration, Musik und ,,das, was uns sicher später noch einfällt”. Die Vorbereitungen laufen seit Jahresbeginn. Damals besuchten Rita und Paulo die Messe in Faro, und ließen sich beraten, was aber eher verwirrte: Bei ruhiger Durchsicht zu Hause entpuppten sich fast alle mitgebrachten Info-Schriften als Finanzratgeber, ,,als sei die Hochzeitsfeier heikler als die Anschaffung einer Immobilie”. Zum Kredit für die gemeinsame Wohnung hatten sich die beratenden Banken kürzer gefasst. Hochzeitsplaner mit Internetpräsenz berichten, Downloads zur Kalkulation der Kosten würden immer häufiger nachgefragt. Der Organisator ,,O nosso casamento” (http://onossocasa mento.pt) rät Paaren, die Hälfte dessen, was sie ausgeben möchten, für den Empfang der Gäste zu veranschlagen und die andere Hälfte in gleichen Teilen auf ,,Blumen, Fotos, Kleidung, Musik und unvorhersehbare Ausgaben” aufzuteilen. Die Hochzeitsreise ist in dem Rechenexempel nicht berücksichtigt. Miguel Franco ist Fotograf und hat sich auf Hochzeiten spezialisiert. Er spricht von einer ,,Krise”: Auf den Messen sei die Zahl der Anbieter von Heiratsservice in den vergangenen Jahren rückläufig, es gebe sogar ,,Sonderangebote”, so etwas sei ,,in diesem Rahmen früher undenkbar gewesen”. Vom Traum einer Trauungszeremonie mit anschließender Feier in einem alten Landhaus haben sich Rita und Paulo verabschiedet: Zu teuer, selbst wenn Familienangehörige Finanzhilfe leisten. Heiratskandidat Paulo rechnet bereits ,,mit dem Geld, das wir wohl geschenkt bekommen”, um nach dem Ereignis die Schulden abzuzahlen. Paulo hat noch etwas anderes bemerkt. Im Zusammenhang mit Das Amt für Hochzeitsfeiern ist ein Kürzel im Umlauf, das schon in vielen BranWirtschaftsprüfung chen für Unruhe sorgte: Die ASAE (Autoridade para a Segurança Alimentar e Económica), das Amt kontrolliert für Wirtschaftsprüfung (s. ESA 11/06), befasst sich immer häufiger mit immer häufiger Hochzeiten. Die Behörde und auch die Finanzämter kontrollieren eifrig, Hochzeitsfeiern ob Landhäuser eine Lizenz zur Ausrichtung großer Feiern besitzen und ob die Einnahmen aus dem auf korrekte Fest ordentlich versteuert werden. Messen sind beliebte Fahndungs- Abrechnung objekte der Inspektoren: Sie gehen von Stand zu Stand, prüfen die Papiere der Aussteller und schicken ihre Kollegen zu den Adressen der Anbieter. Paulo hat im Freundeskreis erlebt, dass die Hochzeitsgesellschaft an dem Restaurant ankam, das für die Feier gebucht war und vor verschlossenen Türen stand. Die ASAE hatte Stunden zuvor Unregelmäßigkeiten beim Einkauf der Getränke für die Hochzeit und Hygienemängel in dem renommierten Restaurant ermittelt und die Schließung angeordnet. Fälle sind bekannt, wo die ASAE Frischvermählte zur Vorlage ihrer Rechnungen aufforderte, um sie mit den Angaben von Restaurant, Blumenläden, Fotografen und anderen Serviceleistern zu vergleichen. So etwas soll natürlich nicht geschehen, wenn Paulo und Rita den Schritt in die Ehe wagen. Doch die beiden haben Verständnis: Schließlich seien die Gesetze nicht neu, deren Einhaltung ASAE und Finanzamt nun prüfen. Zu lange hätten sich viele auf das Prinzip verlassen, wo kein Kläger sei, gebe es auch keinen Richter. Wer das ausgenutzt habe, der beklage nun völlig zu Unrecht angebliche ,,Amtswillkür”. Unterdessen sind alte Traditionen wie die Versteigerung des Strumpfbandes der Braut wieder in Mode. Dabei wird der Bräutigam von den Gästen mit Wetten dazu gebracht, das Band vom Bein zu ziehen oder es eben dort zu lassen. Die Strategie der Gäste und des frisch Vermählten entscheiden über die Wetterträge und darüber, wie viel Geld für die Hochzeitsreise zusammen kommt.

Henrietta Bilawer

ESA 05/07

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