Quercus

Quercus, Portugals größter und bekanntester Umweltschutz-Verband, wird 25 Jahre alt und ist längst eine Säule der Umweltpolitik des Landes. Nach einem Vierteljahrhundert Arbeit zum Schutz von Flora und Fauna, Luft, Böden und Wasser sagen die Aktivisten: Es gibt mehr zu tun als schon getan wurde

Umweltschutz gab es in Portugal schon vor über fünfhundert Jahren, auch wenn niemand diesen Begriff benutzte. Naturschutz war das kreatürliche Handeln zur Pflege, Erhaltung und Gestaltung des eigenen Lebensraums: Historische Quellen überliefern Jagdverbote in bestimmten Gebieten und zu bestimmten Jahreszeiten. Auch durften einige Baumarten nur bedingt gefällt werden, sonst drohten Strafen, die sich nach dem Wert der jeweiligen Spezies richteten. Portugal exportierte diesen im 15. Jahrhundert schon sehr detaillierten Kodex in seine an Naturschätzen reiche Kolonie Brasilien, wo es das Handels-Monopol für das Tropenholz pau brasil besaß. Dessen Abholzung wurde 1605 reglementiert, es kam zu ersten Konflikten zwischen Waldschutz und Wirtschaft (heute steht die vom Aussterben bedrohte Art unter Naturschutz). Portugal sei aber ,,zumindest in den letzten hundert Jahren kein Pionier des Umweltbewusstseins”, sagt José Soromenho Marques. Der 52-jährige Hochschullehrer ist Teil des modernen, institutionalisierten Umweltschutzes in Portugal: In den 1990er Jahren war er Quercus-Präsident, dann Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift National Geographic, seit 2007 Koordinator im Umweltprogramm der GulbenkianStiftung und Berater von EU-Kommissionspräsident Durão Barroso. ,,Der Mensch ist nicht das Produkt seiner Umwelt, die Umwelt ist das Produkt des Menschen”, so Marques: Die Zeit der Diktatur in Portugal, ländliche Struktur und unterentwickelte Industrie und Ausbildung verhinderten jahrzehntelang die ,,gesellschaftliche Mitwirkung, die für Schaffung und Umsetzung von Umweltmaßnahmen nötig ist”. Andere Kolonialstaaten hatten die Kolonialmacht Portugal zu Konventionen zum Schutz von Fauna und Flora in Afrika veranlasst, doch daheim basierte der Naturschutz bis in die 1970er Jahre kaum auf politischen Schritten. Einzelne Persönlichkeiten stimulierten den Umweltgedanken. Der Schriftsteller und Journalist Raul Brandão beschrieb 1923 in Os Pescadores (dt. 2001: ,,Die Fischer”) die Zerstörung der Fischbestände durch eine rücksichtslose Fischerei-Industrie. Aquilino Ribeiro schilderte in Quando os Lobos Uivam (dt. 1965: ,,Wenn die Wölfe heulen”), wie Bewaldung im Dienst der Zellstoff-Industrie die Flora beschädigt. 1939 erschien in der Revista Agronómica die erste Studie über NaturschutzMaßnahmen anderer Staaten. Und 1948 entstand Portugals erste Umwelt-Bewegung, die Liga para a Protecção da Natureza (LPN) ­ auch hier gab ein dichterisches Werk den Anstoß: Sebastião da Gama hatte 1945 mit Serra-Mãe gegen die Zerstörung eines Waldgebietes in der Serra da Arrábida protestiert. Erst nach 1980 formierten sich weitere Umwelt-Gruppen, die meisten mit regionalen oder lokalen Anliegen, da weite Teile der Umweltpolitik zum Aufgabenbereich der Kommunen gehören. Heute verzeichnet die Umweltagentur rund 120 Vereine, in der Algarve Almargem, A Rocha, Laia und A Nossa Terra. Die landesweit bedeutendsten sind, neben der LPN, die Forschungsgruppe für Landschaftsplanung und Umwelt GEOTA sowie