Korkeiche: Ein Baum fürs Leben

Seit der Mönch Dom Pierre Pérignon vor 350 Jahren eine Flasche Rebensaft mit Kork verschloss, statt mit dem bis dahin üblichen mit Öl getränkten Stoffpfropfen, hat das Naturmaterial sich als vielseitiger Werkstoff durchgesetzt. Die Korkeiche, deren Rinde in diesen Wochen geschnitten wird, ist ein wichtiger Bestandteil der Algarve-Ökologie

Wer „Korkeichen mithilfe von Stangen rüttelt, wird zur Strafzahlung verurteilt.“ Was der portugiesische König D. Sancho vor achthundert Jahren dekretierte, zeugt von Wissen um den Wert des Baumes. Seitdem genoss die Korkeiche in Portugal stets besonderen gesetzlichen Schutz und ist seit 2012 Nationalbaum. Luís Neves Silva bedauert indessen, dass „die Realität der Symbolik hinterherhinkt“. Der Forstingenieur aus Lissabon ist einer der Verantwortlichen für ein Wiederaufforstungs-Projekt, das der World Wide Fund for Nature (WWF) vor zehn Jahren in der Algarve als Maßnahme gegen die Folgen der schweren Waldbrände der vorangegangenen Jahre initiierte. Nach einer Dekade ziehen Neves Silva und seine Kollegen Bilanz: Einige Vereinigungen von Korkproduzenten entstanden, die Unterstützung benötigen. In der Region müssen noch mehr Bäume gepflanzt und das Tempo der Aufforstung gesteigert werden.
Die Waldbrände vergrößerten eine Gefahr, die schon viel länger drohte: Durch Versteppung verlor Portugal in den vergangenen 45 Jahren die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche – mehr als jedes andere Land der Welt. Die Zuteilung von Geldern, die das Land aus dem EU-Fonds für die Entwicklung ländlicher Bereiche (PRODER) zur Wiederaufforstung nach dem Feuer erhielt, endet dieses Jahr. Die Entscheidung über eine Verlängerung steht aus. Deshalb appelliert Forstingenieur Neves Silva an die Politiker: „Nimmt der gegenwärtige Korkeichen-Bestand ab, setzt sich die Versteppung nach Norden fort“ – pro Jahr um einen Kilometer. Vierzig bis achtzig Bäume pro Hektar seien nötig, um weiterer Wüstenbildung vorzubeugen. Zudem wollen die Forstfachleute die Anbaufläche der Korkeichen in nördliche Richtung ausdehnen und um ein Fünftel vergrößern.
Luís Neves Silva nimmt an Forstschutz-Projekten in vielen Ländern teil und bringt neue Erkenntnisse und Kontakte mit. So entstanden Kooperationen mit internationalen Umwelt-Organisationen wie der Rainforest Alliance und dem Forest Stewardship Council (FSC). Ihr gemeinsames Credo: Angesichts der zunehmenden Weltbevölkerung, der dadurch wachsenden Nachfrage nach Rohstoffen und der Notwendigkeit, Wachstum nachhaltig zu gestalten, „müssen bei geringerem Wasserverbrauch und auf geringerer Fläche größere Erträge erzielt werden; gleichzeitig soll weniger umweltbelastende Materie anfallen“. Die Korkeiche habe dabei „oberste Priorität. Sie ist der größte nationale Naturschatz mit exzellentem Umweltservice“.

Der Standort des Baumes im Hinterland der Algarve markiert die Grenze zwischen fruchtbaren und ariden Böden. Die uralte Spezies sichert die Unversehrtheit des Ökosystems, denn ihre tiefen und ausgedehnten Wurzeln schützen den Boden vor Erosion. Der Baum reguliert den Grundwasserzyklus und minimiert Effekte des CO2-Ausstoßes. „Wir müssen von der Natur lernen,“ appelliert Neves Silva. Wissenschaftler wollen die natürlichen Eigenschaften des immergrünen Baumes nutzen und Korkproduzenten werden durch das Gütesiegel des FSC für nachhaltige Forstwirtschaft unterstützt. Waldwirtschaft und Kork verarbeitende Industrie könnten eine bedeutende Zahl direkter und indirekter Arbeitsplätze schaffen.
Korkeichen wachsen als montado (vereinzelte Bäume auf Weideland) und im sobreiral (ein zusammenhängender Wald in bergiger Landschaft). In diesem Biotop gedeiht eine reichhaltige Flora, weil Korkeichen die ökologischen Ansprüche der Arten erfüllen, die in ihrer Nachbarschaft wachsen. Der Erdbeerbaum gedeiht hier ebenso wie Pfefferbäume, Ginster, Hülsenfrüchte, Heidekräuter, Zistrosen, Gehölz, das für die lokale Bevölkerung als Brennstoff für den heimischen Ofen nutzbar ist. Viele Speisepilze wachsen in Symbiose mit dem Baum und es gibt zahlreiche Ufergewächse, die Wasserhaushalt und Stabilität von Flussbetten regeln. Auch rund 120 teilweise bedrohte Wildtierarten leben in nahrungsreichen Korkeichenbiotopen; die Nutztiere der Kleinbauern grasen im Schatten der Bäume und genießen die nahrhafte Eichelmast. Lavendel und Rosmarin wachsen bei den Korkeichen, wovon Imker profitieren.

Der WWF und seine Partner in Portugal wollen Erzeuger, Politiker und Industrie an einen Tisch bringen. Doch trotz Einsicht in die ökologische Notwendigkeit stoßen Aufforstungs-Pläne oft auf Skepsis. Die Menschen im Hinterland kennen die Geschichte des staatli-chen Bewaldungs-Programms von 1901, das ohne Rücksicht auf die Belange der Menschen durchgezogen wurde, viele Bauern ihrer Existenz beraubte und die erste große Landflucht aus dem Süden auslöste. Zwar werden heute die Anwohner hinzugezogen, doch nun trüben Wirtschaftsprognosen die Argumente der Forstingenieure: Synthetische Produkte verdrängen den Naturkork. Dessen Weltmarktpreise fallen und bedrohen die traditionelle Korkwirtschaft: Flaschenkork beispielsweise macht zwar nur ein Drittel der Korkproduktion aus, aber 70 Prozent der Wertschöpfung.
Text: Henrietta Bilawer
ESA 07/2015

Info:

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