Azoren-Weine

Portugal und seine großen Weine, Teil 9

Wein auf hoher See

Taucht auf der Wetterkarte ein H über den Azoren auf, dürfen sich die Mitteleuropäer über dauerhaften Sonnenschein freuen. Kein Wunder, dass die Azoren einen so positiven Ruf genießen. Das haben auch die Weine des Archipels verdient

Anfang des 15. Jahrhunderts schickte Prinz Heinrich der Seefahrer seine Kapitäne von Lagos aus in den Atlantik, auf dass sie die ,,Antes Ilhas” fänden, jene sagenumwobene Inselwelt, die da draußen, weit draußen im Westen verborgen liegen sollte. Den Seefahrern war per Vertrag sogar ein Erfinderlohn für das Entdecken von ,,Atlantis” versprochen worden. Was sie dann 2.000 Kilometer westlich von Lagos fanden, waren in der Tat paradiesische Eilande. Als eine der wichtigsten Stationen für den Schiffahrtsverkehr zwischen Europa und Amerika hatten die Azoren stets großen Anteil an Erneuerungen, die eines zum Ziel hatten: schneller kommmunizieren! Sei es zu Wasser, später zu Luft, sei es fürs erste Telegrafen-, sei es fürs erste Telefonkabel. Auf den Azoren liefen die Fäden zusammen, der Mensch wurde modern. Freilich nicht die Azoreaner selbst. Will man sich einen Eindruck von dem Ausdruck ,,hier steht die Zeit still” gewinnen, bieten die neun bewohnten Inseln und ihre Menschen beste Anschauung. Das steckt an. Trifft man ein, fühlt man sich ­ wie durch eine Zeitmaschine zurückversetzt ­ hinein in ein Portugal, so wie es früher einmal war. Männer, die auf Pferden hocken und die Milch ihrer glücklichen Kühe zur Sammelstelle schaukeln, Leute, die vor der Tür sitzen und stundenlang miteinander reden, reden. Klischees von Nicht-Stress. Nur dass es hier keine abgekitschten Bilder sind, sondern Alltag. Portugiesen aus dem Alentejo und dem Norden des Landes siedelten ab etwa 1420 an und machten die Vulkaninseln nach und nach urbar, wobei sich der vulkanische Boden als sehr fruchtbar erwies. Sogar Weinreben, von atlantischen Böen und salziger Luft gepiesackt, gedeihen prächtig, wenn sie von einem Mauergeviert umgeben ein besinnliches, ein windgeschütztes Leben fristen dürfen. Die etwa fünf Mal fünf Meter großen currais (Stall) werden aus den Steinbrocken des überall herumliegenden Basaltschotters aufgeschichtet, das auf allen drei Weinbau-Inseln zu finden ist: Pico, Graciosa und Terceira, alle liegen in der Zentralgruppe. Die Steine auf Pico schmiegen sich als dunkles Mauernetz, einem gigantischen Spinnennetz nicht unähnlich, dermaßen eindrucksvoll in die Landschaft, dass die UNESCO sie zum Weltkulturerbe erklärte. Hinter den Gärten reckt sich der Kegelvulkan Pico als dritthöchster Berg im gesamten Atlantik in den Himmel. Wenige Kilometer vom Ufer entfernt, erreicht das Meer in der Nähe des Mitatlantischen Riffs eine Tiefe von weit über 3.000 Meter; es bietet den Fischen einen phantastischen Nahrungsreichtum, der nicht nur eine ungemeine Artenvielfalt ermöglicht, sondern auch Wale und Delphine anlockt. (Als ich einmal mit einem Professor der Azoren-Universität auf Walbeobachtung loszog, waren wir plötzlich von sage und schreibe, laut seinen Angaben, über 3.000 Delfinen umkreist. Das Getümmel der Tiere werde ich nie vergessen…). Sogar der Blauwal stellt sich inzwischen wieder ein, und Zahnwale kann man vor allen Inseln sehen, sogar in Ufernähe. Zurück zum Wein: Es wurden Rebsorten angebaut, mit welchen man auf dem Festland gute Erfahrungen machte; hier wird der ,,Vinho Regional dos Açores” produziert. Die Weißweine sind frisch, fruchtig, dabei etwas schlank im Mund. Echte Klasse bringt die Cooperativa ,,Vitivinícola da Ilha do Pico” beim Ort Madalena zustande, wobei die Rebsorten Arinto, Generosa, Seara Nova und Rio Grande den köstlichen Saft abliefern. Aus Candelária/Pico kommt der nach exotischen Früchten duftende Maresia. Beim Fischerdorf Biscoitos auf der Insel Terceira produziert das Weingut Brumm die umfangreichste und auch gefälligste Palette.

Die Rotweine werden meist aus der Agronómica-Traube, gemischt mit Merlot, gewonnen und sind etwas gewöhnungsbedürftig, auch wenn man mancherorts die abrundende Syrah- und Cabernet-Traube zufügt. Der Wein der ,,Curral de Atlântis” hat eine betonte Beerennote und beschert einen schönen Abgang. Eine Sonderrolle spielen die Süßweine. Umgeben von den schwarzen Basaltsteinen der currais, werden die Trauben auch nachts von abstrahlender Wärme verwöhnt. Nach langer Fasslagerung können Weine aus Arinto- und Verdelho-Trauben einen natürlichen Alkoholgehalt von 18 Grad erreichen. Sie schmecken gar wunderbar, sind nicht zu süß, eher halbtrocken und munden nach Feigen und getrockneten Früchten. Königlich! Russlands Zaren waren im 18. und 19. Jahrhundert die größten Abnehmer des edlen Saftes. Kein Wunder, dass Kellermeister Duarte Garcia auf Pico seinen Wein heutzutage ,,Czar” nennt. Bleibt die Frage offen: Wo kann man diese raren Weine trinken? Antwort: In Festland-Portugal sind Azoren-Weine nur bei El Corte Inglés zu erhalten, und in Deutschland hat sich der Weinversender Compiri darauf spezialisiert (www.compiri.pt). Quintessence: Portugal entdecken! Zu den Azoren fliegen und an Ort und Stelle die Weine durchprobieren. Sie werden es nicht bereuen ­ versprochen!

ESA 02/09

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