Lagoa dos Salgados

Vogelparadies droht Zerstörung

Paulo Lemos, Staatssekretär für Umwelt, genehmigte am 30. Oktober 2013 den Bau des umstrittenen Tourismusprojekts für die Grundstücke rund um die Lagoa dos Salgados. Man könnte meinen, dass diese Entscheidung bzgl. des von Umweltschützern bekämpften Vorhabens zu Schlagzeilen in allen Medien führen würde. Doch mit Ausnahme von zwei 11 Tage später veröffentlichten Meldungen in regionalen Zeitungen fand die Genehmigung kaum Berücksichtigung durch die Presse. Auch die nicht-staatlichen Organisationen, die zur Plattform Amigos dos Salgados gehören und das Vogelparadies bislang vehement gegen das Finalgarve-Projekt verteidigten, blieben weitgehend stumm

Ein Mitglied der Plattform, Frank Mc­Clintock, traf sich mit ESA. Er ist weder Portugiese noch lebt er in der Algarve, aber der seit Ende der 1980er Jahre im Alentejo lebende Engländer ist Vogelbeobachter und seit 10 Jahren mit Herz und Seele im Kampf für den Erhalt der Lagoa dos Salgados engagiert. Ironisch sagt Frank, dass er nicht über Finalgarve sprechen will, das Unternehmen hinter dem Projekt, das zur Gruppe Galilei gehört, die bis vor kurzem Sociedade Lusa de Negócios (SLN) hieß und die Bank BPN in den Bankrott führte. Oder zumindest fast, denn sie wurde verstaatlicht und nun zahlen die portugiesischen Steuerzahler für die Rettung des Bankinstituts, während SLN, unter neuem Namen, Tourismusprojekt in der Algarve durchführen will. Frank will auch nicht von den Millionen Euro reden, die das Rathaus Silves durch Immobiliensteuer einnehmen wird. Er will auch nicht alle Gesetze und EU-Richtlinien aufzählen, laut denen die Lagoa dos Salgados schon längst als Naturschutzgebiet hätte eingestuft werden müssen  (s. ESA 8/12), oder die gefährdeten Vogelspezies, die hier rasten, nisten oder brüten. Frank will nicht darüber reden, dass es keinen Sinn macht, eine Tourismusanlage dort zu bauen, wo nur wenige Meter weit entfernt eine andere quasi komplett leer steht. Auch darüber, dass das Projekt gegen den regionalen Raumordnungsplan verstößt, der innerhalb eines zwei Kilometer breiten Küstenstreifens ein Bauverbot vorsieht, verliert er kein Wort. Er will sich nicht dazu äußern, dass die Umweltstudie innerhalb nur eines Monats durchgeführt wurde statt über ein ganzes Jahr, um die Vogelwelt vollständig evaluieren zu können. Geschweige denn dazu, dass diese Umweltstudie von Finalgarve finanziert wurde und somit nicht unabhängig sein kann. Auch nicht dazu, dass der Staatssekretär für Umwelt dem Projekt seine Zustimmung gab, in dem er sich auf eine Umweltstudie berief, die nicht das gesamte Projekt, sondern nur ein Fünftel davon betrifft. All diese Fakten seien den Behörden und der Gesellschaft seit langem bekannt. Wieso sie ignoriert werden und das Projekt trotzdem genehmigt wurde, kann Frank nicht nachvollziehen. „Es gibt fast 40 Golfplätze in der Algarve“, sagt er. „Aber nur eine Lagoa dos Salgados. Wollen die Behörden wirklich 350 Hektar dieses einzigartigen Biotops durch einen weiteren Golfplatz, drei Hotels und zwei Apartmentanlagen zerstören?“ fragt er. „Es ist das letzte Stück unbebaute Küste“, fügt er hinzu. „Tausende Vogelbeobachter besuchen jährlich die Region. Nur werden sie nicht wie Golfer, die ihren Flug zusammen mit Golfrunden buchen, statistisch erfasst. Aber sie unterstützen die lokale Wirtschaft“, weiß er zu berichten. Ein Spaziergang rund um die Lagune zeigt, dass er Recht hat. Wir treffen Deutsche, Engländer und auch Russen. Alle sind allein deswegen in die Region gereist, um Vögel an der Lagoa dos Salgados zu beobachten. Daher sind sie sehr enttäuscht, dass die Lagune aufgrund von Arbeiten zur Renaturalisierung derzeit praktisch trocken gelegt ist. Eine unterirdische Pipeline wird von der Wasserkläranlage bis zum Meer gelegt. Zudem soll die Lagune teilweise vertieft werden, an anderen Stellen sollen künstliche Inseln angelegt werden. Frank spricht alle Vogelbeobachter an, erklärt ihnen, was derzeit durchgeführt wird, was für die anliegenden Grundstücke geplant ist und bittet sie, die Online-Petition „Save Salgados“ zu unterschreiben. Diese Besucher seien der Beweis, dass es sich lohnt, in den Naturtourismus zu investieren. Tatsächlich haben die regionalen Tourismusbehörden in den letzten Jahren Vogelbeobachtung als touristisches Angebot identifiziert und gefördert. „Deshalb verstehe ich nicht, wieso die Behörden nun erlauben, dass das bedeutendste Gebiet für Vogelbeobachtung in der Region zerstört wird“. Darüber, dass Finalgarve im Projekt auch die Einrichtung eines Naturparks mit Informationszentrum, Vogelbeobachtungsposten und Holzstegen rund um die Lagune plant, kann Frank nur lachen. „Es wird lediglich einen 70 bis 100 Meter breiter Korridor um die Anlage geben“, sagt er. „Das kann man nie im Leben als ‚Naturpark‘ bezeichnen“.Er hat bereits viel Zeit und Geld investiert. Ist durchs ganze Land gereist, um sich mit den zuständigen Behörden zu treffen. Allein während der öffentlichen Konsultation zur Umweltstudie leitete Frank 700 Beschwerden an die regionale Entwicklungskommission CCDR, die portugiesische Umweltagentur APA und das Rathaus von Silves weiter. Leider ohne Erfolg. Für ihn aber ein klares Zeichen dafür, dass die Bevölkerung die Tourismusanlage nicht will. „Das Projekt wurde als PIN, also als Projekt nationalen Interesses eingestuft. Es ist aber gegen das Interesse der Gemeinschaft“, so Frank. „Die Lagune und die umgebende Landschaft gehören uns allen. Nach dem Bau der Anlage werden viele der Wege rund um die Lagune und bis zum Strand gesperrt sein. Und die Vögel werden nicht mehr kommen. Nicht, wenn nur 100 Meter von der Lagune entfernt alles bebaut ist“, versichert Frank. Daher wird er weiterhin unermüdlich gegen das Tourismusprojekt von Finalgarve kämpfen.

