Noahs Enkel

Die Weine in der Algarve werden von zwei Winzergenossenschaften und einem Dutzend privater Weinbauern produziert. Sie setzen auf Individualität und vermissen oft die Unterstützung durch die Politik

Weinbauer ist ein Beruf, fast so alt wie die Menschheit. Schließlich soll Noah, der nachsintflutliche Stammvater, der erste Winzer auf Erden gewesen sein. Der Weinbau in Portugal lässt sich bis zu den Phöniziern zurückverfolgen. Seine Erfolgsgeschichte begann im Mittelalter, als Wein von Lusitaniens Sonnenhängen am englischen Hof sehr beliebt war. Dann rückte die Entdeckung der Welt in den Vordergrund: Holz für den Schiffbau musste her, Weinberge wurden zu Gunsten von Eichenwäldern gerodet. Schließlich zäunte der Marquês de Pombal die Rebstöcke im Douro-Tal ein und legte am 10. September 1756 urkundlich die Companhia Geral da Agricultura das Vinhas do Alto Douro fest, die erste anerkannte Weinbauregion der Welt (Região Demarcada do Douro). Ende des 19. Jahrhunderts vernichtete eine europaweite Reblausplage die Trauben. Während des Salazar-Regimes entstanden über 100 Winzergenossenschaften, doch die Isolation des Landes von der übrigen Wein-Welt behinderte die Marktorientierung. Portugals EUBeitritt brachte Fördermittel zur Modernisierung des Weinbaus in strukturschwachen Gebieten. Derzeit gibt es 1.570 Produzenten in Portugal. Die Algarve, lange Jahre Stiefkind der Winzer, holt auf. 1980 erfolgte die Klassifikation der Ursprungsbezeichnung Algarve (DOC; Denominacão de Origem Controlada), die heute für Weine aus Lagos, Portimão, Lagoa und Tavira gilt. Einst war Wein, besonders dort, wo er angebaut wurde, ein Lebensmittel für jede Tageszeit und Gelegenheit. Heute ist er allerorten ein Genussmittel und der Mode unterworfen: Wein in Flaschen mit ansprechendem Äußeren verkauft sich besser und oft beauftragen die Winzer Künstler mit der Gestaltung exklusiver Etiketten. Sie entdecken auch die attraktive Verbindung von Wein und Architektur. Egal, ob trutzige französische Châteaux, rustikale spanische Bodegas oder Entwürfe wie Frank O. Gehrys futuristische Weinstadt nahe dem baskischen Elciego ­ Ideen sind Vorbilder, auch wenn Pläne hier zu Lande weniger kühn sind: Eine adega kann auch baulich Werbung für Wein machen. Die eigenen Landsleute sind indes kaum behilflich; Restaurants setzen als Hauswein selten Algarvewein auf die Karte. Auch Politiker scheinen die Bedürfnisse der Region kaum wahrzunehmen. Landwirtschaftsminister Jaime Silva kündigte die Straffung der Weinwirtschaftsverwaltung an. Es dauere Monate, bis ein Etikett genehmigt oder ein Wein zertifiziert werde. Silva will die regionalen Weinbaukommissionen (comissões vitivinícolas regionais; CVR) reduzieren und wünscht sich für Portugals Süden die Zusammenlegung der CVR für die Weinbaugebiete Algarve, Alentejo und Setúbal. Eine einzige Kommission für ein so großes Gebiet sei nicht effizient, wendet António Lacerda ein, Präsident der CVR der Algarve. Er sieht ,,die Arbeit von zehn Jahren gefährdet”: Erfolgreich erweiterte Anbaufläche, die Optimierung von Anbaumethoden, schonende Traubenverarbeitung und die Erforschung idealer Rebsorten für die verschiedenen Standorte. Weinkritiker preisen Portugal als ,,gut gefüllte Schatztruhe für Entdecker”. Immerhin sind hier über 500 Rebsorten bekannt, viele davon autochthon ­ gute Voraussetzungen für Weine mit eigenständigem Charakter. Doch der Durchschnittskunde in Ausland setzt portugiesischen Wein meist mit Portwein gleich, wie eine Umfrage unter deutschen Weinhändlern ergab. Geschmacksfragen spalten auch das Land der Produzenten. Das WeinwirtschaftsInstitut Instituto do Vinho e da Vinha ermittelte: Der Norden bevorzugt Douro-Weine, Lissabon und der Süden trinken am liebsten Rebensaft aus dem Alentejo. Der spanische Marktanalyst DBK hat 2005 einen Verkaufsrückgang portugiesischer Weine von 2,2 Prozent kalkuliert, heimischer Konsum und Export gehen zurück. Für 2006 sei mit Einbußen von 6 Prozent zu rechnen. Dabei ist die Ernte vielversprechend: Ein Fünftel legt der Alentejo zu, drei Prozent Zuwachs verspricht die Jubiläumsregion Douro, wo die Formadora Zona Verde Fortbildungsseminare für moderne, rentable Produktion veranstaltet. Solche Initiativen begrüßt Vasco Avillez von ViniPortugal, dem Verband zur Markförderung portugiesischer Weine. Diese müssten sich in ,,Preis und Vielseitigkeit” am internationalen Markt orientieren. Der europäische Verbraucher suche ,,Wein, der sich jeder Mahlzeit anpasst”. Das schmerzt portugiesische Winzer, die auf Individualität setzen. Die sehen sie auch von anderer Seite bedroht: Bereits im März unterzeichneten die EU und die USA ein Handelsabkommen, das den Amerikanern erlaubt, Weine nach Europa zu liefern, hergestellt nach Methoden, die in der EU verboten sind. Dazu gehören der Zusatz von Wasser und die chemische Bearbeitung des Weins.

Von HENRIETTA BILAWER

ESA 10/06

 

 

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