Recycling-Häuser

Auf Müll gebaut

Niedrig-, Null- und Plus-Energiehäuser sowie Passivhäuser, sind das eine. Es gibt jedoch Menschen, die nachhaltiges und energieeffizientes Bauen auf ein ganz anderes Niveau bringen. Ihnen dient als Baumaterial der Müll ihrer Mitmenschen

Bereits in den 1970er Jahren entwickelte der Architekt Mike Reynolds das Earthship-Konzept. Dabei handelt es sich um energie-, wasser- und wärmeautarke Häuser, die aus wiederverwerteten Materialien und natürlichen Baustoffen errichtet werden und für jede Klimazone geeignet sind. Die Earthships sollen für den Durchschnittsbürger finanzierbar und ohne spezielle Baukenntnisse realisierbar sein. Ziel ist es, ohne Ausbeutung von Rohstoffen und Verschmutzung der Umwelt und mit nur dem kleinstmöglichen ökologischen Fußabdruck ein Leben in angenehmer Atmosphäre zu schaffen.
Dieses Konzept ist weltweit Vorbild und Richtlinie für den Bau von Häusern aus den unterschiedlichsten Materialen. PET- und Glasflaschen sowie alte Autoreifen scheinen dabei beliebt zu sein. Vor allem in Entwicklungsländern sollen PET-Flaschen, die dort ein großes Müllproblem darstellen, eine gute Lösung für den Bau des Eigenheims sein. Mit Schutt und Sand gefüllt werden sie zum Ziegelersatz. Die drei Kilogramm schweren Behälter werden aufeinandergeschichtet und mit Lehm und Zement verbunden. Ein Netz aus Schnüren verbindet sie am Flaschenhals und gibt dem Bau zusätzlichen Halt. Am Ende wird das Ganze mit Lehm verputzt und angestrichen. Die fertigen Gebäude sollen extrem stabil und sogar feuerfest, kugel- und erdbebensicher sein. 2011 rief die Nichtregierungsorganisation DARE (Verband zur Entwicklung Erneuerbarer Energien) in Nigeria ein Projekt ins Leben, das auf Häuser aus Plastikflaschen setzte. Die Umweltorganisation wollte mit dem unkonventionellen Baustoff zwei Probleme auf einmal lösen: Zum einen die Plastikflaschen, die Nigerias Straßen, Kanäle und Rinnsteine verschmutzen, beim Häuserbau recyceln und gleichzeitig die Wohnungsknappheit im bevölkerungsreichsten Land Afrikas reduzieren.
Zuvor hatten schon andere die Idee gehabt, herum-liegende Plastikflaschen als Bausteine zu nutzen. Der Westfale Andreas Froese, der ebenfalls in Nigeria involviert ist, startete bereits 2001 ein ähnliches Projekt in Honduras und 2008 stellten die deutschen Architekten Dirk Hebel und Jörg Stollmann ihr Projekt ‘United_Bottle’ auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor.
In Kolumbien sind es nicht PET-Flaschen, die überall herumliegen, sondern alte Autoreifen. Dort werden pro Jahr mehr als 5,3 Millionen Reifen entsorgt, das heißt, am Straßenrand aufgestapelt oder schlichtweg verbrannt. Letztes Jahr fand die Umweltaktivistin Alexandra Posada eine sinnvolle Verwendung für sie: Mit ihnen als Baumaterial errichtet Alexandra iglo-ähnliche Häuser, die günstig und erdbebensicher sind. Das Fundament besteht wie gewohnt aus Beton. Eisenstangen und Holzplanken bilden das Grundgerüst. Die Reifen selbst werden dann um die entstandene Struktur gestapelt.
In Portugal beschloss 2013 ein junges Paar, auf Reifen und Getränkedosen als Baumaterial zurückzugreifen. Das Haus Casa Ecofixe (FB: A-NOSSA–CASA-Ecofixe) liegt in Alvarelhos im Bezirk Trofa und ist das erste legalisierte Recycling-Haus in Portugal. Die Außenwände bestehen aus Reifen, die Innenwände aus Dosen. Zudem wurden Paletten eingesetzt. Marta Santos und Pedro Silva suchten ein Haus, um ein gemeinsames Leben zu starten, konnten sich aber die auf dem Immobilienmarkt üblichen Preise nicht leisten. Freunde erzählten ihnen vom Earthship-Konzept und machten sie auf die Möglichkeit aufmerksam, mit Reifen zu bauen. Sie waren auf Anhieb von der Idee begeistert. Doch nicht nur sie waren von der Idee eingenommen. Die gesamte lokale Bevölkerung half ihnen beim Sammeln der Dosen und das für die Wiederverwertung von Reifen zuständige Unternehmen Valorpneu stellte ihnen die Reifen zur Verfügung. Ihr Hausprojekt führte sogar dazu, dass ein neues Bauunternehmen gegründet wurde, das sich auf solche Häuser spezialisieren will. Zudem inspirierten sie ein weiteres junges Paar, das ein ähnliches Haus in Trofa errichten ließ.
Ebenfalls aus der Not entstand in Thailand ein ganz aus Glasflaschen erbauter Tempel, der mittlerweile eine der größten Touristenattraktionen ist. Das buddhistische Kloster Wat Pa Maha Chedi Kaew, auf Deutsch „Tempel der Millionen Flaschen“, liegt in Khun Han, in der Provinz Sisaket, nahe der kambod-schanischen Grenze, und besteht aus über 1,5 Millionen recycelten Bierflaschen. Die umweltfreundlichen Mönche begannen 1984 mit dem Sammeln von Flaschen. Sie lebten damals in baufälligen Hütten und verfügten nicht über die finanziellen Mittel für eine Renovierung. Gleichzeitig hat die Region ein Umweltproblem: Die lebensfrohen Thais trinken viel Bier, doch ein Pfandsystem gibt es nicht. Also beschlossen die Mönche, ihre neuen Gemäuer mit leeren Flaschen zu errichten. Die ersten Ergebnisse waren ermutigend und bald riefen sie die lokale Bevölkerung dazu auf, ihre leeren Glasbehälter im Tempel abzugeben. Ein Vierteljahrhundert später ist eine ungewöhnliche Anlage entstanden, in der alles, von der Pagode über die Andachtshalle, die Wohnunterkünfte und die Toiletten bis zum Krematorium, aus grünen, braunen oder weißen Flaschen besteht. Zudem nutzen sie die Verschlüsse der Flaschen, um kunstvolle Mosaike anzufertigen.
Noch extremer geht der US-Amerikaner Dan Phillips vor. Er baut Häuser aus Schrott. Alte Bilderrahmen, CDs und Toilettenschüsseln, zersprungene Scheiben, kaputte Keramik, abgelaufene Nummernschilder, sogar Tiergerippe sind für den Texaner Rohstoffe zum Häuserbau. Das Ergebnis erinnert an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt: Viel Holz, viel Ornament. Und auf jeden Fall mit mehr Charakter als das 2009 von dem Engländer James May gebaute Haus aus 816 Millionen Legosteinen.

Text: Anabela Gaspar
In ESA 04/16

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