Quercus, 1985 als gemeinnütziger, unabhängiger Verbund von Bürgern für den Umweltschutz gegründet (www.quercus.pt). Quercus ist international anerkannt und erhielt 1992 den Umweltpreis Global 500 der Vereinten Nationen. Der Name ist Programm (Quercus ist die lateinische Bezeichnung der in Portugal in ihrem Bestand bedrohten Eiche, Kork- und Steineiche), doch wuchsen die Aufgaben parallel zum wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt: Genetisch veränderte Lebensmittel, Fischerei, erneuerbare Energien, Abfall, Küstenerosion, das Klima, Landwirtschaft und Forsten, Gewässer- und Tierschutz, Luftverschmutzung ­ die Inhalte vermehrten sich exponentiell. Nach 25 Jahren ,,ist der Weg, der vor uns liegt, länger und breiter als der bereits zurückgelegte”, resümiert Quercus-Aktivistin Susana Fonseca. Während strukturierte Umwelt-Aktivität in Europa aus gesellschaftlichen Bewegungen erwuchs, begann in Portugal die Entwicklung nicht von innen, sondern als Reaktion auf Impulse von außen, wie 1971 im Fall der Nationalen Umweltkommission. Diese erste staatliche Stelle war Folge einer Einladung der Vereinten Nationen zur Teilnahme an den Vorbereitungen zur UN-Umweltkonferenz 1972. Portugal, damals wegen seiner Kolonialpolitik international isoliert, nahm den Vorschlag gerne an und verfasste den ersten nationalen Umweltbericht. Nach der Nelkenrevolution wurde der Umweltschutz 1976 in die Verfassung aufgenommen; in den Folgejahren entstanden Verordnungen zum Schutz des natürlichen Landschaftsreliefs, von Kulturböden und Vegetation und zur Raumordnung, 1983 zur Schaffung von Naturschutzgebieten (Reserva Ecológica Nacional, REN). Portugals Integration in die EU 1986 gab weitere Impulse. Das erste Umweltministerium wurde 1990 eingerichtet. Einzel-Initiativen ,,sind wichtig und können etwas bewegen, aber für langfristige und flächendeckende Maßnahmen braucht man eben staatliche Reglementierung”, so Quercus-Sprecherin Fonseca. Quercus, der Jubilar, hat an der formalen und inhaltlichen Gestaltung der Umweltpolitik Portugals großen Anteil. Punktuelle Aktionen gehören zur täglichen Arbeit wie auch Langzeit-Projekte. Die Öffentlichkeit wird stets einbezogen. Etwa werktags, morgens um kurz von Zehn, widmet der Rundfunksender RDP 1 um minuto pela terra, eine von Quercus produzierte ,,Minute für die Erde” mit alltagstauglichen Tipps für Haushalt und Hobby. Seit 2007 produziert Quercus TV-Filme zu Umweltthemen (www.quercustv.org). José Soromenho Marques sieht positive Effekte für die Umwelt aktuell ,,ausgerechnet aus den fatalsten Gründen”: Portugal übertreffe die Anforderungen niedriger CO2-Emissionen im Sinne des Kyoto-Protokolls bis 2012 um rund zwei Prozent (www.cumprirquioto.pt) vor allem wegen sinkender Industrie-Produktion und Transport-Rückgang durch die Wirtschaftskrise”. In Österreich heißt das Umwelt-Ministerium Lebensministerium, erinnert Marques und mahnt, in einem Land wie Portugal, in dem drei Viertel des Territoriums als ländlicher Raum gelten, habe deshalb ,jegliche politische Entscheidung, die diesen Raum betrifft, auch umweltpolitische Wirkung”. 1992 erhielt Quercus den Umweltpreis ,,Global 500″ der Vereinten Nationen.

Henrietta Bilawer

ESA Insite zu diesem Thema finden Sie online: www.entdecken-sie-algarve.com

ESA 11/10

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