Madeira-Weine

Portugal und seine großen Weine, Teil 10

Süßes von der Blumeninsel

Bestimmt die geografische Lage die Qualität einer Weinanbauregion? Erheblich. Erst recht, wenn der Boden ein vulkanischer ist, ein Inselboden noch dazu, 650 Kilometer westlich von Marokko und knapp 1.000 Kilometer südwestlich der Algarve gelegen, vom Golfstrom umstrudelt. Die Rede ist natürlich von Madeira, wo auf der 732 Quadratkilometer großkleinen Insel und ihren 2.100 Hektar Rebflächen ganz Besonderes gedeiht. Ein Meilenstein in der Geschichte ist diese Insel, denn mit ihrer Entdeckung anno 1419 begann die legendäre Goldene Epoche der Seefahrernation. Binnen eines Jahrhunderts wurde das kleine Land zum größten Imperium seiner Zeit. Die bis dahin unbewohnte Insel machte man urbar, indem erst einmal die Wälder, die bis in die Gipfelregion der wuchtigen Berge hochwucherten, abgefackelt wurden. Sieben Jahre lang soll Madeira (,,Holz”) gebrannt haben. Die Asche erbrachte im Zusammenspiel mit dem vulkanischen Boden die Grundlage für rasches Wachstum, zunächst für das beliebte Zuckerrohr. Schon in den 1420er-Jahren transportierte man die Ernte per Karavell-Schiffsladungen zum Festland. Als Zucker ab 1570 in der Kolonie Brasilien preiswerter produziert wurde, konzentrierte man sich in Madeira auf Wein. Die Schicksalsnadel senkte sich endgültig auf die Weinseite, als dank Oliver Cromwell’s Navigation Ordinance das Monopol für den gesamten Warentransport nach Amerika nur mit englischen Schiffen gestattet war, und das hieß, alle Waren Europas erst einmal nach England, dann nach drüben. Mit einer Ausnahme: Auf Madeira, als wichtigste Versorgungsstelle für Schiffe, durfte man Wein direkt an Bord nehmen. Der mit einer Portugiesin verheiratete englische König hatte seiner Liebsten diese Gunst erwiesen. Damit waren die Würfel endgültig gefallen. Wein wurde der Exportschlager für Madeira, und er wurde weltweit immer beliebter. Als George Washington am 4. Juli 1776 feierlich die Unabhängigkeit erklärte, stieß er mit Wein aus Madeira auf die USA an. Drüben in Russland schwelgte der Zar im honigfarbenen Saft aus Madeira. Warum honigfarben? In der Farbe verbirgt sich die Herstellung des Weines. Auf Madeira lösten sich mehrere Methoden ab: Zunächst erwies sich die Malmsey-Traube nicht als ausreichend ergiebig, und sie wuchs nur in den besten Lagen. Also baute man auch halbtrockenen Verdelho, halbsüßen Bual und trockenen Sercial an. Die Weine lagerte man in Fässern im Freien, wo sie oxidierten und jene einzigartigen farblichen und geschmacklichen Noten annahmen. Dann kam James Cook. Er ließ vor seiner Australien-Fahrt 3.000 Gallonen an Bord nehmen, und diesen setzte man Brandy hinzu, um den Wein für die Monate auf hoher See haltbarer zu machen. Ein weiteres historisches Ereignis wirkte sich aus: Die Briten nahmen auf ihren Reisen nach Indien nur zu gerne Madeira-Wein an Bord. Weil er auf dem Schiffsweg durch die Tropen stark erhitzt wurde, erfuhr er eine weitere geschmackliche Manipulation. Diese wirkte sich so günstig aus, dass clevere Händler das imitierten und den Wein in Fässern in geheizten Lagerhäusern bei 50 ° Raumtemperatur reifen liessen. Oft vergleicht man den Madeirawein mit dem Portwein. Die moderne Produktion ist jedoch sehr verschieden: Für die Standardqualität wird er drei bis sechs Monate in geheizten Stahltanks auf 45° bis 50° erwärmt (Estufa-Methode) oder, etwas aufwändiger, in 600-Liter-Fässern, den Lodge Pipas, in geheizten Räumen sechs bis zwölf Monate lang gelagert. Die hohen Qualitäten reifen allerdings viele Jahre lang in Fässern, wo sie von der Sonne natürlich aufgeheizt werden (Canteiro Verfahren). Bei allen Verfahren erhält der Wein durch die Oxidation seine typische Farbe und süße Milde, verliert seine jugendliche Frucht indes keineswegs. Im Gegenteil, er wird mit zunehmendem Alter eher frischer. Ein Jungbrunnen in der Tat. Das Mindestalter ist fünf Jahre, es gibt natürlich auch die zehn oder 15 Jahre alten und älteren Madeiraweine. Die berühmten Frasqueira Weine sind aus einer einzigen Rebsorte und einer Lese gewonnen. Spitzen Madeira-Vintages schmecken nach über 100 Jahren schlicht und einfach grandios! Madeirawein entwickelt kein Depot und ist nach Öffnen der Flasche sofort trinkbar, Dekantieren ist also nicht nötig. Im Laufe der jahrhundertelangen Weingeschichte auf Madeira haben sich einige Erzeuger wohlklingende Namen erworben, wie Henriques & Henriques oder die Madeira Wine Company, Blandy, Cossart Gordon, Leacock’s, Barbeito, Miles. In Deutschland kennt man kaum die richtig guten Weine der Blumeninsel, in den Weinläden kommt oft nur ,,Einsteiger-Qualität”. Wer die Gelegenheit findet, hochklassige Madeira-Weine zu trinken, sollte sie nicht verpassen!

ESA 03/09

 

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