In der Genehmigung des Staatssekretärs für Umwelt werden „Auswirkungen“ eingeräumt, „diese seien jedoch minimierbar“. Zu den angeführten negativen Einflüssen gehören „die Bebauung einer enormen landwirtschaftlichen Fläche mit sehr fruchtbaren Boden; Zunahme des menschlichen Einflusses auf ein Naturgebiet mit negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt; Beeinflussung der Qualität des Grundwassers durch Düngung u.ä.; drastische Reduzierung der Landschaftsvielfalt“, um nur einige zu nennen. Die Liste der positiven Einflüsse beschränkt sich hingegen auf die Schaffung von 415 Arbeitsplätzen. „Die meisten davon während der Bauphase“, wirft Frank ein, „Während die Lagune das ganze Jahr über naturbegeisterte Touristen anzieht, vor allem im Herbst, in der sogenannten Nebensaison“. Zwischenzeitlich hat die neue Bürgermeisterin von Silves, Rosa Palma, der Presse gegenüber eine ähnliche Meinung geäußert.

In einem Interview mit der ESA sagte Luís Costa von SPEA, dem portugiesischen Verein für Vogelkunde, dass es noch Hoffnung gäbe, das Projekt zu stoppen. Nicht, weil die Umweltstudie nur unter Auflagen genehmigt wurde, die u.a. die Zustimmung der regionalen Behörde, der Reserva Agricola Nacional, für die Lage des Golfplatzes sowie die Freigabe durch Águas do Algarve voraussetzt, da die Anlage auf einem wichtigen unterirdischen Wasserreservoir gebaut werden soll. Costa ist sich sicher, dass sich die Promotoren bereits mit beiden Behörden abgesprochen haben und deren Zustimmung erfolgen wird. Costas Hoffnung beruht vielmehr darauf, dass die Umweltstudie nur ein Fünftel der gesamten Anlage berücksichtigt. „In Portugal ist es leider üblich, Projekte aufzuteilen, d.h. Umweltstudien für die jeweiligen Teile ausarbeiten zu lassen und so die entsprechenden Teile hintereinander genehmigen zu lassen. Nachdem der erste Abschnitt genehmigt ist, traut sich keine Behörde mehr, den zweiten nicht zu genehmigen“, erklärt Luís Costa. „Die Frage ist, wird Finalgarve auf die Genehmigung aller Teile warten, um mit dem Bau anzufangen, oder gleich starten?“ Gegen diese fragwürdige Methode einer Genehmigung, will SPEA zusammen mit den anderen Organisationen der Plattform bei der EU-Kommission Klage einreichen. Anfang dieses Monats wird SPEA sich mit den Umweltschützern von Almargem, A Rocha, LPN, Quercus und anderen Mitgliedern der Plattform Amigos dos Salgados treffen, um weitere Maßnahmen zu besprechen. ESA wird weiter berichten.

Anabela Gaspar
ESA 12/13

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