Ein Weihnachtsmann zum Anfassen

Während des Jahres steht Severino Moreira als Schauspieler auf Kleinkunstbühnen und dreht Werbespots für das Fernsehen. In der Vorweihnachtzeit verwandelt sich der Frührentner in den Weihnachtsmann

Lappland ist weit, doch der Mann mit der voluminösen Körpermitte und dem gekräuselten, eisgrauen Bart widerlegt ohnehin, dass der Weihnachtsmann in 480 Metern Höhe auf dem finnischen Berg Korvatunturi lebt. Er kommt ganz sicher aus Portugal. Jedenfalls für Tausende von Kindern hier. Der Weihnachtsmann ist Severino Moreira und auch Eltern sind froh über die Begegnung des Nachwuchses mit der Respektsperson im roten Mantel. Ob die Kleinen an den Pai Natal glauben oder nicht, spielt keine Rolle. Beeindruckt sind sie alle. Heute schart Moreira in Lissabon Kinder um sich. Der heilige Nikolaus, ein Bischof aus dem 4. Jahrhundert und der Legende nach der Urahn der Weihnachtsmänner, bereitet die Menschen symbolisch auf den langen Winter vor; er bringt Äpfel und Nüsse, gesunde und haltbare Nahrung. Hier, in einem vollklimatisierten und mit Konsumgütern bis unters Dach gefüllten Einkaufszentrum, geht dieser Bezug verloren, doch Weihnachtsmann Moreira schafft es, weihnachtlichen Zauber in das geschäftige Treiben zu bringen. Der 53-Jährige sitzt seit Mitte November jeden Tag rund sechs Stunden lang auf einem gewaltigen roten Plüschsessel. Gelegentlich erhebt er sich, greift zu einer großen Messingglocke und schreitet gemächlich durch die Reihen. An seinem Platz warten unterdessen geduldig Groß und Klein. Rita ist sieben Jahre alt. Ein Foto mit Pai Natal, das die übrigen Wartenden haben möchten, hat sie schon. Die Schülerin ist zum zweiten Mal da, denn ein paar Tage vorher war sie so überwältigt vom Treffen mit dem Mann im roten Mantel, dass sie vergessen hat, ihn um die Popcorn-Maschine zu bitten, die sie sich zu Weihnachten wünscht. Severino Moreira nimmt sich Zeit für jedes Kind, für jeden Wunsch. Er unterhält sich mit den Kleinen und erklärt ihnen, warum sich wohl nicht jedes Anliegen erfüllen wird. Dieses Zwiegespräch läuft vor aller Augen ab, aber doch ganz leise und Rita und alle anderen Kinder verlassen Pai Natal mit einem Lächeln, das verrät, sie konnten mit dem Weihnachtsmann ihre Geheimnisse beraten. Moreira macht seine Arbeit Spaß. Auch ihm reicht es nicht, nur für Fotos zu posieren, von denen an manchen Tagen durchaus tausend geschossen werden. Er möchte mit den Kindern sprechen und Scherze machen. Leicht ist die Aufgabe nicht. Es ist eben nicht vorhersehbar, was die Kinder erzählen, sagt Moreira. Gelegentlich gibt es da sehr traurige Situationen. Etwa, als ,,ein Kind mir sagte, es möchte keine Geschenke, sondern nur, dass ich dem kürzlich verstorbenen Vater ein Küsschen bringe”. Da fehlen selbst einem Weihnachtsmann manchmal die Worte. Andere Kinder bringen Bilder mit, auf denen sie ihre Weihnachtswünsche gemalt haben. Und die machen deutlich, dass die Kids sich in dem Zeitgeist besser auskennen als viele Eltern: Ein paar Heelys, ein Flatscreen-TV und Game Boy-Spiele führen die Listen der technikbegeisterten Kids an. Die Bitte stand” hat Pai Natal Moreira daher ebenso begeistert wie verwundert. Wer sich nicht traut, direkt mit dem Weihnachtsmann zu sprechen, kann bei einem der vier Kobolde, die dem Weihnachtsmann assistieren, einen Brief hinterlassen. Am Heiligen Abend ist die Zeit der Audienzen beendet: Moreira besucht die Kinder von Freunden und Nachbarn und bringt ihnen die Geschenke. Dann beschert sich Moreira selbst ­ mit einer Rasur: Der Bart muss ab, den er seit Juli wachsen ließ. Der Bauch des Weihnachtsmannes ist ausgestopft, sein Bart hingegen echt. Und das ist wichtig, erklärt Moreira. Denn es gibt kaum ein Kind, das nicht kräftig daran zieht: Pai Natal mit Wattebart ist eben kein richtiger Weihnachtsmann.

Henrietta Bilawer

ESA 12/06

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