Lebensgroße Krippe

Die Weihnachtsgeschichte in sieben Akten

In Guia ist bis Anfang Januar eine Krippe ausgestellt, die aus zirka dreißig Figuren besteht. Die Skulpturen stammen aus der Werkstatt der Künstlerin Toin Adams

Der Lärm in der großen Halle im Lanka Park bei Guia ist ohrenbetäubend. Ununterbrochen kreischen elektrische Sägen und mit Hämmern werden Metallplatten bearbeitet, um sie in die gewünschte Form zu bringen. In einer Ecke schneidet eine junge Frau Draht, während eine andere ihn zurechtbiegt und an einer Eisenstruktur anbringt. Wieder andere sind damit beschäftigt, die Eisenstrukturen zusammenzuschweißen. Daraus entstehen Figuren, die später mit Gips übergossen und bemalt werden. Alles begleitet vom Rhythmus der Musik, die aus den Lautsprechern tönt. Hier wird auf Hochtouren gearbeitet, denn insgesamt stehen dem Team nur knapp vier Wochen zur Verfügung, um die Vision des Rathauses von Albufeira einer lebensgroßen Krippe zu realisieren.
Die für ihre großformatigen Skulpturen bekannte Künstlerin Toin Adams hat die Figuren konzipiert. Das Rathaus hatte diesbezüglich erstmals im Juli angefragt. Danach war jedoch Funkstille. Als Toin dann Ende Oktober wieder kontaktiert wurde, war sie sehr überrascht, denn es schien ihr erst einmal unmöglich, ein Projekt dieser Größe in so kurzer Zeit umzusetzen. Dennoch lehnte die energiegeladene Bildhauerin die Herausforderung nicht ab. Dank der von ihr und der Malerin Carolina Maggio 2009 ins Leben gerufenen Künstlergruppe The Imaginary Beings, wird sie bei der Umsetzung des Projekts von einigen Künstlern tatkräftig unterstützt. Zu der Gruppe gehören Künstler aus der ganzen Welt und aus unterschiedlichen Bereichen wie Malerei, Bildhauerei, Musik oder Tanz, die weltweit zusammen auftreten und sich bei diversen Projekten gegenseitig unterstützen. Derzeit wird Toin beispielsweise von der Malerin Jessica Dunn, dem Sänger Cayenne und dem Schmied und Musiker Marco Cristovam unterstützt. Andere Freunde arbeiteten ebenfalls mit, darunter eine Masseurin und eine Kosmetikerin. „Generell sind es Menschen, die kreativ sind und daher einen Sinn für solche Projekte haben“, erklärt Toin. Die von ihnen 
kreierten dreißig lebensgroßen Figuren stellen das Geschehen in Bethlehem in sieben Szenen nach.
Die erste Szene zeigt die Verkündigung des Herrn, also den Moment, in dem der Engel Gabriel zu -Maria nach Nazareth kommt, um ihr die Geburt ihres Sohnes Jesus durch die Kraft des Heiligen Geistes anzukündigen. Die zweite zeigt Kaiser Augustus, als dieser die Volkszählung anordnet. Dafür sollte sich jede Familie in den Heimatort des Familienvaters begeben und so reisten Josef und die hochschwangere Maria nach Bethlehem. Es folgt eine Skulptur von König Herodes, der alle männlichen Kleinkinder in Bethlehem töten ließ, weil er den neugeborenen König von Israel beseitigen wollte. Die vierte Szene zeigt erneut Maria und den Engel Gabriel, als er ihr sagt, dass sie sich in Gefahr befänden und die Stadt verlassen müssten. Die fünfte und sechste Szene zeigen die Hirten, die von einem Engel aufgesucht wurden, der ihnen mitteilte, dass der Messias geboren sei, und die Heiligen Drei Könige, die dem Stern nach Bethlehem folgten. Die siebte und letzte Szene stellt die Krippe mit Maria und Josef, Jesus und den Tieren dar. Aufgestellt werden die Figuren, darunter auch lebensgroße Kamele und Ochsen mit beeindruckenden Hörnern, in Guia zwischen der Wallfahrtskirche Ermida de Nossa Senhora da Guia (Rua General Humberto Delgado) und der Hauptkirche (Rua 25 de Abril) In den nächsten Jahren sollen weitere Figuren und Szenen hinzukommen und die Ausstellung eventuell nach Albufeira verlagert werden.

Um den winterlichen Wetterbedingungen standhalten zu können, macht Toin den Gips durch eine spezielle Materialmischung wasserfest, sodass die Figuren eine höhere Resistenz haben. Die dynamische Künstlerin ist fest davon überzeugt, dass die Skulpturen einige Jahre überdauern werden. Die Körper der Figuren sind unförmig, der Schwerpunkt liegt auf den sehr detaillierten Gesichtern und Händen sowie auf der Bemalung. „Wir werden starke, warme Farben wie Rot, Magenta, Orange und Gold benutzen sowie Texturen, um den Figuren weitere Dramatik zu verleihen“, erklärt die Künstlerin, die Guia als idealen Ausstellungsort bezeichnet, weil „in dem kleinen Ort überwiegend niedrige Gebäude stehen und die Skulpturen dadurch richtig herausragen. Die Wirkung wird noch größer sein.“

Es ist das erste Mal, dass Toin Adams mit Gips arbeitet. Normalerweise sind ihre großformatigen Skulpturen aus Stahl, Bronze, Glas und auch aus Zement. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der zwölf Meter hohe The Green Man (2002) und die in zehn Meter Höhe hängende Skulptur The Deluge (2010), die aus mehreren fallenden menschlichen Körpern besteht. Beide Skulpturen wurden im Auftrag der Custard Factory in Birmingham angefertigt und sind in der englischen Stadt zu sehen. Toin Adams ist in Sambia geboren und im Simbabwe aufgewachsen. Nach einem Zwischenstopp in England wollte sie nach Spanien übersiedeln, doch vor dem geplanten Umzug besuchte sie ihre Mutter in der Algarve. Das war vor dreizehn Jahren. „Die Algarve erinnerte mich sehr an Afrika und daher fühlte ich mich auf Anhieb zu Hause“, so Toin. Sie mietete ein kleines Haus und dachte sich, dass sie noch immer nach Spanien ziehen könnte, sollte der Wunsch in ihr aufsteigen. „Doch dieser Wunsch kam nie“, fasst sie lächelnd zusammen. „Ich habe hier in der Algarve mein kleines Stückchen Himmel entdeckt”, erzählt sie weiter. „Natürlich ist es hier ein wenig anders als in Afrika, aber ich liebe es und ich liebe die Menschen. Sie interessieren sich nicht für das, was du machst oder hast, sondern für das, was du bist. Es sind einfache, authentische, ehrliche und direkte Menschen. Eigenschaften, die ich bei anderen europäischen Völkern vermisse.“

Text: Anabela Gaspar
In ESA 12/15

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